Wild muss ohne Rüben durch den Winter
20.01.2010 | 17:58 Uhr 2010-01-20T17:58:00+0100
Brilon. Findet das Wild im Winter kein Futter mehr, kann es sich auf Jäger und Revierinhaber verlassen, die es mit zusätzlicher Nahrung versorgt. Seit dem 1. Januar jedoch schränkt eine neue Verordnung die Fütterung in NRW ein. Das Ziel: weniger Schwarzwild.
Es dürfen keine Rüben mehr gefüttert werden im Land — diese Verordnung kam überraschend und zudem zu einer Jahreszeit, in der tonnenweise Rüben schon für den Rest des Winters eingelagert waren. Die Rüben für Rot- und Rehwild würden nebenbei auch Schwarzwild anlocken, die sich dann an ihnen satt fräßen. In den vergangenen Jahren habe sich das Schwarzwild durch intensive Fütterung massiv vermehrt. „Wenn die Sauen genug zu fressen haben, werfen sie bis zu drei, vier Mal im Jahr”, sagt Wilhelm Deitermann, Pressesprecher des Ministeriums für Umwelt, Naturschutz und Verbraucherschutz. „Es geht darum, die Population kleinzuhalten. Auch, weil wir ein Problem mit der Schweinepest haben, die nicht auf die Hausschweine überschwappen soll.”
Veterinäramt bestimmt Notzeiten
Deshalb darf Schwarzwild nun nur noch in gesetzlich festgestellten Notzeiten gefüttert werden. Wann Notzeit herrscht, bestimmt dementsprechend ab sofort nicht mehr der Jäger, sondern das jeweilige Veterinäramt. „Und das oft ohne Revierkenntnis”, kritisiert Heinz Bökamp. Der Salzkottener bejagt und behegt ein Revier im Arnsberger Wald. Er könne draußen vor Ort viel besser bestimmen, ob Not bei den Tieren herrsche oder nicht. Bei Rot-, Muffel- oder Rehwild darf er das auch weiterhin. Aber das fresse überhaupt kein Heu.
"Anuk" protestiert
Das Rübenverbot bringt ihn besonders auf. Saftfutter sei überlebenswichtig für das Rot- und Rehwild. „Wenn kein Saftfutter gefüttert wird, provoziert man Schälschäden an den Bäumen”, sagt Bökamp. Deshalb geht er mit „Anuk” (Arbeitsgemeinschaft Natur, Umwelt, Kultur) gegen die neue Verordnung an. Mit Protestschreiben und -anrufen. Und einer Unterschriftenliste, die „Anuk” während der Dortmunder Jagdmesse „Jagd und Hund” im Februar einreichen möchte. 54 Kreisjägerschaften seien angeschrieben worden. Damit scheinen sie eher vom Protest gegen die Verordnung als offiziell von dieser selbst gehört zu haben. Bökamp: „Bei den Jägern ist nichts angekommen. Mitteilungsorgan ist die Zeitschrift Rheinisch-Westfälischer Jäger.”
Mögliche Ausnahmeregelungen
Unvermutet kam die Verordnung auch für Peter Börger von der Unteren Jagdbehörde: „Es war auch für uns überraschend”, gesteht Börger. Im Hochsauerlandkreis gebe es mehr als 600 Reviere, viele davon in Hochlagen. Dass dort mit Rüben gefüttert werde, kann er verstehen. „Der Hochsauerlandkreis hat reagiert. Er wird die Rübenfütterung in diesem Winter dulden. Danach wird man zusammen mit Kreisjägerschaft und Kreisjagdbeirat über mögliche Ausnahmeregelungen ab Herbst 2010 beratschlagen.”Hintergrund der Verordnung sei die hohe Wildschweinpopulation in NRW und die damit zusammenhängende Gefahr, dass die Schweinepest sich auf Hausschweine übertragt. 2009 seien im Hochsauerlandkreis 100 Prozent mehr Wildschweine geschossen worden als im Vorjahr.
"Mit Hausschweinen wird Geld verdient"
Diesen Eindruck hat Jörg Ising nicht. Das Revier des Obmanns für Öffentlichkeitsarbeit der Kreisjägerschaft grenzt an Marsberg — er kennt sich aus in der Region: „Im Sauerland sind die Bestände recht gut im Griff. Deshalb ist auch die Schweinepest-Gefahr gering”. Christoph Bernholtz, Vorsitzender der Kreisjägerschaft, erklärt, warum das Rübenverbot seiner Meinung nach dennoch zustande kam: „Mit Hausschweinen wird Geld verdient. Schon bei wenigen Fällen von Schweinepest bestellt zum Beispiel China alle Lieferungen ab.” Die Landwirte hätten von der Regierung gefordert, zu handeln. „Dabei entstehen solche Schnellschüsse.”
Wildschweine finden fast immer Futter
Viel, so Berholtz, würde sich in den kommenden Jahren nicht ändern. Die meisten fütterten das Schwarzwild sowieso nicht. „Die finden fast immer was zu fressen”, und Schwankungen in der Population hingen fast ausschließlich mit der Witterung zusammen. Nur müssten die Hegegemeinschaften jetzt Sonderanträge stellen, um etwa ihr Rotwild weiterhin mit Rüben füttern zu dürfen. „Das einzige, was sich ändert, ist, dass die Jäger jetzt zahlreiche Auflagen erfüllen müssen.” Künftig heißt es im Wald bloß: Mehr Arbeit für das gleiche Ergebnis.
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