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Bewerbungsgespräche real, aber nicht echt

18.06.2008 | 18:12 Uhr
Bewerbungsgespräche real, aber nicht echt

Nicole Bittners Blick geht auch Richtung Boden. Der erste Eindruck endet nicht an der Tischplatte.

Die Schuhe. „Cool, hab ich auch. Würden Sie zum echten Vorstellungsgespräch auch in Jeansjacke erscheinen? Und das Piercing? Wenn man's sichtbar drinlässt, dann muss es eine Grundsatzentscheidung sein, die zu vertreten ist. Einfach so zählt nicht.” Und die Noten! Die sind wichtiger, als die beiden jungen Damen ihr gegenüber wahr haben wollen. Wollten. Und das Arbeitsverhalten. „Ihr müsst etwas verändern”, sagt Bittner eindringlich, „die Initiative ergreifen. Deutlich machen, was ihr wollt und warum.”

 Das mögen Eltern und PädagogInnen ein ums andere Mal vergebens gesagt haben: Aus dem Mund der Beraterin für Aus- und Weiterbildung einer großen Drogeriemarktkette haben die Worte mehr Gewicht. Christin Siepen und Lena-Maria Innenbirken sind beeindruckt. Und klüger als zuvor. Sie schätzen die Ehrlichkeit ihres Gegenübers, sagen sie im Anschluss an das Bewerbungsgespräch.

  Alles war real, ihr Anschreiben, die Zeugnisse, die Bewerbungsmappe, die Aufregung vorher echt, aber die Situation simuliert. Die Noten seien schon besser geworden als auf dem letzten Zeugnis, sagen die Schülerinnen. Und Lob gab es ja auch. Für Ausstrahlung, Sprachfertigkeit, Lockerheit im Auftreten. Ihr Berufswunsch Drogistin, ein Job mit Kundenkontakt, ist keineswegs verfehlt. Und für den fehlenden Rest, siehe oben, sind die Schülerinnen neu motiviert.

 Das weite Feld zwischen Wunsch und Wirklichkeit beackert die Abteilung Übergangsmanagement Schule - Beruf modellhaft und vorbildlich seit anderthalb Jahren. Die komplette Jahrgangsstufe 9 der Geschwister Scholl Gesamtschule, rund 140 Jugendliche, war gestern und ist heute zum Bewerbungsgespräch geladen, gemäß ihren Berufswünschen. Auf der anderen Schreibtischseite: Unternehmensvertreterinnen und -vertreter aus der Region. „Manchen”, sagt Christel Kortländer aus dem Vorstandssekretariat des Bauvereins Lünen verständnisvoll, „haben wirklich die Hände gezittert vor Aufregung.”

 Die Bewerbungsgespräche sind Baustein Nr. 7 des Projekts „Leben gestalten” des Übergangsmanagement. Verantwortlich ist Monika Lewek-Althoff. Eine Aktion wie die gestern und heute ist Neuland. 21 Unternehmen haben Lewek-Althoff und ihre Kollegin angerufen, 13 Unternehmen sagten sofort zu. Große Unternehmen. Die Lüner Koordinierungsstelle gilt als kompetente Partnerin. Die Untenehmen zeigen Engagement. Dass Fachkräfte gebraucht werden, ist bekannt. Ebenso die gelinde Verzweiflung von Arbeitgebern, was Verhalten und schulische Leistungen vieler Auszubildenden anbetrifft und eine überwiegend unrealistische Selbsteinschätzung.

 „Bei den ersten Klassenbesuchen bekundeten 80 Prozent der Jugendlichen, sie wollten Abitur machen, Architekt oder Pilot werden”, sagt Nicole Winterberg, Mitarbeiterin beim Übergangsmanagement. Dabei gehen höchstens 20 % von ihnen laut Auskunft des koordinierenden Stufenlehrers Klaus Berlemann bis zum Abitur.

 Das braucht man beispielsweise auch, um Immobilienkaufmann zu werden. Mindestens Fachabitur, sagt Christel Kortländer. „Mittlere Reife ist nicht genug für die Anforderungen des Berufs.” Dennis Steinhauer ist verdutzt. Hat er nicht gewusst. Abi ist aber auf seinem Plan. Ebenso wie Nicole Bittner regt Christel Kortländer an, eigene Worte zu finden statt Standardformulierungen zu gebrauchen, persönliches Interesse deutlich zu machen, Biss zu zeigen, informiert zu sein. Und immer wieder das Wort: Eigeninitiative.

 Allein gestern Morgen sind zahlreiche Absprachen für Praktika in den Sommerferien getroffen worden. Klaus Berlemann hat das Projekt mit vorbereitet. Sofort nach dem Gespräch laufen die Schülerinnen und Schüler in einem der Klassenräume bei ihm und seinen Kolleginnen auf. Berichten, füllen Fragebögen aus. Kurze Wege. Bis gestern Mittag: Zufriedenheit auf ganzer Linie. Allen hat's genutzt. Berlemann ist froh, macht im Gang ein Foto von jeder Schülerin, jedem Schüler, Berwerbungsmappe unterm Arm. Und sagt: „Sowas hier ist von uns als Schule nicht zu leisten. Ohne Übergangsmanagement geht da gar nichts.”

Marion Wedegärtner

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