Lenneroute löchrig wie ein Schweizer Käse
01.09.2010 | 19:08 Uhr 2010-09-01T19:08:00+0200
Märkischer Kreis. In den vergangenen Wochen hat unsere Redaktion im Selbstversuch getestet, wie es ist, im Märkischen Kreis als Radfahrer unterwegs zu sein. Wir haben dabei batteriegetriebene Fahräder, Kurzstrecken und touristische Routen ausprobiert und sind vor Ort mit Straßenbauexperten und eingefleischten Radfahrfans ins Gespräch gekommen. Das Ergebnis ist zwiegespalten.
Denn obwohl unsere Region zweifellos viele landschaftlich schöne Strecken zu bieten hat, ist das vorhandene Radwegenetz weder Touristen noch Alltagsradlern zu empfehlen. In den meisten Städten und Gemeinden des Kreises gleicht es noch immer einem Schweizer Käse. Besonders deutlich wird dies auf der 140 Kilometer langen Lenneroute, dem Herzstück des Radnetzes Südwestfalen.
Dass die Teilstrecke durch den Märkischen Kreis in den aktuellen Boschüren des Sauerland-Tourismus nicht beworben wird, hat einen guten Grund, denn hier ist der vom Kreis angepriesene Radweg in weiten Teilen überhaupt noch nicht vorhanden. Dass sich dies durch das Strukturförderprogramm Regionale 2013 ändern wird, scheint fraglich. Während Politik und Verwaltung öffentlich von goldenen Zeiten für den Tourismus träumen, herrscht hinter den Kulissen längst Ernüchterung.
Hinweisschilder
statt Wegeausbau
Das Regionale-Projekt sei im Wesentlichen ein „Wegweisungskonzept“, räumt auf Nachfrage Hans-Jürgen Heidenreich ein, der in der Planungsabteilung von Straßen NRW für den Radverkehr zuständig ist. Da der Bund für den Bau von Radwegen „nicht unendlich viel Geld“ zur Verfügung stelle, werde sich die Realisierung des Radnetzes letztlich auf das „Aufhängen von rot-weißen Schildern“ beschränken müssen, so Heidenreich.
Was das im Einzelfall bedeutet, ist zwischen Altena und Nachrodt zu beobachten. Erst nach dem Ausbau der Bundesstraße fiel den Planern jetzt auf, dass unmittelbar hinter dem neuen Kreisel gar kein Platz für einen Radweg ist. Der rot gepflasterte und mit rot-weißen Schildern gekennzeichnete Weg endet hier mit einem leichten Schwung zur Straße und wenig später ist selbst für einen Bürgersteig kein Platz mehr – das abrupte Ende der Lenneroute hat so gar nichts romantisches und ist nicht einmal mehr durch besagte rot-weiße Schilchen zu kaschieren.
Dabei gäbe es gerade hier eine geradezu romantische Alternative zur Strecke an der B 236. Vom Kreisel führt ein schmaler Weg auf der anderen Seite der Lenne zum Walzwerk in Einsal, wo eine kleine Bücke die Querung des Flusses ermöglichen würde. Das sei „sicherlich die schönere Route“, räumt auch Jürgen Röll ein. Der Bauexperte der Gemeinde Nachrocht-Wiblingwerde beteuert, dass auch die Chefetage der Walzwerke „nicht abgeneigt“ wären, für dieses Projekt ihr Gelände zur Verfügung zu stellen, doch was fehlt, ist das Geld.
Nach Darstellung der Kreisverwaltung will Straßen NRW den Bau eines Radweges an dieser Stelle nicht finanzieren, weil er „keine Erschließungsfunktion“ habe und „rein touristisch“ sei. Folge: Die finanziell gebeutelte Gemeinde müsste die Kosten alleine tragen.
Für den Kreisvorsitzenden des Allgemeines Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC), Werner Kroll, ist es geradezu absurd, dass die Finanzierung der Lenneroute scheitern soll, weil sie landschaftlich zu schön ist. Radwege nur noch entlang von vielbefahrenen Straßen? „Dann wäre unser Traum ausgeträumt“, sagt Kroll und schüttelt den Kopf. „Ich müsste ja sofort mein Amt niederlegen, wenn ich damit zufrieden wäre.“
16:17
Das ist alles sowas von durchdacht. Zehntausende Euro werden vom Land investiert, um Südwestfalen mit den Radwegeschildern zuzupflastern. Gleichzeitig wird die tolle Lenneroute und der Radtourismus beworben, ohne das auch nur die grundlegensten Voraussetzungen - nämlich brauchbare Radwege - überhaupt vorhanden sind.
Das nenne ich mal zielgerichteten Einsatz von Steuermitteln...