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Bin ich hier richtig?

27.06.2012 | 10:10 Uhr
Bin ich hier richtig?
Wo werde ich gut behandelt? Für Krebspatienten ist das die zentrale Frage. Doch Hilfestellungen gibt es oft nur versteckt.Foto: dapd

Mülheim.  Seit dem 25. Januar gilt das Krankenhaus der Deutschen Krebsgesellschaft als Pankreaskarzinomzentrum, garantiert also eine gute Behandlung für Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs. Zertifikate sind ein wegweise für Patienten, die oft vor dem Problem stehen, ein gutes Krankenhaus zu finden.

Eine Feierstunde gab es nicht und für den Hausmeister dauerte es keine fünf Minuten, das gerahmte DIN A 4 - Blatt im Foyer des Evangelischen Krankenhauses anzubringen, das seitdem beiläufiger Lesestoff für Wartende ist. Der Text ist kurz. Seit dem 25. Januar gilt das Krankenhaus der Deutschen Krebsgesellschaft als Pankreaskarzinomzentrum . Drei Fremdwörter, acht Silben. Werbefachleute würden an solchen Begriffen und einer derartigen Präsentation verzweifeln, aber Werbung macht die Klinik mit dem Prüfsiegel ohnehin nicht. In den Geruch der Marktschreierei mag Professor Heinz-Jochen Gassel, Chef der Chirurgie und Ärztlicher Direktor, lieber nicht kommen, so wenig wie die meisten seiner Kollegen an zertifizierten Kliniken. Dabei hat das Siegel für Menschen mit Krebserkrankungen der Bauchspeicheldrüse eine so nüchterne wie begehrte Botschaft. Es bedeutet: „In diesem Haus ist eine gute Behandlung dieser Erkrankungen gewährleistet.“

So klar übersetzt Dr. Simone Wesselmann das Zertifikat. Sie leitet die zuständige Fachabteilung bei der Deutschen Krebsgesellschaft in Berlin, über ihren Tisch gehen die Anträge und Unterlagen der Krankenhäuser, die sich dem aufwändigen Verfahren einer Prüfung unterwerfen. Vor gut zehn Jahren hat die Zertifizierungswelle im deutschen Gesundheitswesen eingesetzt, beginnend für Brustkrebs . Inzwischen sind viele Tumorerkrankungen hinzugekommen, vor knapp drei Jahren auch das Pankreaskarzinom. Das Ergebnis: 90 Prozent der Brustkrebspatientinnen werden heute in qualitätsgeprüften Zentren behandelt, bei der Bauchspeicheldrüse sind es erst 12 Prozent. Die nächstgelegenen Krankenhäuser mit einem Siegel für diese Krebsart liegen in Düsseldorf und Bochum.

Für Patienten
Info-Abend

Über Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten von Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse im Pankreaskarzinomzentrum Mülheim informieren heute, 27. Juni, um 18 Uhr Heinz-Jochen Gassel, Chefarzt der Chirurgischen Klinik, sowie Philip Hilgard, Chefarzt der Medizinischen Klinik und Volker Eichhorn, Chefarzt des Instituts für Anästhesiologie. Ort ist der Konferenzsaal in der 10. Etage des Evangelischen Krankenhauses.

Große Wirkungen für Patienten

Die Auswirkungen für die Patienten sind eklatant und längst messbar. Wesselmann drückt es technisch aus, aber sie weiß, dass ihre Statistiken Ausdruck von Schicksalen sind: „Wir können nachweisen, dass Patienten beispielsweise in Darmkrebszentren durch überprüfte postoperative Behandlungen eine wesentlich längere Überlebenszeit haben als anderswo.“ Mit anderen Worten: Die Zertifizierung schält genau die Aussagen heraus, an der der Patient ein buchstäblich vitales Interesse hat - die aber findet er nur, wenn er Spürsinn und Hartnäckigkeit aufweist. Welcher Aufwand genau mit dem Zertifikat verbunden ist, was es bescheinigt und was nicht, das ist „landläufig nicht so bekannt“, räumt Wesselmann ein. Dabei haben die Bemühungen der Deutschen Krebsgesellschaft das Ziel, „geprüfte Qualität zu benennen.“

