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EM 2012

Nachwuchs-Politiker streiten über Fußball-Patriotismus

15.06.2012 | 12:19 Uhr
Fußballfans in schwarz-rot-gold: Wie viel Patriotismus ist bei der EM 2012 erlaubt?Foto: Markus Joosten / WAZ FotoPool

Essen.  "Patriotismus? Nein Danke!" - Dieser Spruch auf einem Aufkleber der Grünen Jugend sorgt für reichlich Wirbel - und beschert den Nachwuchs-Grünen verbale Hiebe von der Jungen Union: Beim Fußball müsse Fahnenschwenken wohl erlaubt sein. Die Grünen wehren sich: Sie würden "zu Staatsfeinden gemacht".

Deutschland-Fähnchen an Autos und Fenstern, schwarz-rot-goldene Schminke im Gesicht: Auch bei der EM 2012 zeigen zahlreiche Fans wieder Flagge, Deutschland-Flagge . Der Grünen Jugend, der Nachwuchs-Organisation der Grünen, geht das zu weit. Für ihren Geschmack wird damit ein Patriotismus bedient, den sie in gefährlicher Nähe zu Rassismus sehen.

In ihrem Online-Shop verkaufen sie einen Aufkleber, der schon bei der WM 2010 für Aufsehen gesorgt hatte. "Patriotismus? Nein Danke" steht drauf, aufgemacht ist er in der Optik der bekannten Anti-Atomkraft-Aufkleber aus den 80ern. Verkauft wird er im Online-Shop der Grünen Jugend. Stückpreis: acht Cent.

Junge Union lacht über Grünen-Aufkleber

So viel Widerstand gegen die fröhliche Feierei sorgt für Unmut in der Jungen Union. Mit dem Aufkleber gäben sich die Grünen der Lächerlichkeit preis, heißt es in einer Erklärung der beiden Vorsitzenden Philipp Mißfelder und Dorothee Bär. Die deutsche Flagge sei ein "Symbol der nationalen Identität", mit der Beflaggung von öffentlichen und privaten Räumen werde die "Verbundenheit zu unserem Vaterland" zum Ausdruck gebracht. Es gebe vielerlei Gründe, stolz auf "unser Vaterland" zu sein, heißt es weiter. Deutschland werde weltweit für seine Errungenschaften bewundert, "sei es in der Wirtschaft, der Kultur, im sozialen oder politischen Bereich".

Der Aufkleber des Anstoßes: "Patriotismus? Nein Danke! steht auf dem Sticker, den die Grüne Jugend zur EM 2012 vertreibt.Foto: Grüne Jugend

Diese Erwiderung wiederum veranlasste den Grünen-Nachwuchs zu einer langen Stellungnahme, in der sie ihre Motive erklären. Nein, sagen sie gleich zu Beginn, sie seien keine Patrioten. Es gebe viele Dinge, die ihnen wichtiger seien als Deutschland.

"Alle Jahre wieder kriechen auch die aus ihren Löchern, die uns noch bevor wir den Nationalsozialismus erwähnen, auffordern, darunter doch endlich einen Schlussstrich zu ziehen", schreiben die Grünen und beziehen sich namentlich auf die "Junge Freiheit", eine rechte Zeitung, die die jungen Grünen im Zuge der Aufkleber-Debatte als "Deutschlandfeinde" bezeichnet hatte.

Für die Grünen lassen sich Party-Patriotismus und Fremdenfeindlichkeit nicht trennen

Doch geht es nicht auch eine Spur weniger scharf? Schließlich haben Mißfelder und Bär in ihrer Erklärung ausdrücklich betont, dass der Patriotismus, den sie verteidigen, nichts mit nationalistischem Gedankengut zu tun habe. Diese Trennung lassen die Grünen nicht gelten: Die Trennung zwischen "guten Patrioten" und "schmuddeligen Nationalisten " gebe es nicht, "der positive Bezug zum eigenen Vaterland bedeutet immer auch die Abwertung von Anderen", heißt es.

Dass Fahnenschwenken und Fremdenfeindlichkeit nicht voneinander zu trennen sind, dafür führen die Grünen wissenschaftliche Belege an. Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer hat sich während der WM 2006 in Deutschland mit dem Fan-Patriotismus beschäftigt - und kam zu eindeutigen Ergebnissen: Die These vom "toleranten Patriotismus" sei "gefährlicher Unsinn, ein Stück Volksverdummung", erklärte er bei der Vorstellung seiner Studie. Zusammen mit Kollegen hatte er vor und während der Weltmeisterschaft Menschen zum Thema Fremdenfeindlichkeit befragt. Das Ergebnis: Nach der WM waren nationalistische Tendenzen verbreiteter als vorher.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, der Aufkleber sei zur EM 2012 neu aufgelegt worden. Dieser Eindruck entstand, weil er am Donnerstag noch im Shop als "neu" gekennzeichnet war. Die Pressestelle der Grünen Jugend sagte uns aber, dass der Aufkleber nicht neu ist - und auch nicht neu aufgelegt wurde.

