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Beschneidung

Christen, Muslime und Juden begehren gegen Beschneidungsverbot auf

27.06.2012 | 18:32 Uhr
Christen, Muslime und Juden begehren gegen Beschneidungsverbot auf
Ein muslimischer Junge wird beschnitten. Religionsgemeinschaften pochen auf ihr Recht zur Ausübung eines Jahrhunderte alten Rituals. Foto: dapd

Essen.   Christen, Juden und Muslimen haben mit Empörung auf das Gerichtsurteil zur Strafbarkeit von religiös begründeten Beschneidungen von Jungen reagiert. Wissenschaftler warnen vor einer Kriminalisierung der Religionen.

Christen, Juden und Muslime haben mit Unverständnis und Empörung auf das Kölner Gerichtsurteil zur Strafbarkeit von religiös begründeten Beschneidungen von Jungen reagiert. Das Urteil stelle einen „eklatanten und unzulässigen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften und in das Elternrecht“ dar, erklärte der Zentralrat der Muslime. Wissenschaftler warnen vor einer Kriminalisierung der Religionen. „Dramatisch“, „unsensibel“, „unzulässig“, „befremdlich“ – jüdische, muslimische und auch christliche Religionsvertreter kritisieren das Urteil des Landgerichts Köln scharf.

Die Richter hatten die Beschneidung eines muslimischen Jungen aus religiösen Gründen als grundsätzlich strafbar bewertet. Nach ihrer Ansicht handele es sich um Körperverletzung, auch wenn die Eltern dem Eingriff zugestimmt haben.

Zentraler Bestandteil der Tradition

Zwischen zwei Grundrechten hatte das Gericht abzuwägen: Das Recht auf Freiheit der Religionsausübung, das in Artikel 4 des Grundgesetzes verankert ist, konkurrierte mit dem Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit nach Artikel 2. Die Richter urteilten, die Unversehrtheit des Kindes sei höher zu bewerten, und die Beschneidung verletze dieses Recht.

Kommentar
Recht und Religion - von Christopher Onkelbach
Recht und Religion - von Christopher Onkelbach

Es ist ein heikles Terrain, auf das sich die Richter vorgewagt haben. Sie haben es in diesem Fall nicht mit der nötigen Umsicht betreten, sondern mit einer sachlichen Argumentation, die die sonst vor Gericht übliche Beachtung von Tradition, Geschichte, Religion und Kultur weitgehend außer acht ließ.

Es ist die Frage, ob man allein mit fachjuristischem Instrumentarium diese Frage entscheiden kann. Sicherlich gibt es religiös und kulturell begründete Rituale, die verhindert werden müssen, wie die grausame Genitalverstümmelung von Frauen. Die Entfernung der Vorhaut ist damit nicht vergleichbar.

Abkehr von der Religion

Man kann das Urteil auch als Symptom dafür lesen, wie sich das Verhältnis von Religion und Recht verändert, wie fremd religiöse Gebräuche auf eine zunehmend religionsskeptische Gesellschaft wirken. Selbst der Sinn christlicher Feiertage und Riten ist vielen unverständlich geworden – wie sehr sind es dann erst die der anderen? Diese Abkehr kann man beklagen, doch muss dies nichts Schlechtes sein, im Gegenteil: Unser Gemeinwesen baut auf die Trennung von Religion und Staat. Doch die wachsende Fremdheit muss zugleich mit dem gebotenen Respekt gegenüber dem Glauben anderer einhergehen.

Auch das ist Grundlage unseres Staates und als Religionsfreiheit im Grundgesetz verankert. Verständlich, dass muslimische und jüdische Religionsvertreter vom Gesetzgeber nun Rechtssicherheit fordern. Denn bliebe es bei dem Verbot der in der Bibel verankerten Praxis, würde vielen gläubigen Juden ein Leben in Deutschland beinahe unmöglich gemacht.

Erstmals hat ein deutsches Gericht in dieser Weise geurteilt. Ärzte machen sich demnach strafbar, wenn sie ein Kind beschneiden, auch wenn es die Eltern so wünschen. Das Urteil ist für andere Gerichte nicht bindend, dürfte aber die künftige Rechtspraxis beeinflussen.

Die Empörung ist groß

Dies ist die kühle juristische Seite des Problems. Die religiöse, kulturelle und auch historische Dimension des medizinisch harmlosen Eingriffs lässt sich indes nicht so sachlich abhandeln. Die Empörung ist groß und die Reaktionen sind entsprechend: Der Zentralrat der Juden bewertet das Urteil als „beispiellosen und dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften“. In jedem Land der Welt werde dieses religiöse Recht respektiert – ausgerechnet in Deutschland nicht.

