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Interview

Wie haben Sie Auschwitz überlebt, Herr Mannheimer?

25.01.2013 | 18:53 Uhr
Wie haben Sie Auschwitz überlebt, Herr Mannheimer?
Max Mannheimer geht es um Versöhnung, nicht um Vergeltung.Foto: Elija Boßler

München.  Max Mannheimer ist einer der letzten noch lebenden Zeugen des Holocaust. Die Eltern, drei Geschwister und Mannheimers Ehefrau wurden im Konzentrationslager ermordet. Doch ihm geht es heute um Versöhnung, nicht um Vergeltung.

Vor 68 Jahren – am 27. Januar 1945 – wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Der Wahlmünchner Max Mannheimer, Jahrgang 1920, ist einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen, die das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte von der Machtergreifung der Nazis vor 80 Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs am eigenen Leibe erfahren haben.

Als Jude wird er 1943 mit seiner Familie vom Sudetenland nach Auschwitz deportiert. Die Eltern, drei Geschwister und Mannheimers Ehefrau werden ermordet. Sein jüngerer Bruder und er überleben weitere Deportationen. Ein Gespräch mit dem Überlebenden Max Mannheimer über seine Erinnerungen, die er in der berührenden Biografie „Drei Leben“ festgehalten hat.

1943 nach Auschwitz-Birkenau gebracht

Herr Mannheimer, 1943 wurden Sie gemeinsam mit Ihrer Familie nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Wussten Sie zu dem Zeitpunkt, was Hitler mit Juden in Deutschland machte?

Max Mannheimer: Es hieß, Juden kämen zum Arbeitseinsatz in den Osten. Da das Naziregime darauf verzichtete, Konzentrationslager in Deutschland zu errichten, konnte bei der Zivilbevölkerung lange der „Arbeitseinsatz im Osten“ aufrechterhalten werden. Wirklich alarmiert waren auch wir erst, als mein Bruder Ernst in Ungarisch Brod von der Gestapo verhaftet wurde. Dies öffnete uns endgültig die Augen und wir schlossen eine Deportation nicht mehr aus. Wir wussten bereits, dass Hitler Deutschland „judenfrei“ machen wollte und hielten den Arbeitseinsatz Ost mehr und mehr für Realität. Auf dem Transport nach Auschwitz beschlichen mich erhebliche Zweifel und mir wurde klar, dass mit uns Juden etwas Schlimmes geschehen würde. Ich hatte zum ersten Mal große Angst.

Die Verantwortung für Ihre jüngeren Brüder Edgar und Ernst gab Ihnen im Konzentrationslager Halt. Aber was genau war Ihre Überlebensstrategie in Auschwitz?

Frauen und Kinder in Lagerkleidung stehen 1945 hinter einem Stacheldrahtzaun im Konzentrationslager „Auschwitz"

Max Mannheimer: Ohne meinen Bruder Edgar hätte ich die Zeit in den Lagern nicht überstanden. Eigentlich wollte ich unmittelbar nach dem ersten Morgenappell in Auschwitz, nachdem die erste Selektion stattgefunden hatte, in die elektrischen Drähte laufen, die das Lager einzäunten. Denn ich erkannte, dass wir in ein Inferno gekommen waren und flüsterte meinem Bruder zu: „Du wirst sehen, wir werden Schaufeln bekommen und unser eigenes Grab schaufeln. Am besten wäre es, ich ginge zu den Drähten hin, berühre sie und aus.“ Da fragte er, der Siebzehnjährige, mich, den Dreiundzwanzigjährigen: „Willst du mich alleine lassen?“ Diese eine Frage hatte zwei Effekte: Erstens habe ich mich sehr geschämt, dass ich meine beiden jüngeren Brüder verlassen wollte; und zweitens hat sich meine Einstellung um 180 Grad geändert. Ich sagte mir, dass ich als Ältester meine jüngeren Brüder beschützen muss. Dass der jüngste Bruder dann der stärkere war, steht auf einem anderen Blatt. Edgar machte mir mit seiner positiven Einstellung immer wieder Mut. Er war überzeugt, dass wir überleben würden.

Zur Person
Max Mannheimer

 

Max Mannheimer, geboren am 6. Februar 1920 in Neutitschein/Tschechoslowakei, wurde 1943 nach Theresienstadt und Auschwitz, 1944 nach Dachau deportiert. Nach der Befreiung kehrte er zunächst in seine alte Heimat zurück, ließ sich dann jedoch entgegen seinem festen Vorsatz mit seiner neuen Familie in Deutschland nieder.

Er hält in Vorträgen die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus wach. Für seinen Kampf gegen das Vergessen wurde er vielfach ausgezeichnet. Unter dem Namen Ben Jakov malt er expressionistische Bilder. Max Mannheimers Biografie, die Marie Luise von der Leyen aufgeschrieben hat, heißt: „Drei Leben“ (dtv, 220 Seiten, 14,90 Euro).

