Jeans gegen afrikanischen Rock getauscht
31.01.2012 | 10:17 Uhr 2012-01-31T10:17:00+0100
Scharfenberg. (wi) Was macht eigentlich Sarah Meinert aus Scharfenberg? Ende August ist die 23-jährige Lehramtsstudentin für ein Jahr als Missionarin auf Zeit ins afrikanische Malawi gereist (WP berichtete). In einem langen Brief an Freunde und Bekannte schreibt sie von ihren Eindrücken.
Über Äthiopien hat die Scharfenbergerin mit sieben anderen Freiwilligen ihr erstes Ziel erreicht. Zwei Wochen lang verbringt sie in Guilleme, um erste Einblicke in die afrikanische Lebensart zu gewinnen. Unfreiwillig verlängert sich ihr Aufenthalt. Sarah erkrankt an Malaria. Doch inzwischen ist sie längst bei ihrem Projekt in Madisi angekommen. Das beeindruckendste für sie sind die Menschen in Afrika und deren Freundlichkeit:
„Schlechte Laune, die gibt es hier nicht oder sie wird zumindest nicht nach Außen getragen. Wenn man vor die Tür geht, begegnet man stets freundlichen und herzlichen Menschen, die stehen bleiben, um zu grüßen. Wenn wir in ihrer Landessprache Chichewa zurückgrüßen, dann sind sie meistens mehr als erfreut. Ihre Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft durften wir bei unseren Reisen immer wieder erfahren.“
Glaube gibt Kraft
Aber auch der Glaube hat in Malawi einen besonderen Stellenwert: „Die meisten Malawier sind sehr gläubig. Da kommt es oft vor, dass im Gespräch schon die dritte Frage lautet, welcher Konfession man angehöre. Auch wenn wir am Freitag die Lehrer ins Wochenende verabschieden oder sie am Samstag im Trading Center (Stadtmitte) treffen, heißt es am Ende immer: ,Wir sehen uns morgen in der Kirche’. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand am Abend vorher zu tief ins Glas geschaut oder dem Nachbarn ein Huhn geklaut hat. Der Glaube gibt ihnen Kraft und ist im Alltag präsent.“
Dabei haben es die Menschen in Malawi nicht leicht: Häufig müssen Großfamilien mit nur 50 Kwacha am Tag auskommen, was ungefähr 20 Cent entspricht. Gerade jetzt in der Regenzeit sieht man daher viele Menschen auf ihren Feldern, um zumindest Mais für ihre Hauptnahrung Nsima (Maisbrei) anzupflanzen. So kommt es oft vor, dass die Frauen und Kinder schon vor der Schule auf dem Feld gearbeitet haben, bevor ihnen ein langer Schultag bevorsteht.
Hohe Aidsrate
Auch das Thema Aids betrifft jede Familie. Die offiziell bestätigte Aidsrate liegt bei 17 Prozent, wobei die Dunkelziffer weitaus höher geschätzt wird. Trotzdem sprudeln die Malawier nur so vor Lebensfreude, was sie besonders stark durch ihre Talente des Singens und Tanzens ausdrücken. Sarah Meinert: „Ich habe mittlerweile schon viele traditionelle Tänze kennenlernen dürfen, die die Kinder immer wieder auch gerne im Unterricht präsentieren.“
Viermal in der Woche beginnt Sarahs Alltag um 7.15 Uhr in der St.-Francis-Primary-School. Sie wird von 1200 Kindern besucht; 60 Prozent davon sind Aidswaisen. Die Größe der Klassen ist immens. Einige Kinder werden mit dem Schulbus aus weiter entfernten Dörfern abgeholt, um ihnen den langen Fußmarsch zu ersparen.
Einmal in der Woche begleitet Sarah den Fahrer auf seinen drei Fahrten, die er machen muss, um alle Kinder einzusammeln. Während der sogenannten Assembly machen die Kinder Morgengymnastik, es wird gebetet, aus der Bibel vorgelesen und es gibt feste Ansagen und Vorgaben für den Tag. Zehn Stunden hat Sarah in den Anfangswochen selbst unterrichtet: „In der anderen Zeit bin ich mit anderen Lehrern im Unterricht gewesen, habe Stunden vorbereitet oder den Lehrern geholfen.“
Von Kindern viel gelernt
Es sei spannend und jedes Mal eine Herausforderung, vor 80 Kindern zu stehen, von denen man selber so viel lernen könne. Sie versuche mit viel Kreativität den Kindern die Lerninhalte zu vermitteln. „Erleichtert wird das Ganze dadurch, dass alle schnell zu begeistern sind und immer Dankbarkeit mitschwingt. Trotzdem steckt in den Kindern im Alter von acht bis 15 Jahren jede Menge Energie.
Und damit sich diese entfalten kann, eignet sich das Fach Expressive Arts sehr gut. Es beinhaltet Fächer wie Sport, Kunst, Textil und Musik. So können die Kinder sowohl ihr geistiges als auch ihr praktisches Wissen über traditionelle Tänze zum Besten geben oder Spielzeuge aus Alltagsmaterialien wie Lehm, Palmenblättern oder Bambus herstellen.
Von Dienstag bis Donnerstag haben Sarah und ihre Mitstreiter nachmittags für 90 Minuten die Gelegenheit, die Waisenkinder der verschiedenen Klassen (3 bis 5) im Homecraft-Center zu beschäftigen und ihnen die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie ihnen morgens unter so vielen Kindern nicht geben können.
Sarah Meinert berichtet darüber, dass der Bus bewährtes Fortbewegungsmittel ist. Wann er fährt? „Heute“, lautet die Antwort. Und das kann in zwei oder drei Stunden sein. Über Energieprobleme - als sie allein stundenlang warten musste, bis Strom da war, um einen Malariatest zu machen - von einer Hochzeitsfeier, bei der das Paar in Form von Tänzen Geld geschenkt bekommt und von großem Müllaufkommen weiß die Scharfenbergerin zu berichten.
Mit den Kindern hat sie in diesen Tagen bei Kerzenschein der selbst gebastelten Laternen Geschichten vorgelesen. Sie hat mit ihnen ein kleines Musical einstudiert und es Eltern, Schülern und Lehrern präsentiert. „Da die Kinder im Theaterspielen und Singen so talentiert sind, kamen wir gut voran und es machte riesigen Spaß.“
Tanz, Gesang und Spiel
Einmal in der Woche ist Sarah in der Vorschule tätig. Auch die kleinen Kinder lernen schon eine Menge, haben aber auch die Gelegenheit sich bei Tanz, Gesang und Spiel auszutoben. Ihre Begeisterung für die „Azungu“ (Weiße), wie die Deutschen liebevoll nennen, drücken sie so aus, in dem sich beim Betreten des Eingangstors an jede Hand mindestens 20 Kinder klammern wollen. Ohne Rücksicht auf Verluste versuchen sie in direktem Kontakt mit ihr zu stehen, um dann Haut oder Haare zu streicheln, was eine große Faszination hervorruft.
„Ich bin sehr glücklich, dass ich für ein Jahr meine Jeans aus Deutschland gegen einen bunten malawischen Rock und den Adventskranz aus Tannenzweigen gegen einen Adventskranz aus Bambusstöcken eingetauscht habe und genieße jeden Moment, den ich in diesem vielfältigen Land verbringen darf.“
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