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Die Fischlaker Sonne

25.05.2010 | 15:39 Uhr
Die Fischlaker Sonne

Fischlaken. 52 Essener Ballone markieren in der Erinnerungswoche die ehemaligen Zechenschächte im Ruhrland - einer davon stieg am vergangenen Samstag im Hespertal auf - um 11.58 Uhr.

„Die Werdener sind ein bisken früh dran“, meinte einer der rund 200 Besucher, die sich bei tiefblauem Himmel zum Aufgang der „zweiten Sonne“ über Schacht I der früheren Zeche Pörtingsiepen ins Grüne aufgemacht hatten, größtenteils zu Fuß oder mit dem Fahrrad.

Der Weg erwies sich ab Fischlaker Straße gut beschildert, Pilger mit Rucksack auf dem Rücken und Pulli um die Hüften wanderten entlang der Felder, Familien, Freunde und Paare aller Altersklassen, um „ihrem“ Ballon das Geleit in die Himmelshöhe zu geben.

Und das klappte auf Anhieb. Der auf einem gelben PKW-Anhänger an einer Eisenwinde per Seil befestigte gelbe Riesenball glitt mühelos Richtung Weltall, allein mit einer leichten Linksneigung. Als er an seiner 80 Meter langen Leine gehisst wurde, begann die gelbe Fahne unterhalb des Balls trotz relativer Windstille fröhlich zu wehen. Zeitgleich war zu beobachten, wie ein Ballon in Kupferdreh und zwei weitere über Zeche Carl Funke am anderen Ufer des Baldeneysees in die Luft trieben.

Hespertal-Organisatorin Martina Schürmann (CDU) zückte im entscheidenden Moment den Fotoapparat. „Es ist einfach ein schönes Beispiel für ehrenamtliche Arbeit“, meinte sie voll Begeisterung. Sechs Helfer in blauen Schachtzeichen-T-Shirts wurden an der Ballon-Bodenstation vor allem von neugierigen Kindern umlagert, die einen Blick in den Anhänger riskieren wollten und dazu einen kräftigen Klimmzug machen mussten, um die blauen Sauerstoffflaschen neben der Winde mit Kurbel und Ballonseil zu begutachten. Zuweilen halfen die Eltern, die kleine Anna schaffte es ganz allein, stellte sich in Siegerpose vor den Ballon. „Du bist jetzt das Schachtzeichen“, meinte ihr Papa.

Gruppenfoto vor
dem Ballon

Schon um 12.10 Uhr machten die ersten Bier- und Colapappgläser die Runde, und man stieß in kleinen und größeren Grüppchen an. Oder gruppierte sich fürs Familienfotoalbum in der Pose „wir vor dem Ballon auf der grünen Wiese“. Die Identifikation mit Ruhr2010 war perfekt.

Altbezirksbürgermeister Hanslothar Kranz hatte sich aus Anlass des Events noch einmal mit altem Kartenmaterial des Hespertals beschäftigt. „Viele wissen ja heute nicht mehr, wie viele Zechen es hier gab, überall waren Standorte.“ Die Heidhauser Künstlerin Hanna Horst zeigte sich vom Ballonaufstieg sehr angetan. „Wir sind selbst Ballonfahrer, mein Mann und ich“, sagte sie und verwies auf das eigens für diesen Anlass angelegte Ballonzeichen des Luftfahrtvereins Essen. „Im Wald habe ich das alte Einfuhrloch gesehen“, berichtete die Grafikerin. „Darunter befindet sich noch eine riesige Schachtanlage!“ Besonders gefiel Hanna Horst, dass durch das Fest die Nachbarschaft unter den Menschen gestärkt werde. „Es ist ein Event daraus geworden, auch wenn viele im Vorfeld skeptisch waren.“

Ein Kreativmarkt mit sieben Büdchen bot, neben dem Bierzelt mit Bratwürstchengrill, selbst Gemachtes. Von Quittenmarmelade bis zur Buchhülle, vom farbigen Windlicht bis zum Stand mit selbst aufgefädeltem Schmuck.

Seitlich der Büdchen waren Biergartenbänke über die Wiese verteilt, Zechenexperte Siegfried Bartsch zeigte seine Sammlung historischer Grubenwerkzeuge in einer alten Lore mit Glasdeckel. Neben der so genannten Gezähekiste, die jeder Bergmann besaß, und die neben Beil und Kratzer auch Schlegel und Eisen enthielt, gab es eine alte Verständigungssignalanlage zu sehen, außerdem Grubenlampen, blecherne Brotdose und Flasche des Kumpels sowie einen alten Lederhelm, wie er zu früheren Zeiten getragen wurde, als es noch keine Plastikhelme gab.

Dazu erzählte Siegfried Bartsch die seltsame Geschichte. Er nämlich glaube, da die Lederhelme in der Regel viel zu klein gewesen seien, um auf einen Männerkopf zu passen, hätten die Bergleute sie vor der Schicht in Seifenwasser gelegt, damit sie geschmeidiger wurden. „Nur: Was so eine enge Kappe wohl auf Dauer mit dem Hirn angestellt hat?“, fragte Bartsch mit einem Augenzwinkern.

Ein Film erzählt von
der Kohlegewinnung

Im Zelt erzählte ein Film alles rund um die Kohlegewinnung im Ruhrgebiet. Die im Tal angesiedelte Hespertalbahn, heute beliebter Museumszug, offenbarte Stationen ihrer Geschichte in Fotomaterial und einer Fernsehdokumentation.

Übrigens: Der Ballon wird am 29. Mai in der Zeit von 22 Uhr bis ein Uhr in der Früh mit künstlichem Licht angestrahlt - dann scheint in Fischlaken die Sonne auch nachts.

Beatrix Stan



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