Es fehlt ein klares Leitsystem

Der Widerspruch wird schnell offenkundig. Wer die Anfrage „Wie finde ich das richtige Krankenhaus“ in Suchmaschinen eingibt, stößt auf viele Krankenhausfinder. Die wenigsten aber erheben beispielsweise bei Tumorerkrankungen das Prüfsiegel der Deutschen Krebsgesellschaft zum Auswahlkriterium, selbst das populärste Portal, die Weiße Liste der Bertelsmann-Stiftung und der deutschen Patientenverbände, tut dies nicht. Nicht nur für Wesselmann ist das ein Manko. Das Deutsche Ärzteblatt beklagt die Vielzahl verwirrender und das Fehlen „entscheidender Informationen“ für Patienten. Mit anderen Worten: In Momenten schwerster seelischer Anspannung sieht der Krebskranke vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.

Das Bedauern darüber ist nicht nur Patienten eigen. Auch Krankenkassen wären an einem klaren Leitsystem für Kranke und Krankheiten interessiert. Eine schlechtere als die beste Behandlung ist meist die teuerste Behandlung. Aber: „Es gibt eine solche Vielzahl an Plaketten und Siegeln, dass ich mir manchmal eher weniger Marketing von Krankenhäusern wünschen würde“, sagt Roland Angenvoort, Regionaldirektor der AOK. Für ihn ist stets die Frage, „was für den Patienten belegbar Erfolg bringt“. Sagt’s und schweigt beredt. Viele Plaketten, das klingt nach, sind eher schöner Schein. Allerdings: Das Zertifikat der Deutschen Krebsgesellschaft fällt für den Kassen-Manager eindeutig unter echtes Sein. Und dann nimmt er all seinen Vorrat an Diplomatie zusammen: „Ich sage nicht, dass andere Krankenhäuser solche Erkrankungen schlecht behandeln. Aber die zertifizierten Kliniken behandeln auf jeden Fall richtig.“

Lotse zur guten Behandlung

Wissen müsste es der Patient halt nur. Dieses Informationsleck ist für Heinz-Jochen Gassel Alltag. Mehr als die Hälfte der Patienten, die zu dem Spitzenchirurgen kommen, sind inzwischen über ihre Erkrankung im Bilde, haben Nächte vor dem Computer zugebracht, Hoffnungsfrohes und Verstörendes gefunden. Und doch: „Was wissenschaftlich Stand der Dinge ist, was ihnen nutzt und was nicht“, darüber besteht Konfusion. Manches wäre leichter, wenn bekannt wäre, was sich hinter dem Zertifikat verbirgt, aber: „Kann ich das wirklich erwarten“, fragt Gassel rhetorisch.

Seit 2005, seit er in Mülheim ist, arbeitet er an der Qualifizierung, hat das Evangelische zum Darmkrebs- und jetzt zum Pankreaskrebszentrum gemacht, zwei Stufen, die sich bedingen. Die Anforderungen an die Siegel sind immens, denn sie bedeuten einen Prozess, eine „stetige Aufmerksamkeit des gesamten Hauses“, sagt Gassel. Hinzu kommt: Die Halbwertzeit medizinischen Wissens sinkt rapide. Vor 30 Jahren ließ sich ein Standardwerk der Bauchchirurgie bis zum Zerfleddern nutzen. Inzwischen gelten Handbücher von 2009 als veraltet. Erst recht bei Krebserkrankungen und Operationen der Bauchspeicheldrüse. „Das“, sagt Gassel, „gehört zum Schwierigsten, was die Chirurgie zu bieten hat.“

Das Siegel hat daher einen hohen Stellenwert und seine erwünschte Wirkung schon gehabt. Die ersten Patienten aus anderen Städten waren schon da. Für sie war das Zertifikat das, was es sein soll: ein Lotse zur guten Behandlung.