Der Zentralrat der Muslime protestiert mit fast gleichlautenden Worten und rügt den Richterspruch als „eindimensional“. Seit Jahrhunderten sei die Beschneidung ein zentraler Bestandteil muslimischer Tradition.

Kritik der Kirche

Auch die deutschen Bischöfe finden kritische Worte. Der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff erklärt: „Das Verbot der Beschneidung im Kindesalter ist ein schwerwiegender Eingriff in die Religionsfreiheit und das Erziehungsrecht der Eltern.“

In jüdischen Gemeinden dürfte das Urteil erhebliche Unruhe auslösen. Denn das in der Tora festgelegte Gebot besagt, dass ein Knabe am achten Tag nach der Geburt zu beschneiden ist. Anders als im Islam ist der Termin im Judentum fixiert. Der einzige Ausweg für gläubige Juden wäre es demnach, ein Kind im Ausland zur Welt zu bringen. „Als Jude in Deutschland zu leben und Kinder zu bekommen, würde in Zukunft sehr schwierig, ja fast unmöglich“, sagt Elisabeth Hollender, Professorin für Judaistik an der Universität Frankfurt.

Göttliches Gebot

Die Beschneidung ist für Juden kein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit, sondern „ein göttliches Gebot“, erklärt Hollender. „Es steht in der Bibel, Genesis 17. Dieses Gebot kann man nicht brechen. Selbst weniger gläubige Juden halten daran fest. Aus jüdischer Sicht kann es keine Kompromisse geben.“ Der Richterspruch treffe die Menschen in ihrem religiösen Selbstverständnis, in ihrer Identität und Freiheit.

Das Kölner Urteil wertet die Wissenschaftlerin nicht als religionsfeindlich, es sei aber Ergebnis einer „religionsfernen Sicht“. Der Münchener Religionswissenschaftler Oliver Glatz hält das Beschneidungsverbot für einen gravierenden Eingriff und warnt: „Es besteht die Gefahr, Religion zu kriminalisieren.“

Christopher Onkelbach



Kommentare
30.06.2012
00:12
Christen, Muslime und Juden begehren gegen Beschneidungsverbot auf
von 1980yann | #69

@68
Und wenn Ihr Sohn später mal für sich entscheidet, dass er keiner solchen Religion angehören will? Dann muss er für immer ohne seine Vorhaut leben - die ist nämlich dann unwiderbringlich verloren! Die Entscheidung über die Beschneidung wollen Sie ihm nämlich stehlen!

30.06.2012
00:06
Christen, Muslime und Juden begehren gegen Beschneidungsverbot auf
von allstar88 | #68

Das ist jawohl ein schlechter Witz!!! An alle ungläubigen und gottlose: Ihr solltet einfach mal die Klappe halten, weil es euch nichts angeht ob jemand nun will, dass sein Sohn beschnitten wird oder nicht!!! Ganz ehrlich, ich werde meinen Sohn beschneiden lassen, ob straftat oder nicht, denn meine religion gibt mir das so vor. Ende. Ich bin selbst beschnitten, hatte nie ein Problem damit im gegenteil ich finde es sogar sehr gut so und die Frauen auch ;)

1 Antwort
Christen, Muslime und Juden begehren gegen Beschneidungsverbot auf
von n_macker | #68-1

Taj, so verblenden eben Psychosekten die Menschen.

29.06.2012
23:33
Christen, Muslime und Juden begehren gegen Beschneidungsverbot auf
von Marxururenkel | #67

Eine spannende Auseinandersetzung! Wie sehr darf der Staat in religiöse Gebräuche eingreifen? Was dürfen wir zulassen? Welchen Bewegungsspielraum haben religiöse Sekten? Hier stehen sich 2 wichtige Rechte gegenüber: Einerseits das Recht auf körperliche Unversehrtheit und andererseits das Recht auf Ausübung der Religion (der Eltern). Für mich steht das Recht auf die körperliche Unversehrtheit im Vordergrund. Was erst mal abgeschnitten ist, lässt sich nicht wieder erneuern.
Dennoch gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen der männlichen und der weiblichen Beschneidung und die Gleichmacherei scheint mir zumindest unwissend. Bei den Mädchen steckt dahinter, dass bewusst das Lustempfinden beschnitten wird, wenn die Klitoris beschädigt oder gar abgeschnitten wird. Die männliche Vorhaut ist für die Lebensfreude nicht notwendig, sondern eher Hort von Infektionen. Dennoch sollte jeder Mensch SELBST entscheiden, was er sich abschneiden lässt, wenn er erwachsen ist.

