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Türchen öffnen

Wir blicken in einen Beichtstuhl

16.12.2009 | 16:51 Uhr
Wir blicken in einen Beichtstuhl

Olsberg. Hand aufs Herz: Wann waren Sie zuletzt beichten? Das Sakrament scheint aus der Mode gekommen zu sein. Ein Grund mehr, einmal die Tür eines Beichtstuhls zu öffnen. Wir tun das in der Olsberger St.-Nikolaus-Kirche und zwar an einem Beichtraum.

Das hatte ich aber ganz anders in Erinnerung: eng, ein Platz zum Knien, dunkel, ein Flechtgitter zwischen Pfarrer und Büßer, vielleicht eine Tür, ein Vorhang, wenig Privatsphäre. Als Pastor Norbert Lipinski hingegen die Holztür öffnet, fällt der Blick in einen kleinen, schwach beleuchteten Raum, eine Art Klausurzelle. Auf einem Holztischchen brennt eine einzelne Kerze vor einem Kruzifix. In einer kleinen Schale daneben liegen Tonscherben. Symbole dafür, dass etwas kaputt gegangen ist in der Beziehung zwischen Gott und Mensch. An der Wand eine Marien-Ikone. Davor ein Stuhl für den „Pönitenten”, so lautet die alte Bezeichnung für den Beichtenden. Links in der Ecke ist der Platz für den Priester. Eine Wolldecke und eine Stola liegen darauf, ein Heizöfchen hängt an der Wand. Wegen der Kälte. Nicht, weil man sich hier warm anziehen muss.

Den Dialog suchen

„Wir haben in Olsberg keinen Beichtstuhl mehr im herkömmlichen Sinne. Es sind zwei kleine Beichtzimmer. Denn letzlich geht es ja um einen Dialog. Wer hierher kommt, der macht einen großen Schritt, um Gott wieder näher zu sein. Die Beichte ist ein wunderbares Angebot. Eigentlich unverständlich und schade, dass das nicht von mehr Menschen wahrgenommen wird. Im Gespräch mit Gott das Innerste wieder frei zu bekommen, das ist doch etwas Großartiges”, sagt der Pastor.

Pastor Norbert Lipinski öffnet den Beichtstuhl in der Olsberger Kirche. Fotos: Thomas Winterberg

Vor den großen kirchlichen Feiertagen und jederzeit nach Absprache ist eine Beichte möglich. Aber selbst vor Weihnachten gibt es längst keinen Run mehr auf die Absolution. Vielleicht hat die Kirche es nicht verstanden, die Vorzüge bzw. das Befreiende einer Beichte zu vermitteln? Vielleicht hat der Christ das Angebot nicht wahrgenommen? Vielleicht würde manches gut geführte Beichtgespräch den Therapeuten überflüssig machen? „Mal sitze ich ganz alleine dort und niemand kommt. Mal sind es aber auch bis zu zehn Leute. Es sind nicht nur die alten Menschen, die das Beichten von früher kennen. Der Altersdurchschnitt ist ganz gemischt. Einige beichten nach einem alten Ritual. Damit kann man in zwei Minuten fertig sein. Andere suchen ein tiefes Gespräch, das kann Stunden dauern. Schema F gibt es nicht, das Bußsakrament verläuft sehr idividuell.”

Den Therapeuten ersetzen

Der Geistliche kann nicht verstehen, warum so wenig Gläubige zur Beichte gehen. Was habe ich schon verbrochen? Wem habe ich schon ein Haar gekrümmt? Ich habe doch letztlich niemanden umgebracht! Lipinski: „So argumentieren die meisten. Aber kann ein Streit nicht auch eine Beziehung töten oder ein übles Wort wie eine Waffe verletzen?” Außerdem brauche es keinen Priester als Vermittler, um sich mit dem lieben Gott auszusprechen, sagen Kritiker.

Das sieht Norbert Lipinski anders: „Gerade für den modernen Menschen spielen die Sinne doch eine so große Rolle. Der Beichtende redet zwar mit dem Priester, aber letztendlich spricht er doch mit Gott. Das hat etwas sehr Persönliches und Befreiendes. Zum Schluss gibt es die Lossprechung von Gott. Das heißt: Der Beichtende hört mit eigenen Ohren, dass ihm seine Schuld von den Schultern genommen wird. Die wörtliche Lossprechung ist etwas sehr Unmittelbares, das nicht dieselbe Qualität wie ein stilles Gebet hat. Wenn sich Ehepartner streiten, ist es doch auch dann erst wieder gut, wenn die Versöhung ausgesprochen wurde.”

Nicht nach Schema F

Dass es fünf Vaterunser und fünf Ave Maria zur Buße gibt, sei längst Vergangenheit. Ein Bußwerk müsse auch nichts Unangenehmes oder Schlimmes sein, erklärt Pastor Lipinski. „Denken Sie an das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Der Vater hat ihm doch keine Buße auferlegt, obwohl er alles verprasst hat. Im Gegenteil: er hat ihn mit offenen Armen empfangen. So ist es auch bei der Beichte. Sie ist vielmehr ein Grund zum Feiern, weil Gott uns die versöhnende Hand reicht.” Einfach einmal in der Heiligen Schrift lesen und das Gelesene im täglichen Leben umsetzen, sich Zeit nehmen, um über die Beziehung zu Gott zu reflektieren - all das könne Buße sein.

Am Donnerstag um 17.30 Uhr (Kinder) und um 18 Uhr (für alle in Olsberg) besteht zum Beispiel Beichtgelegenheit in der Olsberger Kirche. Vielleicht müste man mal wieder den Mut haben, die Tür zum Beichtzimmer bzw. die Tür zum Herzen zu öffnen?

Thomas Winterberg

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