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Schleckers Ende mit Schrecken

01.06.2012 | 19:52 Uhr
Schleckers Ende mit Schrecken
Fast alle Schlecker-Filialen sollen Ende Juni schließen.Foto: dapd

Essen.   Die Ungewissheit ist vorüber. Fast alle Filialen der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker sollen Ende Juni schließen. Viele Kunden zeigen Mitgefühl, andere freuen sich schon auf den Ausverkauf. Er soll bald beginnen.

An der Fensterfront hängen noch die Plakate, die den „Schlecker Super Samstag“ anpreisen. Drinnen läuft das Geschäft. Die meiste Zeit stehen an diesem Nachmittag immerhin zwei oder drei Kunden an der Kasse der Schlecker-Filiale in Essen-Rüttenscheid. Nadine Kowalski lässt sich erst einmal nichts anmerken. Sie macht ihren Job. Seit sechs Jahren arbeitet sie nun für Schlecker. „Die Firma war immer fair zu mir“, sagt die Frau, die in diesem Monat 29 Jahre alt wird. Ende Juni, das ist nun klar, verliert Nadine Kowalski ihren Arbeitsplatz – wie mehr als 13.000 Schlecker-Frauen auch. Das Fax, das ihr die traurige Gewissheit gebracht hat, traf gegen 14 Uhr in der Filiale ein.

„Ich muss das Ganze noch verdauen“, erzählt Nadine Kowalski. Sie wirkt nicht wie ein Mensch, der sich mit der Arbeitslosigkeit abfinden möchte. „Ich war mit Leib und Seele dabei“, sagt sie. „Schlecker – das war nicht einfach ein Job für mich, das war Familie.“

Viele Kunden fragen, was aus Schlecker wird, während sie Deoroller, Batterien und Klobürsten aufs Band legen: „Wie? Ist jetzt endgültig aus?“ Ja, nur die Schlecker-Firmen „Ihr Platz“ und „XL“ bekommen eine Chance. „Tut mir leid“, murmelt ein Kunde. „Ist das ein Trauerspiel überall“, seufzt eine ältere Dame. Eine andere Kundin fragt die Kassiererin: „Sehen wir uns denn noch mal?“

Kunden kamen und sagten:„Wir zünden für Euch eine Kerze an“

Die Stimmung in der Belegschaft schwankt zwischen Resignation, Trotz und Verbitterung. „Ich verstehe es nicht, wie so ein Konzern in die Brüche gehen kann“, sagt eine Verkäuferin, die seit elf Jahren für Schlecker arbeitet. Wie es jetzt weitergeht, weiß die 47-Jährige nicht. Nur so viel: „Am Montag gehe ich erst einmal zum Arbeitsamt.“

Bis zuletzt habe sie gehofft, dass es weitergehen wird, erzählt Nadine Kowalski. Ihr hätten Kunden gesagt: „Wir zünden für euch eine Kerze an.“ Damit, dass ihr berufliches Schicksal ohnehin in den Händen anderer lag, hatte sich die Frau längst abgefunden. „Mehr als beten konnte man nicht.“

Kein Retter in letzter Minute

Gehofft hatte sie wie ihre 13.000 Kolleginnen auf einen Retter in letzter Minute. Sei es nun der weiße Ritter in Gestalt des Karstadt-Eigentümers Nicolas Berggruen oder der schwarze „Höllenhund“ Cerberus, wie sich ein US-Investor nennt. Glaubt man Verhandlungskreisen, hat es für diese Hoffnung nie wirklich Anlass gegeben. Die Investoren hätten nicht nur zu wenig Geld geboten. Vielmehr habe keiner eine Idee mitgebracht, wie Schlecker wieder Geld verdienen kann. Die Gläubiger witterten die Absicht, „billig abzustauben“, um die Kette doch zu zerschlagen.