Nach der Befreiung kamen die Selbstvorwürfe

Ihre Eltern, Ihre Frau Eva, Ihre Schwester und Ihre Schwägerin wurden im Februar 1943 in Birkenau vergast. Inwieweit fühlten Sie sich damals schuldig, weil Sie selbst nicht selektiert wurden?

Max Mannheimer: Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass meine Angehörigen nicht mehr lebten. Die Selbstvorwürfe, überlebt zu haben, kamen erst nach meiner Befreiung.

Später mussten Sie mit ansehen, wie Ihr Bruder Ernst selektiert wurde. War das der Moment, in dem Sie Ihren Glauben an Gott verloren haben?

Max Mannheimer: Meinen Glauben hatte ich schon vorher verloren: Wie kann es einen Gott geben, wenn er dieses Morden zulässt? Trotzdem betete ich abends nach jüdischer Tradition das Schma Jisrael.

Wie oft sind Sie in Auschwitz der Selektion entgangen?

Max Mannheimer: Ungefähr zehnmal.

Die Aufseher - unmenschlich, grausam, brutal

Wie war die Mentalität der Lageraufseher?

Max Mannheimer: Unmenschlich, grausam, brutal, sadistisch. Das Paradoxe war, es waren „normale“ Männer, die nach 1945 wieder anständige Deutsche waren. Während die SS-Aufseher uns bei der Arbeit bewachten, bedrohten sie uns, es gab Knüppelschläge, sie hetzten Hunde auf die Häftlinge. Wenn jemand während der Arbeit zusammenbrach, wurde er mit Kolbenschlägen wieder angetrieben oder erschossen.

  1. Seite 1: Wie haben Sie Auschwitz überlebt, Herr Mannheimer?
    Seite 2: Warum Mannheimer nach dem Krieg in Deutschland blieb

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Kommentare
27.01.2013
23:31
Wie haben Sie Auschwitz überlebt, Herr Mannheimer?
von feierabend | #5

Und noch viel schlimmer, sie wollen nicht nur einen Rechtstaat präsentieren sondern auch noch gute Christen sein. Mossad und Allierten . sie haben in der Tat versäumt einen Rechtsstaat zu errichten ohne gesellschaftliche Ächtung der ehemaligen Täter. Nein, diese Menschen sind bis heute was sie sind - Menschen können zwar dazu gebracht werden zu töten - auch Zwang, Angst, Verzweiflung - diejenigen, die es aus politischen Motiven taten töten bis heute - indirekt. Sie schauen zu , können sich bis heute am Leid und Verzweiflung anderer erfreuen und weiden. Ich glaube die Übervölkerung, Landflucht und stagnierenden Wirtschaftszahlen sind Folge einer Verniedlichung von Kriminellen und ihren Straftaten. Die gesellschaftlich Akzeptanz gegenüber Menschen mit kriminellen Energien ist viel zu hoch - egal ob Männlein oder Weiblein. Jugendliche Ungehorsam hat schließlich nichts mit bewußtem Brechen von Gesetzen zu tun.

27.01.2013
19:09
Den Deutschen ging es nicht um Reue?
von kuba4711 | #4

Wer ist in dem Zusammenhang "die Deutschen?"
Gleichzeitig wird ja betont ,dass es zuerst Gewerkschafter und Sozialdemokraten waren ,die in die KZ`s gesperrt wurden.
Die Gewerkschafter und Kommunisten wurden im Artikel offenbar vergessen zu erwähnen.
Der damalige Kommunist Herbert Wehner war im Berlin der 30 iger z. B. derjenige ,der den kommunistischen Widerstand versuchte zu organisieren.
Die menschliche Betroffenheit darf nicht dazu führen die Diskussion über die Ursachen und die gesellschaftlichen Unterstützer der Nazis anzusprechen.
Ein christlicher KZ - Wärter kann leider nicht das eingegangene Reichskonkordat der Katholen - Sekte mit der Hitlerei ausgleichen .
Wiewohl der vielleicht für das individuelle Überleben des Herrn Mannheimer wichtig war.
Willi Bleicher ,ein wichtiger IG - Metall Chef nach 1945 und selbst Überlebender eines KZ`s hat einmal -sinngemäß - gesagt :
Faschismus ist absolute Menschenverachtung und ungeregelter Kapitalismus verwertet den Menschen absolut

1 Antwort
Wie haben Sie Auschwitz überlebt, Herr Mannheimer?
von kuba4711 | #4-1

Korrektur : die gesellschaftlichen Unterstützer der Nazis nicht - ich wiederhole nicht - anzusprechen !
Sorry....

27.01.2013
15:22
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #3

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

27.01.2013
12:25
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #2

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

27.01.2013
11:01
Wie haben Sie Auschwitz überlebt, Herr Mannheimer?
von JochenSestak | #1

Der Text enthält einen sachlichen Fehler. Herr Mannheimer wird so zitiert:
"Da das Naziregime darauf verzichtete, Konzentrationslager in Deutschland zu errichten..." Das hat er bestimmt nicht gemeint, er meinte Vernichtungslager. Konzentrationslager gab es in Deutschland. Darauf sollten Autoren und Redakteure schon achten, gerade bei diesem Thema.

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