Das aktuelle Wetter NRW 17°C
Extra-Schicht

Extra-Schicht - ein Verkehrsnetz nur für eine Nacht

12.06.2012 | 20:58 Uhr
Extra-Schicht - ein Verkehrsnetz nur für eine Nacht
Die Verkehrsplaner Michael Gast (r.) und Jürgen Skala sind Herr über 170 Busse und 34 000 Kilometer Strecke.

Gelsenkirchen.   200 000 Besucher werden zur Extra-Schicht erwartet. Das Ruhrgebiet ist mobil – dank Michael Gast und Jürgen Skala. Die Verkehrsplaner sind Herr über 170 Busse und 34 000 Kilometer Strecke.

Als sie Michael Gast und Jürgen Skala die Idee, die sie ruhrgebietsgetreu Extra-Schicht nannten, vorstellten, winkten die beiden erfahrenen Verkehrsplaner reflexartig ab. „Damit“, hoben sie an, „können wir nur auf die Schnute fallen!“ Wie, verflixt nochmal, sollte es ihnen gelingen, ein Verkehrsnetz mit 50 Bussen für nur eine einzige Nacht zu kreieren, das zig Tausende Menschen durchs gesamte Ruhrgebiet chauffiert? „Nie“, sagten sie. „Irgendwie“, sagte ihr Chef. Oben sticht unten. Ende der Diskussion.

Es ist Juni, zwölf Jahre später, als sie diese Anekdote verraten. Und allein, dass die beiden 58-Jährigen diese Geschichte in der Gelsenkirchener Zentrale des Regionalverbandes Ruhr (RVR) erzählen, verrät: Sie haben es getan. Nicht einmal. Nein, zwölf Mal. Die zwölfte Extra-Schicht, die lange Nacht der Industriekultur, steht unmittelbar bevor. Aus den Kritikern sind heute Fans geworden, aus der Nischenveranstaltung das größte Kulturfest Deutschlands, vielleicht sogar Europas. Statt der anfangs 50 Busse fahren nun 170, statt ein paar Tausend erwarten die Veranstalter diesmal mehr als 200 000 Besucher. Wer irgendwann behauptet hat, man wachse mit seinen Aufgaben, der muss diese beiden Verkehrsplaner gekannt haben.

Bus als Teil der Entdeckungstour

Wer es böse mit dem Duo meint, würde mutmaßen: Die Tüftelei hat sie grau gemacht. Wer es gut meint, sagt: Sie bringen die Region auf Spur. Und jene Spur ist lang geworden: 34 000 Kilometer legen allein die 22 Buslinien in dieser einen Kulturnacht zurück. Es geht von Duisburg nach Hamm, von Dorsten nach Witten. Hinzu kommen mehrere S-Bahnen, 140 Fahrräder, 25 E-Bikes und acht Schiffe. „Wir bringen die Menschen nicht nur zu den Spielorten, wir sind der größte Spielort“, sagt Jürgen Skala. Der Bus als Ort der Einkehr, des Gesprächs, ja, der Kultur selbst. „Das Herumreisen im Bus ist das zentrale Element, es ist Teil der Entdeckungstour“, sagt auch Arne van den Brinken, Extraschicht-Projektleiter der Ruhr-Tourismus GmbH.

Der neue Plan ist bunter denn je. Doch auch diesmal war anfangs das Blatt am Reißbrett weiß. Wieder kamen neue Spielorte hinzu, die ins Streckennetz eingebunden werden wollten. Wieder fielen welche weg. Wieder war der Plan des Vorjahres hinfällig. Und erneut machten Spielorte Probleme – wie die Zeche Carl in Essen, die eigentlich so zentral liegt und doch auf keine Verkehrsachse passte. „Bislang haben wir es aber immer geschafft, jeden Spielort anzufahren – wenn auch mit Bauchschmerzen, weil dadurch so viele zusätzliche Kilometer anfallen“, sagt Skala. Denn: Der Etat ist knapp kalkuliert. Noch so eine Bürde.

Note 1,9 für das Verkehrsnetz

Tüfteln, zeichnen, wieder radieren, debattieren, erneut tüfteln, neu zeichnen. Zwei Monate geht das so. Auch wenn es schwer zu glauben ist: Es seien zwei schöne Monate, die „Pralinen im Berufsalltag“, sagen beide. Manchmal nennen sie das Verkehrsnetz auch: „unser Baby“.