Public Viewing und Autokorso in Meschede

 

Gerrit Dorn


Kommentare
18.06.2012
14:36
Nachwuchs-Politiker streiten über Fußball-Patriotismus
von ChristlicherDemokrat | #77

Sollen doch,
oder besser nicht!
Ich wohn an eiuner großen Kreuzung und dieses dämlich Gehupe aller inländischen und fremdländischen Patrioten geht ganz schön auf die Nüsse.
Ansonsten stimmt es mich nur traurig, dass es im 21 Jahrhundert, 2000 Jahre nach Christigeburt, noch Patrioten gibt.
Aber es gibt ja so viel, was man schon für überholt hielt.

18.06.2012
11:13
Nachwuchs-Politiker streiten über Fußball-Patriotismus
von dirk7603 | #76

Warum die Sache nicht einfach als das ansehen was sie ist? Es geht hier nur um Fussball - die Menschen freuen sich und treffen sich auf der Strasse. Es werden Fahnen geschwenkt.

Wo liegt euer Problem? Muss immer alles ausdiskutiert werden? Dieses pseudo intellektuell diskutieren über Patriotismus, Nationalismu etc interessiert hier nur ein paar Möchtegern-Politiker oder Politikstudenten.

Aber was solls - von mir aus könnt ihr weiter diskutieren, aber bitte lasst den Menschen die mit ihrer Manschaft, Freunden und anderen Menschen feiern wollen ihren Spass.

18.06.2012
11:11
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #75

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18.06.2012
08:28
Nachwuchs-Politiker streiten über Fußball-Patriotismus
von m_macker | #74

Die Grünen haben schon ein Stück recht, mit der Kritik an völlig überzogenem Patriotismus. Ich bedanke mich immer noch bei der kroatischen Nationalmannschaft, dass sie es verhindert habt, dass Deutschland 4 Wochen in einem türkischen Fahnenmeer ersäuft.

17.06.2012
19:42
Spannende Debatte!
von Eigenart | #73

Manche Denkanstöße müssen vielleicht so überprononciert geäußert werden, weil sie sondt keiner hört...Wie wäre es denn mit einem der klügsten deutschen Dichter zu dem Thema?

Die alternative weltoffene Deutschlandhymne
Text: Bertolt Brecht
Musik: Joseph Haydn

Alternative Hymne hören (mp3-Format, 1,27 MB)
Produktion: MSS/Giordano Bruno Stiftung, Juni 2006

***

Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Dass ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wirs
Und das liebste mags uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

17.06.2012
12:39
Nachwuchs-Politiker streiten über Fußball-Patriotismus
von Borussenbaer53 | #72

Diese Hirnakrobaten sollten mal ne Viertelstunde drüber nachdenken, ob Unsere (Inter)Nationalmannschaf nicht mehr zur Integration beitragt, als Ihre ganzen überschlauen Sonntagsreden...
Viertelstunde,schaffen die schon...

17.06.2012
11:56
Verrückt, verrückter, grün.
von Medley | #71

Aha. Gegen den Patriotismus sein, aber trotzalledem deutsche Höchststeuersätze und Höchstsozialabgaben als selbstverständlichste vaterländische Pflicht propagieren. So sind sie halt, die pseudoweltbürgerlichen Dorfschulzen unserer Republik. Ja, was ist eigentlich, wenn ich mich als supranationaler Europäer betrachte und daraus logisch konsistent schlußfolgere, dass ich mich als Solcher nicht verpflichtet und bemüßigt fühle etwas für mein Heimatland zu tun, da ich quasi als antipartiotischer Kosmopolit über den Dingen der "nationalen Identität" oder ähnlichem angeblich gestrigen stehe? Ich empfehle daher den Grünen mal in unsere Nachbarländer zu gehen und dort die Bürger mit germanisch-moralisch engierten Zeigefinger darüber aufzuklären, dass das schwenken der französischen Tikolore, des britischen Union-Jack, der niederländischen Oranje-Fahne oder der dänischen Flagge etwas zutiefst rassistisch-nationalistisches ist. Na, da wird es dann wohl was zu hören bekommen, das junggrüne Gemüse

2 Antworten
Gibts auch in anderen Ländern
von Stefan2 | #71-1

Es gibt auch in anderen Ländern Leute, die das Schwenken von Nationalfahnen lächerlich finden. Die Annahme, die Anderen würden alle zusammenhalten, ist eine Projektion, die von eigenen Wünschen geleitet ist.

Nachwuchs-Politiker streiten über Fußball-Patriotismus
von gatagorda | #71-2

Die sollen mal ganz einfach in die Vereinigten Staaten, nach Kanada oder Mexico fahren. Da wird staendig Flagge gezeigt. Und Rassisten gibt es leider ueberall, ob mit oder ohne Fahne schwenkenDie spinnen doch

17.06.2012
11:04
Nachwuchs-Politiker streiten über Fußball-Patriotismus
von ESteiger | #70

Sorry, aber die grünen ticken doch nicht richtig!

