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Euro-Krise

"Die Griechen wollen endlich wieder lachen können"

19.06.2012 | 18:35 Uhr
"Die Griechen wollen endlich wieder lachen können"
Markus Stolz lebt seit acht Jahren in Griechenland.

Athen/Siegen.   Der gebürtige Siegerländer Markus Stolz lebt seit acht Jahren in Athen. Der vierfache Vater und ehemalige Finanzhändler ist mit einer Griechin verheiratet und arbeitet heute als Weinexporteur. Er sieht täglich die Misere der Menschen in dem klammen Mittelmeerland, sagt der 45-Jährige.

Die gebeutelten Griechen fiebern dem Viertelfinalspiel bei der Fußball-EM gegen Deutschland am Freitag entgegen. Der gebürtige Siegerländer Markus Stolz, verheiratet mit einer Griechin, lebt seit acht Jahren in Athen. Der vierfache Vater hat viele Jahre als ­Finanzhändler gearbeitet. Heute exportiert er griechischen Wein.

Herr Stolz, was bedeutet der Viertelfinal-Einzug der Nationalelf den Menschen in Griechenland?

Markus Stolz: Es ist ein Ruck durch das Land gegangen. Die Menschen können für einen Moment durchatmen, sich mit etwas beschäftigen, bei dem sie sich keine Sorgen machen müssen. Sie sind stolz darauf, dass das Land endlich mal wieder anders in Europa wahrgenommen wird - dass die Griechen doch noch für bestimmte Dinge gut sind.

Dennoch wird Häme ausgeschüttet. Zum Beispiel in Internet-Foren. Da ist davon die Rede, dass auf den Trikots der griechischen Nationalmannschaft der Sponsorenname „Deutschland“ stehen müsste...

Stolz: Ich bin schon schockiert, wie krass die Meinung bei manchen Deutschen über Griechenland ist. Natürlich sind viele Griechen darüber verletzt, dass in anderen Ländern falsche Ansichten herrschen. Der Durchschnitts-Grieche ist nicht der Faule, der keine Steuern zahlt und selbst an der Krise Schuld ist.

Die Wut scheint sich besonders auf deutsche Politiker zu fokussieren.

Stolz: Es sind die Widersprüche, über die sich die Griechen aufregen. Erst wurde kritisiert, dass das politische System korrupt ist. Als aber bei den Wahlen im Mai die Linke so stark wurde, kam Panik auf. Vor der Wahl am Sonntag unterstützte Frau Merkel massiv die Konservativen, die für die bisherige Politik mitverantwortlich sind. Man kann nicht auf Veränderungen drängen und zurückrudern, wenn diese nicht ins Wunschbild passen. Zudem ist manche Wortwahl sauer aufgestoßen. Es wurde zum Teil sehr wenig Verständnis für den einzelnen Bürger kommuniziert.

Wie sieht denn die Lebenswirklichkeit aus?

Stolz: In den letzten zwei Jahren sind die Einkommen um 30 bis 40 Prozent eingebrochen, gleichzeitig musste die Regierung wegen der Sparauflagen aus der EU die Steuern erhöhen. So haben sich z.B. die Spritpreise fast verdoppelt. Früher habe ich eineinhalb Stunden ins Zentrum von Athen gebraucht, jetzt nur noch 25 Minuten. Es sind nicht mehr so viele Autos unterwegs - die Leute können sich den Sprit nicht mehr leisten. Ein anderes Beispiel: Meine Kinder gehen auf eine Privatschule. Jetzt kam mein Sohn mit hängendem Kopf zu mir und berichtete, dass nach den Sommerferien viele seiner Freunde nicht mehr am Unterricht teilnehmen können. Deren Eltern könnten die Schule nicht mehr bezahlen.

Das heißt, das auch kein Geld mehr für Einkäufe da ist?

Stolz: Die Athener Fußgängerzone „Ermou“ hat es einst mit den großen Einkaufsstraßen der Welt aufgenommen. Heute stehen viele Geschäfte leer. Stattdessen finden sich dutzende Läden, in denen Münzen und Schmuck gegen Bargeld eingetauscht werden können. In Athen gibt es eine Stelle, in der kostenloses Essen an Arme ausgegeben wird. Noch vor zwei Jahren sah man dort Menschen über 70, jetzt ist die Mehrzahl zwischen Anfang 40 und Mitte 50 alt. Ein anderes Beispiel: Krebspatienten erhalten keine Medikamente mehr, wenn sie nicht bar bezahlen. Dass es so etwas mitten in Europa gibt.

Was ist zu tun?

Stolz: Die Wirtschaft kann nur angekurbelt werden, wenn mehr Gewicht auf Wachstum und Investitionen gelegt wird. Dazu muss der von der EU verhängte Sparkurs gelockert werden. Damit die Griechen endlich wieder lachen können - was sie immer ausgiebig getan haben.

Rolf Hansmann



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