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Baustellen-Ärger

„Plötzlich tat sich ein Riss in der Decke auf“

06.08.2012 | 19:57 Uhr
„Plötzlich tat sich ein Riss in der Decke auf“

Ostviertel. Die Baustelle des geplanten Hellweg-Baumarktes an der Frillendorfer Straße – wir berichteten – sorgt weiterhin für Ärger bei den Anwohnern. „Die Situation ist mittlerweile unerträglich geworden“, klagen Karlheinz (77) und Margot Thielen (76). Die beiden Senioren wohnen in direkter Nachbarschaft zum Baugelände an der Glücksstraße. Nun haben sich im Mauerwerk ihrer Wohnung sogar schon erste Risse gebildet. Und mit jedem Tag wächst die Verzweiflung des Rentnerehepaares.

Seit 28 Jahren wohnen die Thielens nun schon in ihrem kleinen Häuschen an der Glücksstraße. Ein eher ruhiges Fleckchen Erde im Ostviertel der Stadt, trotz der Nähe zur stark befahrenen Frillendorfer Straße. Und auch die Bahnlinie Richtung Gelsenkirchen, die unterhalb ihrer Wohnung verläuft, macht keinen allzu großen Radau.

Der Riss wird immer breiter

Doch die Lage hat sich verändert, seit das Unternehmen Hellweg einen neuen Baumarkt an der Frillendorfer Straße baut. „Im Mai dieses Jahres ging das los“, berichtet Karlheinz Thielen. „Die Erschütterungen durch die schweren Baumaschinen sind auf dem Bürgersteig und auch in unserem Haus deutlich spürbar.“ Und dies regelmäßig von 7.30 bis etwa 18 Uhr. Da war die zwischenzeitliche, rund vierwöchige Bauunterbrechung – es gab keine gültige Baugenehmigung – eine wahre Wohltat. „Doch kaum nahmen die Bauarbeiter die Schippe wieder in die Hand, wurde es schlimmer als zuvor“, klagt Karlheinz Thielen und zeigt auf einen Riss, der entlang der Decke seines Hausflures läuft. „Das ging ganz langsam“, ergänzt seine Frau Margot, „doch der Riss wird mit jedem Tag breiter.“

Die rüstige Seniorin hatte sich anfangs wirklich „zu Tode erschrocken“, als plötzlich das Haus in seinen Grundfesten zu wackeln begann. „Ich saß am Schreibtisch und dann kam mir auf einmal der Computer entgegen geruckelt. Im ersten Moment dachte ich wirklich an ein Erdbeben oder etwas ähnliches.“ Ein Nachbar hatte sich bereits vehement beschwert, und als die Thielens beinahe panisch das Haus verließen, stand er mit einigen Beteiligten der Baustelle vor seinem Haus und diskutierte angeregt. „Da habe ich meinem Ärger auch gleich Luft gemacht, das können sie mir glauben“, erinnert sich Margot Thielen.

Schwingungsmessgerät in der Diele

Bei dieser Gelegenheit lernten die Senioren auch den Ingenieur Rolf Schütz kennen, einen Experten für Schwingungs- und Erschütterungsmessungen aus Erftstadt. Der stellte den Thielens gleich mal ein feuerrotes Messgerät in den Keller, um dem Ausmaß der Beeinträchtigungen auf die Spur zu kommen. „Letzte Woche habe ich Herrn Schütz dann allerdings angerufen, damit er die Messgeräte in die Wohnung bringt, weil hier doch die Erschütterungen noch weitaus größer sind“, sagt Karlheinz Thielen.

Gesagt, getan: Seitdem steht die Messstation mitten im Flur, versehen mit einem Schild: „Achtung, nicht berühren.“ Was wörtlich zu nehmen ist, denn als Margot Thielen einmal den Stecker herauszog, weil sie Strom für den Rasenmäher brauchte, „da hat sofort einer von der Firma Schütz angerufen und gemeckert“, erinnert sich Karlheinz Thielen. „Die können das von der Firma aus kontrollieren.“

Zuletzt hat ihr Mann in seiner Verzweiflung mit dem Bauleiter gesprochen. Der versuchte zu beruhigen: „Die Beeinträchtigung liegt im Rahmen, und in einer Woche ist das Schlimmste überstanden“, versprach er. Karlheinz Thielen fehlt der Glaube, nach der nun schon Monate langen Tortur: „Die Lebensqualität ist hier mittlerweile auf ein Mindestmaß gesunken. Meine Frau ist schon so weit, dass sie sagt, es wäre ihr schon beinahe egal, wenn irgendwas von der Decke fällt.“ Und weiter: „Wir sind ja nur kleine Leute. Was haben wir schon gegen die hohen Tiere von solch einem großen Unternehmen zu bestellen?“

Im November dieses Jahres, so erfuhr Karlheinz Thielen nun, soll die Baustelle beendet sein. Die Thielens könnten also, sollte alles im Zeitplan bleiben, zumindest ein ruhiges Weihnachtsfest verleben. „Das werden wir ohnehin haben“, sagt Margot Thielen. „Wir werden zum Jahresende auf jeden Fall verreisen. Dass wir mal aus unser eigenen Wohnung flüchten würden, hätten wir uns auch nicht träumen lassen.“

Von Michael Heiße


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