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Kriegsgefangenenpost

63 Jahre nach dem Krieg ist Post portofrei

19.12.2008 | 19:41 Uhr

Hagen/München. Die Post befördert Briefe gratis. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Die Nachricht überrascht. Wenige wissen davon. Es sind besondere Briefe: 63 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird Kriegsgefangenen-Post unentgeltlich zugestellt. Bis heute.

Keine Briefmarke, nichts. Der Empfänger traut den Augen nicht: „Service des prisonniers de guerre - Kriegsgefangenenpost gebührenfrei”, heißt es rot auf weiß in der rechten oberen Ecke des Umschlags. In Französisch fängt das vermeintliche Postwertzeichen an, in Deutsch hört es auf. Französisch, weil es die Weltpostsprache ist. Keine alltägliche Sendung. Fürwahr.

Ein Briefumschlag mit Seltenheitswert: Bis heute verschickt der DRK-Suchdienst Nachrichten zu vermissten Kriegsgefangenen weltweit gebührenfrei. Foto: Gerd Lorenzen

Hansjörg Kalcyk, Sprecher vom Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in München, versteht die Nachfrage nicht. Er kennt es nicht anders: „Für uns ist das Alltag. Jedes Jahr sind es etwa 20 000 Poststücke, die wir auf diese Weise verschicken.” So erhielten die Schauspieler und Brüder Fritz und Elmar Wepper im Frühjahr Post vom DRK-Suchdienst. Ihr Vater, Friedrich Wepper, galt seit Anfang 1945 verschollen.

Der 28-jährige Feldwebel hatte im Dezember 1944, kurz vor Weihnachten, seine Ehefrau Wilhelmine zum letzten Mal mit den beiden Söhnen gesehen. Fritz war drei Jahre, Elmar acht Monate alt. Der DRK-Suchdienst unterstützte die Nachforschungen und entdeckte das Grab des Vaters in Pulawy in Polen. Es befindet sich unweit der Stelle, an der Friedrich Wepper am 14. Januar 1945 gefallen war.

Die Aufklärung seines Schicksals gehört zu den populären Beispielen erfolgreicher Arbeit des DRK-Suchdienstes. Viele Frauen verloren im Zweiten Weltkrieg ihren Ehemann. Mit der Nachricht über den Verbleib des Ehemanns finden sie nach Jahrzehnten am Grab einen Platz zum Trauern. Bis heute sind in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1,3 Millionen Schicksale ungeklärt. Der DRK-Suchdienst hat jedes Jahr mehr als 20 000 Nachfragen. Jede Antwort wird portofrei verschickt.

Warum das so ist? „Das richtet sich nach den Genfer Konventionen, der der Weltpostvertrag angeschlossen ist”, sagt Rainer Erzner, Sprecher der Post in Nordrhein-Westfalen. 196 Staaten sind den Abkommen, die zum humanitären Völkerrecht zählen, beigetreten. Die gebührenfreie Sendung gilt auch in der Gegenwart. Beispiele aktueller Fälle sind selten.

„Im April gab es einen Brief aus indischer Gefangenschaft, vermutlich von einem ausländischen Mitbürger”, weiß Erzner. „Der Brief ist im internationalen Postzentrum in Frankfurt gelandet. Eine Sendung dieser Art fällt, anders als in den 50er und 60er Jahren, auf.” Die Post verfügt über keinen entsprechenden Stempel. Organisationen, die einen humanitären Auftrag haben, richten ein entsprechendes Klischee auf der Frankiermaschine ein.

Dazu berechtigt ist auch der Internationale Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen. Er führt eines der größten Archive aus der NS-Zeit, dokumentiert das Schicksal von Millionen Opfern und hilft bei der Forschung nach Familienangehörigen. Mit Erfolg. Lebensgeschichten, die berühren wie das Wiedersehen der zwei Cousinen Maja Telegina und Katharina Lapuchin im nordhessischen Witzenhausen nach 63 Jahren.

Die Nachkriegswirren hatten die Frauen 1945 auseinander gerissen. Die Russen hatten Maja verschleppt. „Ich habe immer an meine Cousine gedacht, aber die Hoffnung nach sechs Jahrzehnten fast aufgegeben”, sagt die 82-jährige Katharina Lapuchin. Eine gute Nachricht. Der ITS verschickt sie mit einer anderen möglichen Variante auf dem Umschlag: Interniertenpost-Service des internés.

Von Joachim Karpa

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63 Jahre nach dem Krieg ist Post portofrei
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2008-12-19 19:41
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