Kinder fiebern beim...
Simpsons besser als Fußball
25.06.2008 | 11:49 Uhr 2008-06-25T11:49:00+0200Hagen. Die Fußball-EM hat auch die Kleinsten fest im Griff. Kaum ein Junge oder Mädchen verzichtet auf das obligatorische Nationaltrikot. Auf YouTube singen Grundschüler zur Nationalhymne von Vätern zurechtgezimmerte Lieder. Kinder, die bis tief in die Nacht Spiele verfolgt haben, sehnen sich...
... mit kleinen Augen die Sommerferien herbei. Aber nicht alle Eltern drücken ab heute ein Auge zu.
Ein Spiel hat Nina Böcker bisher gesehen. Deutschland gegen Polen. Insgesamt 15 Minuten. Mehr habe „Mutter nicht erlaubt”. „Poldi” und „Lahm” findet sie „klasse”. „Die sind beide klein und können trotzdem gut spielen”, sagt die Siebenjährige aus Hagen, packt sich an die Nase, rollt mit den Augen und kichert. Sie hofft, dass die Spanier rausfliegen. „Papa sagt, die sind so gut.” Louisa Bieber (7) umarmt ihre Freundin, wirkt ein wenig verlegen und flüstert: „Wir haben ja Jens Lehmann, der hält alles.”
Manuela Böcker (36) ist ein wenig irritiert über die beiden kleinen Fußballexpertinnen. „Ich wusste nicht, dass sie Namen von Spielern kennen.” Sie selbst lasse „dieses Ereignis kalt”. „Es ist mir völlig gleichgültig, wer das Spiel heute Abend gewinnt”, sagt sie, um gleich hinzuzufügen: „Hoffentlich erfährt das Thorsten (ihr Ehemann) nicht.”
Nina Böcker und Louisa Bieber dürfen sich das Halbfinalspiel „Deutschland - Türkei” jedenfalls ansehen. „Spätestens mit Beginn der zweiten Halbzeit werden beide schon fest eingeschlafen sein”, ist sich Anja Bieber (41) sicher. All die Fahnen, die Emotionen, irgendwie habe die EM ihre Tochter mitgerissen. Dabei sei Louisa doch Handball-Fan. „Sie spielt selbst”, so ihre Mutter. Außerdem würden Fußballspieler ja soviel spucken. „Bei laufender Kamera. Das findet sie einfach nur eklig.” Louisa nickt. Handballspieler würden das nie tun.
Fußball geguckt, kleine Augen, Fehler im Diktat - dafür hat Manuela Nossutta kein Verständnis. Und so war die 39-Jährige während der EM bisher nicht immer Tochters Liebling. „Deborah (9) durfte nur die erste Halbzeit der Spiele der deutschen Nationalmannschaft sehen. Aus pädagogischen Gründen.” Einige Jungen aus der dritten Klasse der Grundschule Spielbrink in Hagen-Haspe hätten hingegen bis zum Schlusspfiff ausgeharrt. „Was eine Lehrerin sogar dazu bewogen hat, Kissen für übermüdete Schüler mitzubringen.” Angetan sei Deborah vor allem von der Tippgemeinschaft, initiiert von der Klassenlehrerin. „Schüler, die einen Volltreffer landen, brauchen keine Hausaufgaben zu machen.” Ihre Tochter drücke Deutschland die Daumen, finde die Spanier toll (wegen des letzten Urlaubs dort) und habe auch ein Herz für die Türken. „Immerhin heißt eine ihrer besten Freundinnen Sengül.”
Osman Guglü, ebenfalls aus Hagen, übt sich als Hellseher: „Die Türken gewinnen 1:0. Hamit (Altintop) schießt das entscheidende Tor.” Er sagt's ohne eine Spur von Zweifel. Stattdessen gibt der neunjährige Junge die typischen Anfeuerungsrufe türkischer Fans zum Besten: „Bas gaza, bas gaza Türkiyem” („Gib Gas, Türkei, gib Gas”) oder „Kirmiz! Beyaz! Türkiye!” („Rot! Weiß! Türkei!”). Der Urenkel eines Gastarbeiters der ersten Stunde wirkt dabei seltsam abwesend. Erst als sein großer Bruder in einem Eiscafé verschwindet, verrät er: „Ich mag die Simpsons eigentlich viel lieber als Fußball.”

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