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Atombunker Siegen

Im früheren Atombunker bringt der Beton den Ohren die Flötentöne bei

15.06.2012 | 10:00 Uhr
Im früheren Atombunker bringt  der Beton den Ohren die Flötentöne bei
Holger Hagemeyer verspricht Hörerlebnisse am Tage der offenen Tür im ehemaligen Atombunker. Foto: Thomas Nitsche

Siegen.   Der ehemalige Atombunker in Siegen-Weidenau ist an diesem Samstag zum ersten Mal für die Öffentlichkeit zugänglich. Seit November 2011 gehört der Betonbau dem Bunkergemeinschaftszentrum aus Oberhausen. 400 000 Euro hat die Gesellschaft für den Kauf und dem Umbau investiert.

Die Gehörschnecke. Nein - nicht igitt. Sie schleimt nicht. Sie kriecht nicht. Sie ist kein Bauchfüßer aus dem Garten. Die Geschichte geht ganz anders.

Hals-Nasen-Ohren-Ärzte kennen sie als Labyrinthus cochlearis. Ihr Platz ist im Innenohr. Mit ihr wird der Schall in Nervenimpulse verwandelt. Und im früheren Atombunker in Siegen-Weidenau frohlockt sie.

Gleich an vier Stellen der 2000 Quadratmeter hat jeder Besucher in dem 15 Meter hohen Koloss aus Beton am Friedrich-Flender-Platz die Chance, sein inneres Ohr selbst zu hören. Ein akustisches Phänomen, das jedem beim Sprechen ein Lächeln ins Gesicht zaubert. „Ist das nicht irre?“, fragt Holger Hagemeyer. Die Antwort kennt er: Ja, irre. Jeder Satz klingt im Kopf auf sonderbare Weise nach - Dolby-Surround-Effekt, der die Ohren leicht vibrieren lässt.

„Das gibt es meines Wissens nur noch im Chinesischen Haus im Park Sanssouci in Potsdam“, sagt der 54-Jährige. Er ist der technische Geschäftsführer des Bunkergemeinschaftszentrums (BGZ) in Oberhausen. Im November vergangenen Jahres hat die GmbH den Bunker erworben. „Mit allem Drum und Dran, mit allen Umbauten, vom Brandschutz bis zur Lüftungsanlage, kostet uns das Projekt 400 000 Euro.“

Es ist der 30. Bunker in Nordrhein-Westfalen, den das Unternehmen gekauft hat. Ein Mann, der eine besondere Schwäche für Beton hat, ist Hagemeyer nicht. „Für uns rechnet sich das. Wir können künftig Räume auf drei Etagen an 50 verschiedene Parteien vermieten. 35 Einheiten haben wir unter Dach und Fach.“

Aber wer will sich hinter zwei Meter dicken Betonwänden ohne Fenster, sprich natürliches Licht, aufhalten. Musiker zum Beispiel. Bands, aber auch Fotostudios, mieten sich hier mit Vorliebe ein. Rund um die Uhr können sie hier das Schlagzeug bearbeiten und die Bässe aufdrehen. Niemand hört es, niemand stört es. „Eine vierköpfige Band“, sagt der Geschäftsführer, „bezahlt bei uns im Monat 100 Euro Miete.“ Ein Blick in die zweite Etage verrät, es wird bereits fleißig geübt.

Bis dahin war es für Hagemeyer und seine Mannschaft keine leichte Übung. Die Dimensionen, mit denen der Bau 1941 als Hochbunker errichtet wurde, sind gewaltig. Eine Festung aus Beton. Jedes Fenster kostet Aufwand und Geld. „Das Entfernen von einem Quadratmeter Außenwand, zwei Meter stark, kostet 10 000 Euro. Damit sind zwei Leute fast zehn Tage beschäftigt.“ Imponierend sind die Ausmaße der erst 1989 eingebauten Strahlenschutztüren. „Im Jahr der Wende ist der Bunker noch einmal aufgerüstet worden.“

Dazu gehört eine Lüftungsanlage, mit einem Filter, der das Einströmen radioaktiver Strahlung verhindern sollte. Im Erdgeschoss ersticken die neuen Besitzer aus diesem Grund an einem anthrazitfarbenen Sandgranulat. „Auf 150 Quadratmeter, 1,50 Meter hoch, ist alles voller Sand. Er sollte die Luftströme filtern.“ Den Sand gibt Hagemeyer gratis ab. „Uns ist er im Weg. Interessenten sind willkommen.“ Stichwort Lüftung: Die Luft ist frisch, nicht stickig, nicht feucht.

Die Gänge in dem fast fensterlosen Gebäude wirken unheimlich. Leuchtstreifen an Stufen und Wänden weisen den Weg, wenn der Strom ausfallen sollte. Toiletten sind vorhanden - in der Originalversion. Nur Vorhänge trennen die WC-Besucher. „In den Bunkern gab es keine gemauerten Wände. Bei einer möglichen Druckwelle wären sie zusammengefallen und hätten die Menschen verletzt.“

Für 1392 Kinder, Frauen und Männer bot der Bunker nach Angaben des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) Schutz. Spätestens seit 2007 ist kein Steuergeld mehr in den Bau geflossen. Vor sechs Jahren entschieden die Innenminister der Länder, das Schutzprogramm für die Bevölkerung aufzugeben.

Warum? Mit dem Ende des Kalten Krieges war der so genannten Bedrohungslage der Boden entzogen worden. „In die Funktionsfähigkeit aller Anlagen ist bundesweit seither nichts investiert worden“, heißt es beim BKK, „nur die bauliche Sicherheit wurde mit Finanzmitteln gewährleistet.“

Der Gehörschnecke kommt dies zugute. Erstmals darf sie in Siegen am Samstag öffentlich jubilieren.

Joachim Karpa



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