FAKTEN UND HINTERGRÜNDE
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Der Krebs der Bauchspeicheldrüse ist einer der heimtückischsten. Der Tumor wächst ungehindert und für den Patienten schmerzfrei in den Bauchraum, die Diagnose ist schwierig und letzte Sicherheit, ob ein Karzinom vorliegt, verschafft oft erst die Operation. Ist es Krebs, bietet aber nur die Operation, eingebetet in Chemotherapie und Nachsorge, Heilungschancen. Das Pankreaskarzinom ist die vierthäufigste Todesursache aller Krebsarten in Deutschland.

Ein Pankreaskarzinomzentrum muss daher eine ganze Reihe genau festgelegter Anforderungen erfüllen, nicht nur was die Zahl der Operationen angeht. Das aber zuallererst. 12 Eingriffe pro Jahr und Operateur verlangt die Deutsche Krebsgesellschaft - aus gutem Grund. In der Wissenschaft ist es längst unstrittig, dass gerade bei diesen hochkomplexen Eingriffen mit der Erfahrung des Operateurs der Nutzen für den Patienten messbar ansteigt, weil nachoperative Komplikationen deutlich abnehmen. Im Evangelischen Krankenhaus gab es zuletzt 80 Operationen der Bauchspeicheldrüse, verteilt auf zwei zugelassene Operateure. Einer von ihnen ist Chefarzt Heinz-Jochen Gassel.

Generell macht das Zertifikat strikte Vorgaben zum Ablauf und dem Erfolg der Behandlung, etwa was Nachblutungen oder die gefürchteten Entzündungen (Pankreatitis) angeht. Manche Häuser scheitern daran, bestätigt Simone Wesselmann von der Deutschen Krebsgesellschaft, und erhalten das Siegel erst gar nicht. So darf etwa nur jeder zehnte Eingriff eine neue Operation nach sich ziehen, eine Reparatur, wenn man so will. Jeder zehnte, das wäre bei Blinddarm-OP’s ein katastrophal hoher Wert. Bei Eingriffen in ein Organ, das winzig ist, versteckt liegt und durch das zentrale Blutbahnen laufen, „ist schon das nicht leicht zu erreichen“, sagt Gassel. In Mülheim liegt die Quote deutlich unter zehn Prozent.

Zudem müssen in einem zertifizierten Zentrum viele Abteilungen auf nachgewiesen höchstem Niveau eingebunden sein; die Internisten und Radiologen, die die Diagnose leisten, die Pathologie und Onkologie, aber auch die Psychoonkologie, die Ernährungsberatung und die Seelsorge.

Die Aufnahme in die Zertifizierung erfolgt zwar freiwillig, unterliegt dann aber, anders als bei anderen Verfahren, einer Kontrolle. Experten der Prüfgesellschaft OnkoZert kommen ins Haus, begutachten vorab und später regelmäßig die Unterlagen und die Arbeitsweise. Für das Krankenhaus bedeutet das eine höchst aufwändige Dokumentation, in vielen Punkten sogar automatisiert, „damit Manipulationen ausgeschlossen sind“, wie Wesselmann sagt. Eine Vergütung dieses Aufwands durch die Krankenkassen gibt es nicht, noch nicht. Vor den Gerichten laufen derzeit verschiedene Klagen von Kliniken, die einen finanziellen Ausgleich erzwingen wollen. Die Kassen sperren sich nicht grundsätzlich gegen eine Zahlung, drängen aber darauf, dass durch eine Zertifizierung Erfolg und Nutzen für den Patienten erwiesen werden. Ein Urteilsspruch könnte damit erstmals die Spreu vom Weizen der begehrten Siegel trennen. Dass zertifizierte Krebszentren diesen Anspruch erfüllen würden, ist dabei unstrittig.

Von Detlef Schönen



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