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Kirche gibt Erzieherin nach Scheidung keine Chance

12.09.2010 | 19:19 Uhr
Kirche gibt Erzieherin nach Scheidung keine Chance

Meschede.Die katholische Kirche stellt eine Erzieherin aus Wehrstapel nicht ein, weil sie vor 23 Jahren einen bereits geschiedenen Mann geheiratet hat. Die Zeit heile die Wunden nicht, sagt die Kirche.

Christiane Gierse ist verbittert und muss mit den Tränen kämpfen, wenn sie die Ereignisse um ihre Person in den vergangenen zwei Wochen schildert. Sie versteht die Welt und vor allem ihre Kirche nicht mehr, für die sie sich über viele Jahre so sehr engagiert hat.

Bis Anfang des Jahres ist Christiane Gierse Erzieherin in der Spielgruppe der Elterninitiative „Krabbelkäfer“ in Wehrstapel. Mangels Kinder wird die Gruppe aufgelöst und die dreifache Mutter freut sich, ab 1. Juni bis zum Beginn der Sommerferien die Sprachförderung im St.-Franziskus-Kindergarten in Meschede stundenweise auf Honorarbasis übernehmen zu können.

Das jeweils nur für einen bestimmten Zeitraum genehmigte Projekt läuft aus und Christiane Gierse und ihr Ehemann Friedhelm fahren in die Ferien. Während des Urlaubs erreicht die Wehrstaplerin ein Anruf vom Kindergarten mit der Frage, ob sie nicht eine Schwangerschaftsvertretung als Erzieherin in Vollzeit übernehmen könne.

Sie willigt spontan ein und leitet seit dem 20. August mit viel Freude die „grüne Gruppe“. Parallel bewirbt sie sich für die vakante Teilzeitstelle als Erzieherin in Festanstellung.

Christiane und Friedhelm Gierse.

„Pfarramtliches Zeugnis“ ist positiv

Ihre gute Stimmung ändert sich schlagartig, als ihr über die Kindergartenleitung vom Gemeindeverband Hochsauerland-Waldeck und letztlich von Paderborn signalisiert wird, dass sie grundsätzlich nicht die Voraussetzung für die Arbeit in einer katholischen Einrichtung mitbringe, weil sie vor 23 Jahren einen bereits geschiedenen Mann geheiratet hat. Ganz anders liest sich das im „Pfarramtlichen Zeugnis“, ausgestellt am 20. August 2010 und unterzeichnet von Pfarrer Johannes Sprenger: „Frau Gierse hat hohes Ansehen in der Gemeinde und wird von mir für eine Anstellung im kirchlichen Dienst empfohlen.“

In dem Zeugnis ist auch fein säuberlich aufgeführt, was die 48-Jährige bislang schon alles in der Heimatgemeinde Heilige Familie geleistet hat und welches Vertrauen ihr entgegengebracht worden ist. Allein acht Jahre saß sie im Pfarrgemeinderat, hat Kommunionkinder und Firmlinge begleitet, Lektorendienst übernommen, bei der kfd im liturgischen Arbeitskreis mitgewirkt und sogar die Kirche geputzt. „Und alle haben gewusst, dass ich mit einem geschiedenen Mann verheiratet bin“, so Christiane Gierse.

Umso unverständlicher ist es deshalb für sie und ihren Mann, dass sie jetzt plötzlich nicht mehr tragbar sein soll. Eltern, Kirchenvorstand der Trägergemeinde Mariä Himmelfahrt und die Kindergartenleitung sind auf ihrer Seite und setzen sich für sie ein. Alles vergebens.

„Missbrauch verjährt, Scheidung aber nicht.“

Die Eheleute Gierse macht es maßlos traurig, dass in der Kirche ihrer Auffassung nach mit zweierlei Maß gemessen wird: „Missbrauch verjährt, Scheidung aber nicht.“

Leidtragende sind nach Auffassung der engagierten Erzieherin auch die Kinder im Franziskus-Kindergarten: „Sie müssen sich schon wieder an neue Bezugspersonen gewöhnen.“

Das ehrenamtliche Engagement in der Kirchengemeinde Wehrstapel, das ihr immer ganz viel Spaß gemacht habe, hat Christiane Gierse auf der Stelle „gekündigt“: „Ich möchte der Kirche nicht zur Last fallen.“

Dass dieser Fall sicher grenzwertig, aber dennoch eindeutig aus Sicht der Kirche ist, bestätigt auf Anfrage der Westfalenpost Ägidius Engel, Pressesprecher des Erzbischöflichen Generalvikariats in Paderborn: „Es liegt ein klarer Verstoß gegen die Grundordnung des kirchlichen Dienstes vor. Die Dame ist eine ungültige Ehe eingegangen und verstößt damit gegen die Grundsätze der Glaubenslehre. Die Zeit heilt die Wunden nicht.“

Heiner Kath

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Kommentare
23.09.2010
16:16
Kirche gibt Erzieherin nach Scheidung keine Chance
von Axel E. | #100

Diese Art christlicher Parallelgesellschaft, kirchlichen Sonderrechts, wird ja nun mit dem heutigen Urteil des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs zum Fall des geschiedenen Organisten zu Ende sein! Menschenrechte gelten ab sofort sogar für kirchliche Mitarbeiter/innen, was doch an sich eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Man kann Frau Gierse nur raten, ebenfalls den Weg zum EGMR einzuschlagen, wenn sie weiterhin bei einem solchen Verein arbeiten will...

