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Baby-Boom bisher nur im Ministerium Geburten-Statistik kein Beleg für Trendwende

20.07.2007 | 08:55 Uhr
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Hagen/Bielefeld. 600 Säuglinge machen noch keinen Trend. Um 0,4 Prozent ist die Geburtenrate in Deutschland im ersten Quartal 2007 gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen, genauer gesagt von 148 700 auf 149 300. "Veränderungen in einzelnen Quartalen dr

"0,4 Prozent sind ein viel zu geringer Zuwachs, um daran schon eine Wende festzumachen." Also kein Baby-Boom nach der Fußball-WM. Und erst recht kein Ende des Bevölkerungsschwundes nach dem Beschluss, das neue Elterngeld einzuführen. Trotzdem ließ es sich Familienministerin Ursula von der Leyen gestern nicht nehmen, die Zahlen des Statistischen Bundesamtes in ihrem Sinne zu interpretieren: "Wenn damit der jahrelange Geburtenrückgang gestoppt ist, dann sind wir auf dem richtigen Weg."

Ja, wenn. Denn hinter diese vier Buchstaben setzen Ulrich und sein Kollege Prof. Dr. Herwig Birg gleich mehrere Fragezeichen. "Ein geringer Anstieg der Geburten lässt keine Rückschlüsse auf einen Verhaltenswandel zu", sagt Ulrich. Schließlich sei die Zahl der Geburten im Gesamtjahr 2006 gesehen nach wie vor rückläufig. In Zahlen ausgedrückt: Im vergangenen Jahr kamen 672 700 Kinder lebend zur Welt; 13 100 oder 1,9 Prozent weniger als 2005.

Für Birg steht fest: Wer aus den Quartalszahlen eine Trendwende ableitet, "ist schlecht informiert". Sie spiegelten normale Schwankungen wider, die seit Jahrzehnten auftreten. Die Entwicklung der Geburtenzahlen hänge von vielen Faktoren ab, sagt der emeritierte Professor der Uni Bielefeld - "sogar vom Wetter und von den Urlaubszeiten". Anders sieht Tusnelda Tivig, Wissenschaftlerin am Rostocker Zentrum zur Erforschung des Demografischen Wandels, die Entwicklung: "Die Trendumkehr bei den Geburtenzahlen ist längst da."

Fest steht jedoch: 0,4 Prozent ist nicht viel, selbst die zehnfache Menge, also 4 Prozent, könnte den Bevölkerungsrückgang in Deutschland nicht stoppen, meint Birg. "Dafür brauchen wir das Vierzigfache." Der Mann, das wird auch am Telefon klar, ist frustriert. Die Familienpolitik in Deutschland drehe sich seit Jahrzehnten im Kreis: "Das ist ein trübseliger Themenbrei."

Kollege Ralf Ulrich blickt nicht ganz so pessimistisch in die Zukunft. "Wenn sich die realen Lebensbedingungen potenzieller Eltern verbessern, könnte das auch positive Auswirkungen auf ihren Kinderwunsch haben." Die Einführung des Elterngeldes sei "auf jeden Fall richtig". Allerdings könne man die demografischen Konsequenzen dieser Entscheidung erst in einigen Jahren beurteilen.

Derzeit beträgt - statistisch gesehen - der Kinderwunsch pro Paar 1,5 Kinder. Befragungen zeigen, dass diese Zahl auch unter idealen (finanziellen, sozialen, beruflichen) Bedingungen nur auf 1,7 steigen würde. "Das ist immer noch weit entfernt von den 2,1, die wir benötigen, um langfristig Stabilität in die Bevölkerungsentwicklung zu bekommen", betont Ulrich. Damit ein Deutschland mit weniger Deutschen nicht vor den Herausforderungen des demografischen Wandels kapitulieren muss, schlägt er vor, die Lebensarbeitszeit weiter zu verlängern. "Zudem werden wir in Zukunft nicht ohne ein kontrolliertes Maß an Zuwanderung auskommen." Jetzt sei es an der Zeit, Erfahrungen mit den Instrumenten der Anwerbung und Bindung von ausländischen Arbeitskräften zu sammeln, fordert er. "Damit dürfen wir nicht warten, bis es zu spät ist."

Aber auch für eine langfristige Steigerung der Geburtenrate könne der Arbeitsmarkt eine entscheidende Bedeutung einnehmen, erklärt Birg: "Bei der Besetzung von Stellen muss Eltern bei gleicher Qualifikation Vorrang gewährt werden."

Von Martin Korte

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