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Dunkles Geheimnis

05.07.2010 | 06:00 Uhr
Dunkles Geheimnis

Castrop-Rauxel. Mit „Arsen und Spitzenhäubchen“ begeisterte das WLT das Publikum auf dem Altstadtmarkt.

Martha und Abby Brewster, zwei reizende Damen, adrett, zuvorkommend und höflich - sie haben doch tatsächlich eine Leiche im Keller. Nein: Sie haben elf Leichen im Keller. Und noch eine in der großen Truhe unter dem Fenster.

Ein bisschen Strychnin, ein bisschen Arsen und eine Prise Zyankali, gut vermengt mit süffig-süßem Holunderwein. Ja, diese Rezeptur hat es wahrlich in sich. „Da kannst du Gift drauf nehmen“, versichern Martha und Abby ihrem völlig fassungslosen Neffen Mortimer, kurz nachdem er die Leiche in der Truhe entdeckt hatte und somit unfreiwillig von dem dunklen Geheimnis seiner Tanten erfahren musste.

Während Mortimer wohl eher zum Schreien und Verzweifeln zu Mute ist, kann sich das Publikum das Lachen kaum verkneifen. Zu skurril und komisch ist die Szenerie dort auf der Bühne des Westfälischen Landestheaters. Das feierte am Wochenende mit „Arsen und Spitzenhäubchen“ eine grandiose Premiere. An drei Tagen hieß es „Bühne raus...“. Unter freiem Himmel, bei tropischen Temperaturen und Samstag zudem mit Vuvuzela-Klängen im Hintergrund – lud das WLT zu einem höchst amüsanten Theaterabend ein.

Die Schwestern Abby und Martha Brewster leben in einem altehrwürdigen Haus in Brooklyn, gut bürgerlich eingerichtet. Die Nachbarschaft schätzt die beiden Damen wegen ihrer Hilfsbereitschaft und ihrer Liebenswürdigkeit. Und auch die Zuschauer finden Abby und Martha ganz bezaubernd und entzückend. In ihren blütenweißen Kleidern kümmern sie sich rührend um ihren persönlichkeitsgestörten Neffen Teddy, der sich für Präsident Theodor Roosevelt hält und permanent zum Angriff bläst. Doch alles nur Fassade? Alles doch nicht blütenweiß?

Ihr zweiter Neffe, der Theaterkritiker Mortimer, jedenfalls muss ausgerechnet am Tag seiner Verlobung entsetzt feststellen, dass seine Tanten offenbar Giftmischerinnen sind, einsame, familienlose Männer kurzerhand ins Jenseits befördern – und dies auch noch als gute Tat erachten.

Eben jener Moment, in dem Mortimer die Wahrheit erfährt, war in der Inszenierung zu köstlich heraus gearbeitet, getragen durch das brillante Spiel Roni Merzas, der den Rezensenten in seiner Hilflosigkeit überzeugend darstellte. „Ich gehe jetzt gleich in ein Theaterstück, das erste, was man sieht, wenn der Vorhang aufgeht, ist eine Leiche“, erzählt Mortimer seinen Tanten und öffnet derweil gedankenverloren die Truhe am Fenster – und ist geschockt. Der sonst so draufgängerisch wirkende Mortimer fistelt plötzlich nur noch: „Tante Abby, Tante Martha, da ist eine Leiche.“

Die Reaktion der Damen: „Ja, das wissen wir, der Herr ist gestorben, weil er Wein mit Gift getrungen hat. Wir haben es in den Wein getan, weil es im Tee ganz fürchterlich riecht.“ Die Zuschauer lachen.

„Ihr wollt ihn im Keller vergraben?“, fragt Mortimer ungläubig. „Ja, die anderen elf liegen auch schon dort“, antworten die Tanten und ergänzen: „Teddy ist schon im Keller und hebt eine Schleuse aus.“ Der verwirrte Bruder Mortimer, klasse gespielt von Guido Thurk, denkt nämlich, er baue dort unten den Panama-Kanal und die Leichen seien Opfer des Gelbfiebers. Eine witzige Geschichte, vor allem als dann auch noch Frankensteins Monster und Dr. Einstein auftauchen. Grandios gespielt, grandios inszeniert.

Sabine Latterner



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