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Verdrängung bis zum ersten Babyschrei

05.05.2008 | 16:20 Uhr

Berlin/Hagen. Noch ist nicht klar, welches Motiv Monika H. (44) aus Wenden dazu brachte, ihre drei Neugeborenen zu töten und fast 20 Jahre in der Tiefkühltruhe aufzubewahren. ...

... Möglicherweise hat die Mutter - damals Anfang 20 - die drei Schwangerschaften nicht nur versteckt, sondern auch verdrängt. Unsere Zeitung sprach mit Gynäkologe und Psychotherapeut Dr. Peter Rott aus Berlin, der sich seit zehn Jahren mit Forschungen zum Thema "verdrängte Schwangerschaft" befasst.

Frage: Was haben Sie in der Studie herausgefunden?

Rott: Das Problem ist, dass man nur schwer an solche Patienten herankommt und von ihnen erfährt. Dennoch habe ich auskunftsbereite Patienten gefunden. In Berlin kommt auf 568 Schwangerschaften eine verdrängte Schwangerschaft. Auf Deutschland hochgerechnet sind das jährlich zirka 400.

Frage: Welche Frauen sind besonders gefährdet?

Rott: Eigentlich findet man kein Muster. Besonders gefährdet sind Frauen, die sexuell missbraucht wurden sowie sehr junge Frauen und Suchtkranke. Aber es gibt auch Frauen ohne besonderen Hintergrund.

Frage: Verdrängen nur junge Frauen?

Rott: Nein, signifikant sind die unter 20-Jährigen und die über 40-Jährigen.

Frage: Welcher psychische Druck wird aufgebaut?

Rott: In einer streng religiösen Familie beispielsweise: Wie soll die 14-Jährige erklären, dass sie schwanger ist? Neben innerem Druck kann auch der wirtschaftliche Aspekt eine Rolle spielen. Die Entscheidung, ob ein Schwangerschaftsabbruch sinnvoll wäre, ist schwierig. Viele verdrängen, dass sie schwanger sind. Verdrängung ist einer der bestfunktionierenden Abwehrmechanismen, die wir haben.

Frage: Eindeutige Anzeichen einer Schwangerschaft müssen doch im Umfeld auffallen?

Rott: Nicht immer. Bei korpulenteren Frauen fällt es nicht so auf. Oder die Frau deutet Anzeichen um. Kindsbewegungen werden zu Bauchgrummeln, wachsendes Gewicht wird mit zunehmender Nahrungsaufnahme erklärt. Ein Teil der Frauen hat sogar den Arzt überzeugt, so dass der auf Schwangerschaftstest oder Ultraschall verzichtete.

Frage: Was geht in einer jungen Frau vor, die ihre Schwangerschaft verdrängt?

Rott: Vor allem spielt die Angst eine Rolle. Die oft noch Jugendlichen haben keine Schwierigkeiten, im Hier und Jetzt zu leben, aber die Zukunft mit dem Kind zu organisieren, das scheint ihnen nicht möglich. Auch eine schlechte Sexualaufklärung spielt eine Rolle. Die sagen sich, ich bin noch zu jung, um schwanger zu sein. Hinzu kommt auch das Schamgefühl, vor allem, wenn die Frauen in einer Familie leben, in der Gewalt eine Rolle spielt. Aus Angst, bestraft zu werden, streichen sie die Schwangerschaft aus ihrem Kopf.

Frage: Und was bringt Frauen dazu, das Kind unmittelbar nach der Geburt zu töten?

Rott: Frauen, die nach der Entbindung ihr Kind umbringen, sind bei der Geburt in einer dermaßen großen Ausnahmesituation, dass sie überfordert sind und nicht rational überlegen können. Weil das Baby schreit, können sie nicht mehr verdrängen. Und dann gibt es nur noch einen Ausweg - das Kind umzubringen. Es ist der Versuch des Ungeschehenmachens.

Frage: Und warum bewahren viele Frauen das tote Kind noch lange in der Nähe auf?

Rott: Das zeigt, dass die Frauen nicht rational mit der Tat umgehen und beispielsweise überlegen, wie sie die Spuren beseitigen. Sie tun einfach weiter so, als hätte es dieses Kind nie gegeben.

Mit Dr. Peter Rott sprach Marco Marcegaglia.

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Verdrängung bis zum ersten Babyschrei
Verdrängung bis zum ersten Babyschrei
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2008-05-05 16:20
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