Dem kleinen Manne
20.05.2010 | 17:14 Uhr 2010-05-20T17:14:00+0200
Rheinberg. Was Hanns Dieter Hüsch für die Niederrheiner, ist Frank Goosen längst für die Ruhrgebietler. Davon konnte sich das Publikum am Mittwochabend in der ausverkauften Stadthalle Rheinberg überzeugen.
Wie Hüsch die Niederrheiner charakterisierte, so schaut der Bochumer Kabarettist den Menschen aus dem Kohlenpott buchstäblich auf´s Maul. Ging Hüsch noch sprachlich vornehm mit den Niederrheinern um („Wissen nix, können aber über alles reden“), bevorzugte Goosen natürlich den Ruhrgebietesjargon: deftig-heftig.
„Woanders is auch Scheiße“, zitierte er seinen Großvater, der das Revier heiß und innig liebte. Wie wohl Goosen auch. Wenn er zum Beispiel in den Bordelljargon des Bochumer Eierbergs glitt. Kein Ausrutscher war das, sondern authentischer Kohlenpottjargon. Das Publikum genoss es, fiel von einem brausenden Lachanfall in den nächsten. Es wurde ein vergnüglicher Abend mit zwei Mal 50 Minuten knallhartem Programm.
Für den typischen Ruhrgebietsmenschen endet die Welt nahebei. „Südlich von Hattingen ist für mich Tirol, nördlich von Recklinghausen Dänemark, östlich von Unna beginnt Sibirien und westlich von Duisburg ist die Welt zu Ende und alle fallen ins Urmeer“, definierte Goosen seine Heimat, den Kohlenpott. Damit schwämmen die Rheinberger im weiten Ozean. „Ich nehme sie mit auf eine kleine Reise – in meine Heimat, das Ruhrgebiet.“ Gestand sogleich schelmisch ein: „Schön isset nich.“ Doch das würde der Ruhrgebietler nie zugeben. Wenn der auf dem Oberhausener Gasometer stünde, würde ihm rausrutschen: „Boah wat ne geile Gegend.“ Der Kabarettist schaut den Menschen aufs Maul und ins Gemüt. „Wir sind nicht besonders höflich, aber sehr korrekt.“
Geschichten
von zu Hause
Genüsslich sezierte Goosen drastisch die Lebensweisheiten des Kohlenpottlers. Zum Vergnügen seines begeisterten Publikums. „Von nix ne Ahnung, aber immer ne große Fresse.“ So ähnlich hatte schon Hüsch die Niederrheiner charakterisiert. „Wir sind aber große Sprücheklopper“, meinte er. Das ging bei ihm bis ins Menschliche, zum Beispiel bei der Schilderung der Waschgewohnheiten. „Frauen müssen sich im Gegensatz zu Männern regelmäßig waschen“, verkündete er. „Bei Männern wird ein herber Geruch toleriert.“ Das Bildungsniveau in seiner Bochumer Bergmannssiedlung charakterisierte er in einem Satz: „Wo der Bücherbus mit verhängten Scheiben durchfährt.“ Und die Liebe zum Kleingarten? „Der Schrebergarten iss dem kleinen Mann sein Sanssouci.“
Als einziges Requisit diente auf der Bühne eine riesige 70er-Jahre Tapete mit dem Abbild eines alten Röhrenradios. Enttäuscht zeigte sich der Kabarettist, dass Essen als Kulturhauptstadt 2010 seinen Spruch „Woanders is auch Scheiße“ nicht als Motto des Kulturjahres nahm. Seine urige Schilderung offenbarte bei ihm dennoch die Liebe zur Heimat. „Geschichten von zu Hause“ nannte er die von Oma und Opa, bei denen sich die Zuhörer vor Lachen bogen. Von Helden und Laberfürsten, von Fußball, den frechen Blagen und alten Frauen, die nicht auf den Mund gefallen sind, erzählte er in seiner Art, keinesfalls boshaft.
Mancher Zuhörer in der Stadthalle fand sich als Spiegelbild wieder. Es wurde ein genüsslicher Abend, ein Highlight des lokalpatriotischen Kabaretts.
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