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Die Dachluke zum Schalker Kindheits-Traum

13.07.2012 | 16:17 Uhr
Die Dachluke zum Schalker Kindheits-Traum
Dies ist der Blick, den Bodo Menze aus dem Dachfenster seines Elternhauses an der Kurt-Schumacher-Straße auf die alte Glückauf-Kampfbahn hatte.Foto: Martin Möller

Schalke.  Schalkes Nachwuchsleiter Bodo Menze hatte in den Jugendtagen einen exklusiven Blick in die Glückauf-Kampfbahn. Mit ihm begaben wir uns auf Nostalgietour durch ein geschichtsträchtiges Viertel in Königsblau.

Ein kluger Fußball-Philosoph hat einmal gesagt: „Seine Ehefrau kann man wechseln, seinen Verein nicht.“ Und manchmal kann man sich seinen Lieblingsklub nicht einmal aussuchen, man wird hineingeboren. Wenn Bodo Menze im zarten Knabenalter aus dem elterlichen Wohnzimmer schaute, konnte er Schalke spielen sehen. Für lau. Noch besser wurde die Sicht, wenn er sich auf den Dachboden begab und aus der Fensterluke schaute, drei Viertel des Platzes waren zu überblicken. Dies alles war möglich an der Kurt-Schumacher-Straße 133, die früher König-Wilhelm-Straße hieß.

Die rund 800 Meter zwischen Berliner Brücke und Glückauf-Kampfbahn , die vor kurzem per Straßenschild in Schalker Meile umgetauft wurden, sie waren Kindheits-Biotop und Lebenselixier des heute Administrativen Leiters der Schalker Nachwuchsabteilung. Hier, wo der Mythos entstand vom Schalker Markt.

Orzessek hielt, Klodt wirbelte

Auch wenn schon ein paar Jahre vergangen sind seit den glorreichen Zeiten in den Fünfzigern, in Bodo Menze sind die Erinnerungen noch lebendig. „An den Reaktionen der Zuschauer konnte man genau hören, wie das Spiel lief. Und wenn es ein Flutlichtspiel am Abend war, war der ganze Ortsteil hell erleuchtet, dem konnte sich keiner entziehen“, so der 59-Jährige, und seine Augen leuchten dabei so, wie es damals wohl die vier Flutlichtmasten taten. Er sieht es noch vor sich, wie Orzessek die Bälle abwehrte, wie Brocker hinten abräumte, Koslowski, Siebert, Kreuz oder Klodt vorne blau-weißen Angriffswirbel entfachten .

Unter der Woche wurden die entscheidenden Szenen auf dem Hinterhof nachgespielt. Da, wo jetzt Garagen stehen, war noch freies Feld. Die Toreinfahrt und die Kellertür waren die beiden (höchst ungleichen) Tore. „Es kam das erste Nachbarkind hinzu, da spielte man eins gegen eins, dann kam der nächste, und wir hatten einen Torwart, bis schließlich acht gegen acht zusammen waren“, erinnert er sich noch gern. Und an besonderen Tagen bastelte das Tapeziergeschäft aus dem Wohnblock auf den Rückseiten der ausrangierten Tapetenbahnen kleine Plakate für die Knirpse, Schalke gegen BVB natürlich. „Natürlich übernahm ich die Rolle meines Idols, Stan Libuda. BVB-Spieler wollte keiner freiwillig sein“, lacht Menze.

Alle oder keiner

Eines Tages stand ein feiner Herr im Anzug auf dem Hinterhof, Schalkes Jugendleiter Bugajewski. Er zeigte auf drei der Hobbykicker und sagte: „Du, du – und du, ihr kommt mit in den Verein.“ Doch da hatte er die Rechnung ohne den Teamgeist gemacht. „Entweder alle 16 oder keiner“, lautete das Motto. Und schon musste in Schalke eine zweite Knabenmannschaft aufgemacht werden. Am 23. September 1964 war es.

Die Spiele der Idole wurden weiterhin für lau geschaut. Die Knaben hatten sich für die Stadionmauer ein Brett besorgt, aus der benachbarten Metzgerei gab es zwei Fleischerhaken, und wenn alle Zuschauer auf ihren Plätzen waren, wurde die Mauer geentert und der freie Blick aufs Spielfeld war gesichert. Die Ordner mit den Hunden waren Bekannte und drückten beide Augen zu.

Blinde Schaufenster zeugen von besseren Zeiten

Wenn Bodo Menze heute noch mal durch sein Viertel streift, werden die Erinnerungen wach: „Hier, da war unsere Disco“, zeigte er auf einen Hauseingang, wo heute ein russisches Touristik-Center logiert. Ansonsten ist das Viertel mächtig heruntergekommen, viele blinde Schaufenster zeugen von besseren Zeiten. Nur die Fankneipe „Auf Schalke“ mit der auffälligen Fassade sorgt für Leben. „Sie ist ein kleiner Rettungsanker“, hofft Menze.

Seine elterliche Wohnung im Haus Nummer 133 ist längst wieder vermietet. Willi Rusack und seine Lebensgefährtin Waltraud Freitag haben daraus ein blau-weißes Museum gemacht mit allerlei Erinnerungsstücken. Das war zwar keine Bedingung beim Einzug, „aber das hat sich so ergeben, alles war gleich in der richtigen Spur“, lacht der frühere Bewohner. Bodo Menze ist lange treu geblieben, erst 2000 zog er weg aus seinem Viertel. „Die Zeit war überreif“, meint er heute. Wo findet man auch etwas Adäquates? Nun, so viel sei verraten: An seinem neuen Domizil bleibt ihm die freie Einsicht in die Schalker Arena verwehrt. Man kann nicht alles haben.

Ralf Wilhelm



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