Christbaumständer aus Lendringsen wurden bis in die USA geliefert
26.12.2009 | 08:00 Uhr 2009-12-26T08:00:00+0100
Lendringsen. Liebgewordene Traditionen zum Weihnachtsfest gibt es sicher in jedem Haus. In unserer Familie wird einige Tage vor dem Fest ein besonderer Christbaumständer aus Mendener Produktion vom Speicher geholt. Ein altes Teil aus Gusseisen, hergestellt im Eisenwerk Rödinghausen.
Das Besondere: Den Weihnachtsbaumständer ziert ein Weihnachtsmann mit Kiepe.Viele Jahrzehnte hat dieser Weihnachtsmann das Fest in unserem Haus gefeiert. Er war sicher schon dabei, als mein Vater als kleiner Junge in der Nacht zum ersten Weihnachtstag ins Wohnzimmer schlich, um seine Geschenke anzuschauen. Gern erzählt wird immer wieder, dass der Christbaum bis zum 2. Februar geschmückt blieb und abends von der Guten Stube in die Küche getragen wurde, um vor ihm einige Lieder zu singen. So manche Kugel überstand den Transport nicht.
Auch ich feierte vor dem Christbaumständer, erinnere mich an die erste Modelleisenbahn, an den Besuch meiner Großmutter, die erst als Rentnerin die DDR verlassen durfte, um mit uns zu feiern. Manches Geschenk wurde unter dem Baum getauscht, der in der Kiepe des gußeisernen Weihnachtsmannes stand.
Christbaumständer erzählt Geschichte
Doch der Christbaumständer erzählt auch noch eine andere Geschichte. Die Geschichte des Eisenwerkes Rödinghausen und der vielen Produkte, die von dort aus in alle Welt verschickt wurden. Am Platz eines alten Walzwerkes wurde die Eisengießerei Rödinghausen 1890 gegründet. Daniel Luyken und sein Schwiegersohn Karl Becker machten das Werk, allen Schwierigkeiten zum Trotz, in den folgenden Jahren groß. Teile für die Lampenindustrie in Neheim und in Berlin stellten die Arbeiter der Gießerei her. Millionenfach wurden damals Petroleumlampen in alle Welt verschickt. Später produzierte die Lendringser Fabrik die Lampen selbst und firmierte unter „Eisengießerei Rödinghausen Lampenfabrik — Herstellung von Kunstguß mittels Formmaschinen”. Nach anfänglichen Schwierigkeiten florierte das Werk und wurde 1913 sogar um ein Zweigbetrieb in Wickede erweitert. Nach dem 2. Weltkrieg verlegte sich das Unternehmen auf die Produktion von Armaturen, wie sie Bildhauer Heribert Prause für sein Eisenwerk-Denkmal nutzte. In den 60er Jahren bildete die Gießerei sogar indische Praktikanten aus. Einer der Inder, mit rotem Turban, besuchte uns in den Weihnachtstagen und brachte ein Spielzeugauto aus Blech mit.
Spätere Modelle waren schlichter
Doch im Laufe seiner Geschichte wurden im Werk an der Hönne auch noch viele andere Artikel hergestellt. So auch Granaten für die Weltkriege, Beschläge für die Bauindustrie, Teile für die Elektrotechnik und eben jene Christbaumständer aus Gusseisen. Ehemalige Mitarbeiter des Eisenwerkes erinnern sich, dass diese Ständer hauptsächlich in Wickede produziert wurden, doch auch die Lendringser trugen ihren Teil bei. Die Entwürfe für die Ständer, die Herstellung der Formen, der Guss, die Bearbeitung, alles geschah im eigenen Werk. Hunderttausende Christbaumständer sollen es insgesamt gewesen sein, die bis in die USA versandt wurden. Die Firma legte sogar eigene Prospekte mit Bildern der verschiedenen Modelle auf. Dem Geschmack der Abnehmer wurde Rechnung getragen. Waren die Ständer für den heimischen Markt im traditionellen Grün lackiert, liebten es die Amerikaner wesentlich bunter. Im Laufe der Jahre entstanden Christbaumständer, versehen mit dem Firmenzeichen ERL, in allen Größen und Formen, und unser Weihnachtsmann dürfte der Produktion der früheren Jahre zuzuordnen sein. Spätere Modelle waren schlichter.
Noch in vielen Mendener Haushalten
Fast bis in die letzten Jahre des Eisenwerkes Rödinghausen Lendringsen seien Christbaumständer produziert worden, erinnern sich ehemalige Eisenwerker. Nach der Schließung des Zweigwerkes in Wickede geschah das auch noch im Lendringser Stammwerk. Wer heute vor dem Gelände des ehemaligen Eisenwerkes Rödinghausen steht, der braucht sicher viel Fantasie, um sich ein florierendes Unternehmen vorzustellen. Doch die Christbaumständer aus heimischer Produktion finden sich bestimmt noch in vielen Mendener Haushalten.
23:46
Starkes Stück Eisen - wäre doch mal die Frage an die Mendener und die Menschen in der Umgebung wert: wer hat noch so was oder vergleichbares zuhause ?