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Auf der Suche nach dem idealen Zeugen

25.06.2012 | 19:04 Uhr
Auf der Suche nach dem idealen Zeugen
NRW-Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) zeichnet die Rechtskundeklasse des Ricarda-Huch-Gymnasiums aus. Rechts im Bild: Ulrike Schultz, Oberrätin der Fernuni Hagne, die die Rechtskundeklasse betreut.

Hagen.   Die Rechtskundeklasse des Ricarda-Huch-Gymnasiums in Hagen ist von Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) ausgezeichnet worden. Die Schüler hatten den Minister mit ihrem Film-Beitrag „Falscher Bombenalarm“ derart begeistert, dass er neben seiner Laudatio auch eine Unterrichststunde gab.

Recht muss keine trockene Materie sein. Das hat die Rechtskundeklasse des Ricarda-Huch-Gymnasiums Hagen bewiesen. Ihr Film-Beitrag „Falscher Bombenalarm“ zum Wettbewerb „Ich weiß, was Recht ist!“ wurde gestern von NRW-Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) ausgezeichnet. In der Aula des Gymnasiums ließ er es sich nicht nehmen, zu Ehren der Schüler der 9C eine außergewöhnliche Unterrichtsstunde zu geben.

Carsten Steinhoff, der 16 Jahre alte Regisseur des Films, hält sich während der Laudatio bescheiden zurück. Er verweist auf die Leistung der Gemeinschaft. Auf Klassenkameradinnen wie Tanja Gjorgjeska, Georgina Schulte oder Martina Dadschani, die sich auf ein aktuelles Thema eingelassen haben: falsche Bombenalarme an Schulen. „Uns war es wichtig, plastisch darzustellen, dass so etwas kein Scherz ist“, berichtet Abetare Ibishi (15).

Eine Woche lang haben die 19 Jugendlichen der Rechtskundeklasse an dem Video gearbeitet. Der Film zeigt, wie ein Mädchen aus Frust und Zeitmangel eine Bombenattrappe auf der Schultoilette deponiert und einen Drohanruf absetzt. Automatisch fokussiert der Beitrag die Gedanken der Schüler auf die gravierenden strafrechtlichen Folgen und die Schadensersatzansprüche.

Eine Lehrstunde mit Anlaufschwierigkeiten

Thomas Kutschaty, dessen Fachkenntnis selbst seine politischen Gegner rühmen, braucht eine Anlaufzeit, um bei den Schülern anzukommen. Verloren, etwas zu steif wirkt er in den ersten Minuten auf der Bühne der Aula. Eben wie ein Jurist, der pädagogische Ratschläge Schritt für Schritt umzusetzen versucht. Im Laufe seiner Lehrstunde gewinnt er aber das Vertrauen, auch weil er auf das setzt, was Jugendliche im Unterricht lieben: den Einsatz moderner Medien.

Die Schüler lernen vom Minister und „seinen Filmen“ etwas über Wahrnehmungspsychologie, über die Vielfältigkeit der menschlichen Wahrnehmung. Kutschaty bindet die Schüler geschickt ein, malt ihnen mit Worten aus, in welchem Dilemma ein Richter steckt, der nach einem Vergehen Zeugenaussagen auf ihren Wahrheitsgehalt abklopfen muss und sucht unter den 360 Anwesenden im Saal den idealen Zeugen. Den Zeugen, der seine Sinne nicht vom ersten Eindruck und Vorurteilen beeinträchtigen lässt und der seine selektierende individuelle Brille abnimmt.

Die Schüler machen mit, sind überrascht über die hohe Fehlerquote nach dem Konsum des Knockout-Tropfen-Films. Kaum jemand erinnert sich an die Farbe des Hemdes des Mittäters, kaum einer kann den Ort, an dem das bewusstlose Mädchen abgelegt wurde, so beschreiben, dass die Polizei etwas damit anfangen könnte. Es folgen Kippbilder, irritierende Zeichnungen, die nur auf den ersten Blick eindeutig erscheinen. Da wird aus der Ente nach dem zweiten Augenaufschlag ein Hase.

Auf den Spuren David Copperfiels

Immer wieder führt der Justizminister die Schüler auf falsche Fährten und greift zu Tricks wie einst David Copperfield. Kutschaty erklärt ihnen den Nikolaus-Effekt und präsentiert einen Gorilla, der in einer Szene durchs Bild marschiert und den niemand bemerkt hat, weil fast alle in der Aula auf etwas anders geachtet haben. Begeisterung, Applaus für einen Justizminister, der auf die richtigen Mittel gesetzt hat. Am Ende scheint Thomas Kutschaty gar froh zu sein, dem Ministerium in Düsseldorf für eine Weile entkommen zu sein.

Ulrike Schultz, Oberrätin der Fernuniversität Hagen, ist sichtbar stolz auf ihre Klasse. „Die Arbeitsgemeinschaft hat verinnerlicht: Wer Unsinn macht, hat auch für die Folgen aufzukommen.“ Die Schüler hätten begriffen, dass es „Spielregeln gibt, die es einzuhalten gilt, dass es ein Unterschied ist, ob über Fehlverhalten nur gesprochen oder darüber tatsächlich auch nachgedacht wird“.

Die Frau, die seit 30 Jahren Schülern und Lehrern Rechtskunde vermittelt, hasst den Satz „Die Jugend von heute...“ Sie ist überzeugt davon, dass er dem Ruf der iPhone-Generation nicht gerecht wird. Schüler wie die der 9C dächten nicht nur an Lady Gaga und Actionfilme. „Nein, sie sind disziplinierter als ihre Eltern vor 30 Jahren“, berichtet sie und spart nicht mit Lob für ihre Mädchen und Jungs, die sich freiwillig nach dem Unterricht mit vermeintlich trockener Materie auseinandergesetzt haben.

Für Carsten Steinhoff, dem Regisseur, ist die Stunde „wie im Flug“ vergangen. „Es war toll und lehrreich zugleich“, sagt der 16-Jährige, der sich durchaus vorstellen kann, Jurist zu werden. Aber noch, so fügt er mit einem Lächeln hinzu, habe er Zeit für seine „wahren Hobbys“: Thai-Boxen und Horrorfilme.

Rudi Pistilli



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