Ist es verkehrt auf das Land Stolz zu sein, aus dem man kommt, für das man arbeitet, das einem Sicherheit und Recht gibt??

Bestimmt nicht! Und Stolz auf sein Land zu sein hat aber auch mal gar nichts mit rechtem denken zu tun!

Totaler Quatsch!

Ich bin total Stolz auf Deutschland! Ich habe viele Länder dieser Welt gesehen und hier ist es einfach nur am besten! Probleme hat jedes Land! Aber Deutschland ist etwas ganz besonderes für mich!

Die Vergangenheit kann ich leider nicht ändern, das gehört zu unserer Geschichte, aber die Zukunft unseres Landes, daran kann ich jeden Tag mit bauen, helfen das es besser wird!

Und deshalb bin ich Stolz in Deutschland, einer Demokratie zu leben, zu arbeiten und meine Fahne im Garten zu hissen!

Glückauf!

2 Antworten
Na kuck!
von Stefan2 | #70-1

Sie wissen wenigstens, WORAUF Sie stolz sind. Das ist doch schon mal was. Das unterscheidet Sie ja schon mal wohltuend von vielen Leuten, die darüber anscheinend gar nicht nachdenken und Dinge schreiben wie "Ich bin stolz auf Deutschland, weil es meine Heimat ist". Oder die stolz auf Deutschland sind, weil die Männer-Fußballmannschaft ein paar Gewinnen-Verlieren-Ballspiele gewonnen hat. Und der Teil mit der Demokratie unterscheidet Sie obendrein wohltuend von den sogenannten Nazis, die aus ganz anderen Gründen stolz auf Deutschland sind.

Nachwuchs-Politiker streiten über Fußball-Patriotismus
von ESteiger | #70-2

Danke schön!

Aber wir haben ein wirklich gutes Land!

Ich möchte nicht auf Dauer woanders leben!

Glückauf!

16.06.2012
15:35
Nachwuchs-Politiker streiten über Fußball-Patriotismus
von heute_schon_gewazt | #69

Zitat unserer grünen Jugend:
Die Trennung zwischen "guten Patrioten" und "schmuddeligen Nationalisten " gebe es nicht, "der positive Bezug zum eigenen Vaterland bedeutet immer auch die Abwertung von Anderen"
Zitat Ende

Na, mit der Einstellung kann ich mich auch gleich in die Ecke setzen und für und gegen gar nichts sein, denn sobald ich ja f ü r irgendetwas bin, werte ich ja automatisch etwas anderes ab.

Diese abstruse Logik konsequent zuende gedacht kann die die grüne-Jugend (welch Name überhaupt, weckt gleich Assoziationen an diverse andere Jugenden) sich auch gleich selbst auflösen, denn durch ihre Parteinahme werten sie ja schließlich den Rest der Welt automatisch ab, was ja streng zu verurteilen ist. Oder wie jetzt.

Und wenn sich Patrioten und schmuddelige Nationalisten nicht trennen lassen, dann sind alle Fähnchenschwenker also schmuddelig? Ja vielen Dank auch.

Selten so einen Quark gelesen, aber was will man schon von selbsternannten Weltverbesserern erwarten.

2 Antworten
für = gegen = Abwertung ?
von Stefan2 | #69-1

Was für ein Unsinn, Nummer 69. Wenn man für etwas ist, heißt das noch lange nicht, dass man deshalb etwas Anderes oder jemand Anderen abwertet. Politisch engagierte Menschen wie die Grüne Jugend sind zum Beispiel oft für Menschenrechte und gegen Unterdrückung. Für Naturschutz und gegen Umweltzerstörung. Für Frieden und gegen Krieg. Für Wohlstand und gegen Armut. In der Politik kommt es darauf an, Menschen vom gemeinsamen Vorteil und Nutzen solcher Ziele zu überzeugen. Gelingt das nicht, sollte möglichst ein Interessenausgleich erfolgen. Beim Fußball und im Krieg ist das anders, da geht es um Gewinnen oder Verlieren. Insofern kann man Leute, die so etwas gut finden, vielleicht schon tendenziell schmuddelig finden, denn der Sieg des Einen bedeutet die Niederlage, manchmal auch die Demütigung und das Herabsinken in die Bedeutungslosigkeit des Unterlegenen.

Nachwuchs-Politiker streiten über Fußball-Patriotismus
von NilsK | #69-2

Und wieso ist die Liebe zu einem Land Vorraussetzung dafür, Politik für die Menschen zu machen?

16.06.2012
14:49
Nachwuchs-Politiker streiten über Fußball-Patriotismus
von jcm | #68

Hups: #61-1 war gemeint

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