29.06.2012
06:20
Christen, Muslime und Juden begehren gegen Beschneidungsverbot auf
von DifesSanoscri | #66

Wer in die Geschichte zurückblickt, weiss, was die religiösen Machthaber verbrochen haben.
Wer den zigtausendfachen Missbrauchsskandal und das Umgehen der "Würdenträger" bis heute damit betrachtet oder Literatur über ekklesiogene Neurosen liest, der weiss, was die alten Männer in Frauenkleidern auch heutzutage noch anrichten.
Es geht um Macht und Geld, viel Geld!
Da halten die Machthaber aller Religionen zusammen!

28.06.2012
18:49
Christen, Muslime und Juden begehren gegen Beschneidungsverbot auf
von Blogger | #65

Gleiches Recht für alle ! Warum dürfen nur Religionsgemeinschaften an 8 Tage alten Säuglingen herrumschneiden ? Das sollte jeder dürfen ! Doch die Rechtslage ist unklar. Wieviel darf/muss man beschneiden ? Ist eine Totalbeschneidung erlaubt ? Darf man auch andere Körperteile beschneiden ? Wenn ja: welche ? Ab welchem Alter ? Bis zu welchem Alter ?





28.06.2012
16:33
Auch Scharia legitim?
von Ainu | #64

Mich würde interessieren, ob die Befürworter der Beschneidung aus religiösen Gründen auch die Scharia befürworten - oder sind sie in Wirklichkeit scheinheilig?

28.06.2012
15:43
Christen, Muslime und Juden begehren gegen Beschneidungsverbot auf
von 1980yann | #63

Ein 14-jähriger kann sich bereits wirksam vom Religionsunterricht abmelden oder aus der Kirche austreten. Das nennt man Religionsmündigkeit.
Das wäre auch das passende Alter für die selbstbestimmte Zustimmung zur einem solchen, medizinisch nicht indizierten Eingriffs!

Übrigens ist das für all die aufgeführten tatsächlichen oder angeblichen Vorteile einer Beschneidung, für die hier mancher gerne wirbt, dann eben noch nicht zu spät. Der gerne aufgeführte Peniskrebs hat übrigens derart geringe Fallzahlen, dass er beim Sterberisiko mit dem allgemeinen Narkose- und OP-Risiko einer Beschneidung gleichauf liegt.
Die angeblich geringere HIV-Ansteckungsgefahr in Afrika ist statistisch nicht klar von dem ggf. veränderten Sexualverhalten infolge von Arztkontakt und Beratungsgespräch abgrenzbar. Im Zweifelsfall wäre kondomloser Verkehr mit oder ohne Vorhaut übrigens auch nur Russisches Roulette mit mehr oder weniger Kugeln in der Trommel - verantwortungslos ist beides!

28.06.2012
11:50
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #62

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

28.06.2012
11:16
Kein Unterschied zwischen Mann und Frau
von v.vonkannen | #61

Herr Onkelbach, es macht absolut keinen Unterschied, ob Junge oder Mädchen beschnitten wird. Wo sollten den Ihrer Meinung nach die Unterschiede liegen?
Beide Varianten haben religiöse Ursprünge, beide dämmen die sexuelle Empfindsamkeit ein, beide werden an Kleinkindern praktiziert...
Oder unterscheiden Sie zwischen Guten und Bösen Religionen? Oder macht der Grad der Schmerzhaftigkeit den einzigen Unterschied? Oder zählt für Sie die Ästhetik des verstümmelten Organs?

Selbst bei vielen medizinischen Indikationen, wie Phimose, ist eine Beschneidung umstritten und meist nicht notwendig.
Die Aussage, dass nirgendwo sonst ein Verbot existiere, ist falsch. Vielmehr ist das in den meisten Ländern verboten und wird lediglich geduldet.
Allerdings wackelt diese Duldung mittlerweile in vielen Ländern. Selbst in den USA...

28.06.2012
11:00
Christen, Muslime und Juden begehren gegen Beschneidungsverbot auf
von Klausi1683 | #60

Immer diese Religionsempörten wegen alles fühlen die sich Diskriminiert. Körperverletzung im namen einer Religion gibts nicht mehr und fertig!

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