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Selim Özdogan liest in Menden für eine handvoll Zuschauer

26.04.2010 | 17:45 Uhr
Selim Özdogan liest in Menden für eine handvoll Zuschauer

Menden. Es waren nicht viele, die der Lesung des türkischen Autors Selim Özodgan im Scaramouche in Menden folgten. Doch diejenigen, die da waren, erlebten eine tolle Lesung, holten sich anschließend ein Autogramm und gaben selbst welche.

Hätte er nicht lesen müssen, hätte er den Samstagabend wohl lieber draußen verbracht. „Ich habe großen Respekt vor denen, die hier sind. Ich wäre an ein solchen Abend, bei diesem Wetter, nicht zu einer Lesung gegangen”, sagte Selim Özdogan.

Anzahl der Zuhörer hat nichts mit Qualität der Lesung zu tun

Der Autor (Jahrgang 1971) war auf Einladung der Katastrophen-Kultur ins Scaramouche gekommen — und las vor knapp 20 Interessierten. Dass die Anzahl seiner Zuhörer aber noch lange nichts über die Qualität der Lesung aussage, erklärte Özdogan dann auch direkt mit einer Anekdote.

Einmal habe er vor 90 Berufskraftfahrern einer berufsbildenden Schule gelesen, die wenig aufmerksam waren. Nicht gerade das Publikum, das sich einer wünscht, der poetisch und detailliert über menschliche Empfindsamkeiten schreibt — manchmal vielleicht auch über die eigenen.

Zusammenarbeit mit Fatih Akin

Selim Özdogan hat vor 15 Jahren mit seinem Debüt-Roman „Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist” Erfolge gefeiert. Weitere Bücher folgten, es kam zur Zusammenarbeit mit dem preisgekrönten Regisseur Fatih Akin.

Im Scaramouche trug Özdogan kurze Texte vor, bereits erschienene und noch nicht veröffentlichte. Er, auf einem Barhocker sitzend, las, plauderte vom Alltag eines Lesereisenden und Kolumnisten.

Selim Özdogan las im Scaramouche. Foto: Alex Bonsendorf

Er, auf den ersten Blick mustergültiges Beispiel einer gelungenen Integration, werde immer wieder gebeten, etwas zum Thema „Integration und Bildung” zu schreiben. „Dabei mache ich seit zehn Jahren Yoga, erzähle das auch immer, bin aber noch nie gefragt worden, ob ich darüber etwas schreiben möchte.”

Fast 40 Jahre als Türke in Deutschland scheinen irgendwie charakterbildender zu sein und ihn zum Experten in Migrationsfragen zu machen. Sein auf die Anfrage formulierter Text, in dem er mit Hilfe des Verhörers „Vibrationshintergrund” den „Migrationshintergrund” mit dem „Vibrator” vergleicht, sei dann allerdings nicht erschienen.

Ungreifbar wie eine Echse

Selim Özdogan ist ein literarisches Chamäleon: Mal schreibt er so schutzlos und empfindsam über Gefühle, dass sich der Zuhörer am Ende ebenso leer fühlt wie der, der von der Geliebten „ausradiert” wurde. Mal bringt er Postmodernes in Reinform aufs Blatt Papier, das sehr witzig auch den Literaturbetrieb aufs Korn nimmt. Das macht Spaß beim Zuhören, lässt den Autor aber ebenso ungreifbar erscheinen wie die Echse, die ihre Farbe dem jeweiligen Hintergrund anzupassen vermag.

Gelohnt hat es sich für die paar handvoll Zuschauer aber trotzdem, bei Sommer-Temperaturen den Platz am Grill gegen den Stuhl im Scaramouche einzutauschen. Und sei es nur, um hinterher eine Signatur abzustauben und sich selbst im Autogramm-Buch des Schriftstellers verewigen zu dürfen.

Pia Maranca

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