Dazu passt, was Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz über die Gründe für Berggruens Rückzug in der Nacht zum Freitag sagte: Der Karstadt-Eigentümer habe „Angst“ gehabt, seine bei Schlecker geplanten „Maßnahmen“ könnten sich „negativ auf seine sonstigen Tätigkeiten in Deutschland“ auswirken.

Schlechtes Image, hohe Preise

Das schlechte Image, die hohen Preise – alles Ursachen für das Aus. Den Rest gegeben hat Schlecker nach Lesart der Betriebsräte aber die FDP, als sie im März die Transfergesellschaft platzen ließ. Es folgte eine Klagewelle der damals gekündigten 10 000 Frauen. „Niemand übernimmt einen Konzern, gegen den 4400 Kündigungsschutzklagen laufen – auch das geht auf das Konto der FDP“, sagt NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD). Christian Lindner, Chef der NRW-FDP, bleibt dabei: „Die Schonung der Insolvenzmasse und der Banken sowie die Fortführung jedes Geschäfts ist nicht die Aufgabe des Staates.“

Und nun? Sie hätten doch gute Chancen auf eine neue Stelle, sagt die FDP. Arbeitsminister Schneider ist da weniger optimistisch: „Auch im Einzelhandel herrscht leider ein Jugendlichkeitswahn. Das Durchschnittsalter der Schlecker-Belegschaft ist aber vergleichsweise hoch. Hinzu kommt, dass bei Schlecker fast ausschließlich Vollzeitkräfte beschäftigt waren, das ist im Handel sehr ungewöhnlich.“

In den Läden finden viele Kunden warme Worte für die Kassiererinnen, aber nicht alle. „Werden die jetzt auch billiger?“, will eine Seniorin an der Kasse einer Essener Filiale wissen und reckt eine Packung Küchentücher in die Höhe. „Na, ich bring die mal wieder ins Regal und guck jetzt jeden Tag.“

Ulf Meinke u. Stefan Schulte


Kommentare
02.06.2012
08:57
Schleckers Ende mit Schrecken
von sneiper | #13

Als vor eingen Jahren das Traditionsunternehmen Schmitz Söhne am linken Niederrhein vor die Wand gefahren wurde, ist nicht eine Zeile darüber geschrieben worden.
Selbst die Gewerkschaft IGM hat sich dabei bedeckt gehalten.

Also wen juckts schon, wenn Schlecker Pleite ist.

Nur, wo sind die Milliarden von Schlecker geblieben?

02.06.2012
08:53
Schleckers Ende mit Schrecken
von querulant08 | #12

habe noch etwas vergessen.
7,89 Eu brutto, mach bei Stkl. 5 und 80 Stunden im Monat stolze 427, Eu.

02.06.2012
08:40
Schleckers Ende mit Schrecken
von querulant08 | #11

gute Chancen auf eine neue Arbeitsstelle. Ja,
1. auf Teilzeit bis Minijob
2. Die Arbeitsvermittler wird es freuen. Gibt es doch für einen Vermittlungsgutschein mind. 1.500 Eu?
und dann das Stellenangebot. 7,89 Eu bei einem Verleiher. Wenn Sie sich gut anstellen, werden Sie sogar übernommen.

02.06.2012
08:20
Das ist hoffentlich eine Warnung
von meigustu | #10

an alle die immer noch an den einen Erlöser glauben. Gerade die CDU tut sich darin hervor, Macht auf wenige Köpfe konzentrieren zu wollen.

02.06.2012
07:43
Schleckers Ende mit Schrecken
von ESteiger | #9

Diskutieren ENDE! Es bringt doch nichts! AUS SCHLUSS UND VORBEI!

Das Leben ist kein Ponyhof!

02.06.2012
00:48
Schleckers Ende mit Schrecken
von a_ha | #8

So leid es mir für die Angestellten tut - aber Schuld es doch wohl ausschließlich Herr Schlecker?!

