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Günter Wallraff in Bad Laasphe

Über die Erfahrungen in anderen Rollen

02.04.2010 | 19:30 Uhr

Bad Laasphe. Die Zahl seiner Leser geht in die Millionen. Junge Journalisten nehmen sich an ihm ein Vorbild, wenn sie in Rollen schlüpfen, um die hässlichen Seiten der gesellschaftlichen Realität aufzudecken - eine Vorgehensweise, die im Schwedischen „Wallraffa” genannt wird.

Seine Gegner bezeichnen ihn als „sozialistischen Hetzer”, als „selbstgerechten Moralisten”. Und dieser Mann sitzt nun im Haus des Gastes und hat mit dem Buch „Aus der schönen neuen Welt” und ausführlichen Anmerkungen zu seinem Dokumentarfilm „Schwarz auf Weiß” eine eindringliche Sammlung von Reportagen mitgebracht, die von seinen Expeditionen ins Landesinnere berichten.

Zu dieser Lesung eingeladen hatten die TKS,Geschäftsführerin Verena Heers begrüßte den Gast und die zahlreichen Besucher - und der Bad Laaspher Kulturring, dessen Vorsitzender Otto Düsberg den Enthüllungsjournalisten seit Jahrzehnten schätzt: „Für seine Bereitschaft, sich in sehr unschöne Situationen zu begeben, um so die gesellschaftlichen Missstände am eigenen Leib zu erfahren, aber auch für seinen Mut, ohne Angst vor juristischen Schritten offen Ross und Reiter zu benennen, kann und muss man Wallraff meines Erachtens uneingeschränkt loben.”

Nicht geahnt, was er da lostreten würde

Geahnt hat Günter Wallraff nach eigener Einschätzung nicht, was auf ihn zukommen würde, als er vor mehr als drei Jahren beschloss, nach einer längeren Schaffenspause erneut in die Rolle und die Haut anderer Menschen zu schlüpfen. Verkleidet hat er sich schon immer gern, denn der Schriftsteller will nicht Günter Wallraff sein, sondern Hans Esser oder Ali, der Türke.

Was er öffentlich machte, schockierte die Nation. Meistens. Denn natürlich gab es auch immer die Stimmen, die sagten: Das haben wir alles schon vorher gewusst. Dennoch, an Wallraffs Botschaften kam niemand vorbei. Für sein neuestes Projekt war er wieder undercover on tour, hat sich in Obdachlosenheimen einquartiert und die kältesten Nächte des Jahres auf der Straße verbracht. Hat als Niedriglöhner bis zur Erschöpfung in einer Fabrik gearbeitet, die für den Discounter Lidl Brötchen backt und sich dabei schlimme Brandverletzungen an den Händen zugezogen.

"Menschen werden zu Betrügern ausgebildet"

Er berichtet über seine Erfahrungen in Callcentern, wo „Menschen zu Betrügern ausgebildet werden” und erzählt von den „Anwälten des Schreckens”. So nennt er jene Juristen, die sich darauf spezialisiert haben, unliebsame Arbeitskräfte wie Schwangere, Kranke und Betriebsräte aus den Unternehmen zu drängen. „Die Realität”, sagt er rückblickend, „stellt in vielen Fällen die Phantasie in den Schatten.”

Günter Wallraff signierte seine Bücher in Bad Laasphe. Foto: Wolfgang Thiel

Für eine der Recherchen ist Günter Wallraff in die Figur des Kwami Ogonno geschlüpft: Schwarz, aus Somalia kommend und neugierig darauf, wie tolerant die Deutschen so sind. Auf seiner Reise begegnet ihm nicht selten ein latent vorhandener Rassismus, sei es auf Landrats- und Bezirksämtern oder bei der Wohnungssuche in Köln. Die Verkäuferin in einem Cottbusser Juweliergeschäft hält in seiner Anwesenheit krampfhaft eine goldene Uhr fest, weil sie fürchtet, von dem schwarzen Mann bestohlen zu werden.

Kein Jagdschein in Bayern

Er spricht über das brisante Aufeinandertreffen mit rechten Hooligans am Rande des Fußballspiels Energie Cottbus gegen Dynamo Dresden und über den gescheiterten Versuch, als Kwami Ogonno in Bayern einen Jagdschein zu erhalten. Zu Gast bei Freunden sieht anders aus, stellt er fest.

In der sich anschließenden Diskussion mit den Besuchern wurde deutlich: Wenn sich auch manches Problem dank seines Einsatzes zum Positiven verändert hat, die Themen werden ihm auch in Zukunft nicht ausgehen - er wird also weiter wallraffen.

Wolfgang Thiel



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