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Essen, deine Macher

Wolfgang Zinn - „Ich war Unternehmer, kein Manager“

14.03.2012 | 16:30 Uhr
Wolfgang Zinn - „Ich war Unternehmer, kein Manager“
Foto: Arne Poll

Essen.   Wolfgang Zinn beendet im Mai seine Karriere als Generalbevollmächtigter Consultant beim Genusswaren-Riesen Lekkerland. Seine Erfolgs-Geschichte begann 1962 im elterlichen Tabakladen in Frohnhausen, von dem aus Zinn zum Essener „Tabak-Baron“ aufstieg.

Annelie Zinn steht auf einer kleinen Trittleiter und räumt die Wohnzimmerschränke aus. Bücher und Filme, die diesen typisch vertrauten Geruch mehrerer Jahrzehnte verströmen, wandern in den Karton. „Mein Mann kann sich immer so schlecht von alten Sachen trennen“, sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln. Zum Glück gilt dieser Umstand bei Wolfgang Zinn für viele Bereiche des Lebens. Denn auch alte Werte wie Bescheidenheit und Unternehmergeist hat sich der 66-Jährige bis heute bewahrt.

Serie
Essen, deine Macher

In unserer neuen Serie sollen Unternehmer zu Wort kommen, die kleine Familienbetriebe zu bedeutenden Unternehmen ausgebaut haben. Sie alle eint ihr Gespür fürs Geschäft ebenso wie eine traditionelle Wertvorstellung mit Attributen wie Verantwortung und Moral, die sie in ein von Begriffen wie Wirtschaftskrise, Finanzjonglage und Heuschrecken geprägtes Zeitalter retten konnten. Was ist das Geheimnis ihres Erfolges? Was waren ihre Niederlagen? Diesen und anderen Fragen soll „Essen, deine Macher“ auf den Grund gehen.

Noch bis zum 3. Mai ist Zinn Generalbevollmächtigter Consultant der Lekkerland Deutschland GmbH & Co. KG – dem Unternehmen, das er zu einem der größten Handelsunternehmen für Genussmittel in Deutschland mit aufgebaut hat. Eine Karriere, die er sich sicherlich nicht hätte träumen lassen, als ihn sein Vater 1962 von der Schulbank des Alfred-Krupp-Gymnasiums zur Ausbildung in den elterlichen Zigarrenladen in Frohnhausen holte. „Mein Vater hatte genug von den blauen Briefen“, erinnert sich Zinn. Der weiß schon damals genau, was er will. Nach zwei Lehrjahren hat er genug vom Verkaufen, er will sein eigenes Ding auf die Beine stellen und macht sich selbstständig. Im zarten Alter von 19 Jahren bildet er dank einer IHK-Sondergenehmigung schon seinen eigenen Stift aus.

Mit dem Vertrieb von Zigarettenautomaten wächst Zinn schon bald zum größten Tabakwarenhändler Essens heran. 1978 liegt der Jahresumsatz bei 18 Millionen D-Mark. „Wir konnten die Automaten gar nicht so schnell aufstellen, so groß war die Nachfrage“, sagt der bekennende Nichtraucher heute.

Doch es ist auch sein Gespür fürs Geschäft, das Zinn binnen kürzester Zeit so erfolgreich macht. Er pachtet Kioske, schließt feste Liefer-Verträge mit den Büdchen ab und ruft 1985 die elitär anmutende „Cigar Night“ im Essener Sheraton ins Leben, bei der sich die Upper-Class in feinste kubanische Rauchwolken hüllen kann.

Fusion als Lebenswerk

„Menschen machen die Geschäfte“, ist das Credo, das er in seiner Funktion als selbstständiger Unternehmensberater auch heute noch den Zuhörern seiner Vorträge von Barcelona bis nach Berlin mitgibt. 1987 gelingt Zinn sein erster großer Coup. Er fusioniert seine Zigarren Zinn GmbH mit dem Gelsenkirchener Tabakgroßhandel Stegemann und der Oberhausener Ketzer KG zur Tabak-Union Rhein-Ruhr. Zinn wird Geschäftsführer. Wenig später steht er vor einer folgenreichen Entscheidung. Da sein Sohn Alexander, heute selbst erfolgreicher Unternehmer in der EDV-Branche, kein Interesse daran hat, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, nimmt Zinn 1992 das Übernahmeangebot von Tobaccoland an und steigt in Mönchengladbach die Geschäftsführung ein.

Auch dort beweist der passionierte Golfspieler unternehmerisches Geschick und bringt nach einigen Grabenkämpfen mit dem Kartellamt 1999 die Fusion mit Lekkerland durch – sein Lebenswerk. Doch der Erfolg hat seinen Preis. Nicht nur familiär muss Zinn, der seit 43 Jahren verheiratet und Vater zweier Kinder ist, wegen seines Fulltime-Jobs auf vieles verzichten. Um die Jahrtausendwende kann er seine Asthma-Erkrankung nicht länger als Zipperlein abtun. Es ist vor allem seiner Frau Annelie zu verdanken, dass Wolfgang Zinn die Notbremse zieht und 2001 den Posten als Sprecher der Geschäftsführung bei Lekkerland niederlegt.

„Mir wurde nichts geschenkt“

Wolfgang Zinn (rechts) ist Ehrensenator in fünf Karnevalsvereinen. Foto: Walter Buchholz

Komplett zurückziehen will er sich aber nicht. Als Generalbevollmächtigter Consultant hält er weiterhin die Fäden in der Hand. Stillstand ist für den dreifachen Großvater bis heute ein Fremdwort. Das bekommt sogar schon seine fünfjährige Enkelin Lisa zu spüren, deren Wissensdurst ihr Opa nur zu gerne mit neuen Latein-Vokabeln stillt. Zinn nutzt seine rar gesäte Freizeit auch, um sich einzumischen. So wettert er gerne gegen die Nichtrauchschutzgesetze, die für ihn einen Eingriff in die unternehmerische Freiheit bedeuten. Oder engagiert sich für das Kinderprojekt Förderturm. Oder im Essener Karneval, wo er von gleich fünf Vereinen zum Ehrensenator ernannt wurde.

Die seltenen Momente zum Abspannen verbringt er meistens mit seiner gesamten Familien im Ferienhaus in Spanien. Ein Luxus, den sich Zinn gerne gönnt. „Mir wurde nichts geschenkt“, sagt er im Rückblick auf sein unternehmerisches Leben, das zumindest bei Lekkerland Anfang Mai offiziell endet.

„Du lebst aber nicht standesgemäß“, sagte ihm ein Geschäftspartner mal während eines privaten Abendessens bei ihm Zuhause. Vielleicht ist das sehr schmucke aber nicht pompöse Familienhaus im ländlichen Niederwenigern ein Sinnbild für Zinns Erfolg. „Ich hatte bei Lekkerland die Personalverantwortung für 5000 Mitarbeiter aber habe nie den Größenwahn gekriegt. Es ist wichtig, in flachen Hierarchien zu arbeiten“, sagt Wolfgang Zinn und ergänzt: „Ich war immer Unternehmer, kein Manager.“

Jennifer Schumacher


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