1 Antwort
Schleckers Ende mit Schrecken
von makoco | #8-1

Ich denke man kann sagen, dass sich Schlecker einfach überlebt hat. Mit den Arbeitsverträgen aus der guten alten Zeit - gute Bezahlung, 30 Tage bezahler Urlaub, Urlaubsgeld, Vollzeit usw. - gings halt nicht mehr, und da Arbeitsverträge nicht verjähren und Schlecker nicht systemrelevant ist, wars das halt.

02.06.2012
00:24
Schleckers Ende mit Schrecken
von iswatlos | #7

4400 Kündigungsschutzklagen - im Artikel liest sich die Kritik daran recht harmlos, im TV wurden sie deutlich als ein Hauptgrund für das fehlende Interesse von Investoren genannt. Nur was oft vergessen wird: Wem gekündigt wird, sollte eben Kündigungsschutzklage einreichen, da in vielen Bezirken das Arbeitsamt ohne eine solche von stillem Einverständnis des MA ausgeht und eine dreimonatige Sperre verhängt.

@ guentherpaul: Tariflöhne wurden von Schlecker erst nach massiven Protesten gezahlt, als das Image schon ruiniert war. Und Vollzeitkräfte schön und gut, dafür aber viel zu wenig! Kein anderer Händler hat so wenig Personal pro Laden angestellt wie Schlecker (weswegen gerade Schlecker-Filialen gerne ausgeraubt wurden; schon vergessen?).

3 Antworten
Schleckers Ende mit Schrecken
von ESteiger | #7-1

da in vielen Bezirken das Arbeitsamt ohne eine solche von stillem Einverständnis des MA ausgeht und eine dreimonatige Sperre verhängt.

So ein totaler QUATSCH! Das ist völlig falsch und an den Haaren herbei gezogen!

Schwachsinniger Kommentar!

Schleckers Ende mit Schrecken
von Loriazo | #7-2

Bei Insolvenz gibt es erst mal vom Arbeitsamt maximal drei Monate Insolvenzgeld, keine Sperrzeit, muß der Arbeitnehmer aber auch rechtzeitig beantragen. Danach geht´es ganz normal mit Arbeitslosengeld weiter. Keine Sperrzeiten. Was nützt denn eine Klage, wenn der Betrieb kaputt ist. Es täte ja gut, wenn die Gewerkschaft oder wer auch immer den Leuten hier beratend zur Seite stehen würde.

Schleckers Ende mit Schrecken
von iswatlos | #7-3

@ ESteiger: eben nicht! selbst von einem Arbeitsrichter gehört!!!! Also nix mit schwachsinning. Danke fürs Aufpassen!

@ Loriazo: In der Tat ist die Insolvenz ein Sonderfall, wovon die Schleckerfrauen der ersten Kündigungswelle aber nicht aus gehen konnten. Schließlich hatte man ja die Hoffnung, dass es weitergeht.

01.06.2012
23:45
Schleckers Ende mit Schrecken
von guentherpaul | #6

Wird ja immer lustiger. Schlecker, laut Verdi und SPD der übelste Ausbeuter im Land, zahlte nicht nur Tariflöhne, nein, auch "Das Durchschnittsalter der Schlecker-Belegschaft ist aber vergleichsweise hoch. Hinzu kommt, dass bei Schlecker fast ausschließlich Vollzeitkräfte beschäftigt waren, das ist im Handel sehr ungewöhnlich.“

01.06.2012
23:09
Schleckers Ende mit Schrecken
von Loriazo | #5

... hat Schlecker ganz allein zu verantworten. Hätte noch vor einem halben Jahr Verdi dazu aufgerufen, "Leute geht bei Schlecker einkaufen!" und rettet so Schlecker vor der Insolvenz, die Umsatzzahlen müssen steigen, dann wäre ich trotzdem nicht hingegangen. Warum wohl?

01.06.2012
22:34
andere freuen sich schon auf den Ausverkauf...
von Hansiwurstl | #4

lohnt sich leider nicht. Bei den schon geschlossenen Filialen gab es keine echten Schnäppchen.

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