Nicht immer lief alles reibungslos – wie auch? 2007, am Dortmunder Hafen, musste die Polizei den Verkehr leiten, weil die Menschenmasse zu groß wurde. 2003, als die Busse noch im 30-Minuten-Takt fuhren, verdoppelte sich die Besucherzahl unerwartet. Auf jeden Bus warteten doppelt so viele Fahrgäste. Nichts ging mehr. „Die Dönerbude ist uns heute noch dankbar“ , kann Gast inzwischen darüber lachen. Seitdem fahren die Busse jede Viertelstunde. „Damit stehen wir jetzt wieder am Rande der Leistungsfähigkeit“, hadert das Duo.

Am 30. Juni sitzen sie wieder in der Leitzentrale, dirigieren, loten aus. An den Spielorten erhalten die Künstler in dieser Nacht Applaus. Die zwei Plankünstler bekommen lediglich Noten von den Besuchern. Zuletzt eine 1,9. Ob es noch besser geht? Am liebsten würden sie sagen: „Nie.“ Aber sie kennen ja ihren Chef.

Dennis Betzholz


Kommentare
03.07.2012
13:19
Extra-Schicht - ein Verkehrsnetz nur für eine Nacht
von jesus1973 | #1

Ich war dieses Jahr zum ersten Mal bei einer Extraschicht und würde dem Shuttle-Service mit viel Wohlwollen eine 5- geben. Die Busse waren unpünktlich und überfüllt. Wer das von Kultur redet, der war noch nie in so einem Bus. Sorry, aber für mich haben diese beiden Planer auf der ganzen Linie versagt. Sie konnten aber wohl nichts dafür, dass die Haltestellen der Busse nicht gekennzeichnet und praktisch nicht ausgeschildert waren. Lotsen standen auch nicht überall. Da nutzt das beste Angebot nichts, wenn man nicht weiß, wie man es nutzen soll. Und nach der Extraschicht gab es nicht genügend gute Angebote, nach Hause zu kommen. Ich musste von Mülheim über Dortmund nach Witten fahren, um überhaupt ohne Weltreise nach Hause zu kommen.

Aus dem Ressort
Sozialgericht rügt Jobcenter wegen falscher Bewertung
Hartz IV
Dem Jobcenter im Kreis Olpe steht möglicherweise eine Klageflut ins Haus. Das Sozialgericht in Dortmund hat die Art und Weise, wie das Jobcenter den angemessenen Wohnraum von Hartz-IV-Beziehern berechnet, als nicht zulässig bewertet. Ein 47-jähriger Mann aus Olpe fühlte sich ungerecht behandelt.
Norovirus-Fall unvergessen - Gruppe bald wieder im Sauerland
Ferienlager
Mit dem Noro-Virus infizierten sich im August 2013 eine Kindergruppe und ihr Betreuerstab aus Recke-Steinbeck. Damals kamen sie ins Sauerland, um im Ferienlager unbeschwerte Sommerferien zu erleben. Die Erinnerungen an die Erkrankung sind noch immer gegenwärtig. Trotzdem kehrt die Gruppe zurück.
Blitzschlag auf einer Weide - Schäfer (37) hat großes Glück
Gewitter
Ein Schäfer ist nach einem Blitzschlag in Burbach bei Siegen verletzt worden. Der 37-Jährige hütete auf einer Weide seine Schafherde. Als der Mann ein Schaf über den Weidezaun heben wollte, ging er durch einen Stromschlag zu Boden. Für kurze Zeit war der Schäfer bewusstlos. Er hatte großes Glück.
Betrunkener spuckt Bahn-Mitarbeiter ins Auge
Bahnhof
Zwei Mitarbeiter der Bahn-Sicherheit sind am Mittwochmorgen im Dortmunder Hauptbahnhof mit einem Betrunkenen aneinander geraten. Der 55-Jährige hatte im Personentunnel Reisende angepöbelt, bis ihn die Sicherheitsdienstleute aus dem Gebäude werfen wollten. Da legte der Berliner erst richtig los.
Blindheit hindert Hagener nicht am Studium
Inklusion
Sehen kann er die Unterlagen der Fernuniversität nicht. Lesen sehr wohl. Dominic Schnettler ist blind. Und studiert an der Fernuniversität in Hagen Soziologie.
Umfrage
Kommunen im Sauerland wollen schärfer gegen besonders laute Motorräder vorgehen. Die Bußgelder werden drastisch erhöht. Was halten Sie davon?

Kommunen im Sauerland wollen schärfer gegen besonders laute Motorräder vorgehen. Die Bußgelder werden drastisch erhöht. Was halten Sie davon?

 
Fotos und Videos
Schalke-Fans im Sauerland
Bildgalerie
Schalke
HSK-Auswahl gegen Schalke 04
Bildgalerie
Schalke
Finale! - WM-Jubel in Garbeck und Balve
Bildgalerie
Public Viewing
Meschede jubelt über 7:1 - Finale!
Bildgalerie
Public Viewing