19.09.2010
12:12
Kirche gibt Erzieherin nach Scheidung keine Chance
von mike@t-online.de | #99

Das Ergebnis habe ich gestern Abend gesehen. Nach langer Zeit war ich mal wieder in Abendmesse.
Ich hätte niemals gedacht, dass eine Kirche gerade Samstags so leer ist. Kaum Kinder kaum Jugendliche. Nur meist sehr alte Menschen. Ich glaube, wenn es diese Generation nicht mehr gibt und die Kirche nicht umdenkt, sieht es sehr sehr düster aus. Allein die Kirchenaustritte im Bekannten und Kollegenkreis ist enorm.

15.09.2010
14:44
Kirche gibt Erzieherin nach Scheidung keine Chance
von Carpe Diem | #98

Wie lange kann es sich die katholische Kirche eigentlich noch leisten, auf gute Mitarbeiter zu verzichten? Und: Ist denen überhaupt bewusst, was sie einem Menschen damit antun? Wer einen solchen Dienst leistet, tut es nicht nur, um sich den Lebensunterhalt zu bestreiten. Da liegen tiefe Glaubenserfahrungen und Überzeugungen zugrunde. Und dann so etwas. Schande!

14.09.2010
19:40
Kirche gibt Erzieherin keine Chance
von Doris Lehmann | #97

Es ist eine Unverschämtheit welcher mit Arroganz die katholische Kirche mit uns Bürgern (Arbeitnehmer) umspringt.
Aus ähnlichen Gründen bin ich aus der Kirche ausgetreten.
Einige tausend Gläubige sollten aus Solidarität mit der Erzieherin aus Kirche austreten.
Doris Lehmann

14.09.2010
14:40
Kirche gibt Erzieherin keine Chance
von hexe | #96

Ich habe der katholischen Kirche auch einmal vertraut - bis ich selber in dieser Institution gearbeitet habe. Was dort passiert, ist himmelschreiend - auch hier im Sauerland. Diese Fälle sind nur leider nicht an die Öffentlichkeit gelangt, sondern wurden mit Stillschweigen und dementsprechenden Druck abgehandelt, nach dem Motto: Wem wird man wohl glauben? Schließlich haben wir die Wahrheit gepachtet. Und tatsächlich ist es so, dass viele Katholiken dort begangenes Unrecht nicht glauben wollen und lieber weg sehen, denn schließlich: Es kann doch nicht sein, was nicht sein darf. Ach so: Ich bin von jetzt auf gleich entlassen worden, weil - ja weil - das weiß ich bis zum heutigen Tag nicht - ließ sich nicht klären - bin auf jeden Fall nicht geschieden, alles ganz normal: Taufe, Kommunion, Firmung, Hochzeit, Kindstaufe und wieder Kommunion usw.
Wie Frau Gierse richtig sagt: Es wird mit zweierlei Maß gemessen und ja - es gibt einen Handlungsspielraum. Da muss nur der Wille da sein.

14.09.2010
14:03
Kirche gibt Erzieherin keine Chance
von Andreas Kyriacou | #95

Ägidius Engel ist ja ein richtiger katholischer Sympathieträger: Schreibt Bücher zu christlicher Ethik, sieht - so ein Kommentar von ihm vom März - keine Verfehlungen der Kirche bei der Aufarbeitung von Missbräuchen und weiss, was sich in Sachen Ehe gehört...

14.09.2010
09:01
Kirche gibt Erzieherin keine Chance
von PB-ler | #94

@88 bzw. 91: Danke für Deine Anregungen.

Ich empfehle allen Katholiken aus ganzem Herzen Folgendes: Heiratet nur standesamtlich. Und empfehlt das auch Euren Verwandten, vor allem den Kindern. Denn das Sakrament der Ehe, obwohl nur zwischen den Eheleuten und keineswegs von oben gegeben, kann allzuleicht zum Fallstrick werden, wenn unsere geliebte Kirche als Arbeitgeber im Spiel ist. Laßt Euch wg. des Ehesakramentes nicht unter Druck setzen. Ich stelle es mir schön vor, eines Tages das Sakrament nachzuholen.

13.09.2010
23:30
Kirche gibt Erzieherin keine Chance
von Gernot Disselhoff | #93

Natürlich ist es jedem Arbeitgeber überlassen jemanden einzustellen oder auch nicht, aber die Arroganz mit der hier vorgegangen wird ist nicht mehr zu überbieten !

13.09.2010
22:48
Kirche gibt Erzieherin keine Chance
von Beate T. | #92

Ich verstehe gar nicht, warum sich die Leute immer noch über die Intoleranz der Kirche wundern. Das dürfte doch mittlerweile jeder mitbekommen haben.

Gutes tun kann man doch am Besten, in dem man so einem diskriminierenden Verein den Rücken kehrt und damit die Finanzen entzieht. Wenn das alle endlich so machen würden, dann würde sich die Kirche endlich in Nichts auflösen - so, wie die grauen Männer bei Momo. :-)

13.09.2010
18:52
Kirche gibt Erzieherin keine Chance
von cöli.bad | #91

@90 von Bernwart Nelle

Netter Spruch, aber wir glauben ja nicht an das Genralvikariat. Zumindest habe ich diese Stelle im Credo noch nicht gefunden.

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