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Niemand sagt: Ja, wir haben Fehler gemacht - von V. Dörken

29.07.2010 | 17:13 Uhr

Es schockt. Es nervt. Es macht traurig und wütend. Nach der schrecklichen Tragödie bei der Loveparade in Duisburg, treten vorgeblich gewichtige Entscheidungsträger bei Pressekonferenzen auf und geben nichtssagende Statements ab.

Die Menschen, die die Loveparade auf dem Gelände des Güterbahnhofs medienwirksam vorbereitet haben, ziehen den Kopf ein, gehen auf Tauchstation und wollen nach dem Unglück keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen.

Das einzige, was den Machern bei der Stadt Duisburg, beim Veranstalter Lopavent und bei der Polizei einfällt, ist eine gegenseitige Schuldzuweisung über falsches Handeln während der Katastrophe.

Es kann zu Propfbildungen kommen

Niemand geht darauf ein, warum es zwangsläufig zu dieser Tragödie kommen musste. Mehr als ein Jahr beschäftigten sich Spitzenbeamte der Polizei, der Stadt und der Feuerwehr mit der Vorbereitung des Techno-Events. Immer wieder wurde von den verschiedensten Seiten gewarnt, dass der Tunnel und die Rampe nicht der einzige Zugang sein dürften. Selbst der Veranstalter sah voraus, dass es auf der Rampe „zu Stauungen und Pfropfbildungen kommen“ kann. „In diesem Fall“, so heißt es in der „Veranstaltungsbeschreibung vom 16. Juli 2010“, die allen vorgelegen hat, „fordern die Sicherheitskräfte die statischen Besuchergruppen auf, weiter zu gehen“.

Diesen Hinweis haben auch hochrangige Polizisten und Feuerwehrmänner gelesen, die eine fundierte Ausbildung über das Phänomen „Mensch in der Masse“ erhalten haben. Sie wissen, dass sich zusammengepferchte Menschen nicht auf Zuruf steuern lassen: „Hallo Pfropf, lös Dich auf“. Der Stau entsteht, weil die Menschen nicht mehr ein noch aus wissen. Panikforscher lehren - und ebenso die Polizeischulen - dass an einer Massenpanik nie die Menschen die Schuld tragen, sondern die Umstände. Diese Erkenntnis wird sogar bei Gebäudeplanungen mit einbezogen. Bei der Organisation der Loveparade offenbar nicht.

Die Rampe kann maximal 20 000 Menschen in der Stunde aufnehmen

Prof. Michael Schreckenberg hatte den Organisatoren im Vorfeld deutlich gemacht, dass die Rampe maximal 20 000 Menschen in der Stunde aufnehmen kann - und das in einer Laufrichtung. In der Planung ist aber vorgesehen, die Rampe in zwei Richtungen zu nutzen und sie von zwei Seiten mit jeweils 30 000 Ravern volllaufen zu lassen. Jeder Laie kann sich an fünf Fingern abzählen, dass hier ein Überschuss von 40 000 Menschen in der Stunde entsteht.

Demo gegen die Verantwortlichen der Loveparade in Duisburg. Thomas Kraus aus Bonn (blaues Shirt) klagte den schwachen Einsatz der Polizei am Samstag an. Er war dabei, als die Panik ausbrach. Foto: Thomas Nitsche

Die Polizei ging nach eigenen Angaben von 500 000 Besuchern aus, die von 11 bis 23 Uhr auf das Gelände gelangen und wieder zurückgeführt werden sollten. Dazu heißt es im Vorbereitungspapier: „Das Veranstaltungsgelände wird entsprechend dem Zu- und Abwegekonzept der Stadt Duisburg nur über den Südzugang Karl-Lehr-Tunnel für das allgemeine Publikum zu erreichen sein“. Wie bitte sollte die Rampe diese Menge fassen?

Eine Frage, die nicht nur Experten im Vorbereitungsteam stellten, sondern auch Journalisten. Ihr Anfragen wurden abgebügelt. Ein Bericht, der darüber in „Der Westen.de“ erschien, wird von einem Leser weit vor dem Unglück - kommentiert: „Sehe ich das richtig, dass sie versuchen, eine Million Menschen über die einspurige Tunnelstraße..... hoch zum Veranstaltungsgelände zu führen? Also in meinen Augen ist das eine Falle.“ Ein anderer meint: „Das wird im Leben nicht klappen. Also ich wette darauf, das gibt Mord und Todschlag.“

Kameras sollen die Personendichte ermitteln

Aus Sicht der Organisatoren reichte es dagegen, als „zentrales Element des Sicherheitskonzepts“ Kameras zur Überwachung des Geländes zu installieren, „so dass in den Lagezentren des Veranstalters, der Feuerwehr und der Polizei jeder Zeit aktuelle Bilder vom Veranstaltungsgeschehen vorliegen“. Über diese Kameras, so das Vorbereitungspapier, könne „eine sehr genaue Personendichte ermittelt“ werden. Doch was bringt die Erkenntnis, wenn Menschen in Panik geraten?

Am Veranstaltungstag meldet der Polizeihubschrauber 350 000 bis 400 000 Besucher im Duisburger Stadtgebiet. Sie alle wollen zur Loveparade. Laut WDR sind schon 115 000 Menschen auf dem Gelände. Es kommt, was kommen musste. Tunnel und Rampe sind bautechnisch nicht in der Lage, den massiven Zustrom aufzunehmen. Absperrketten, die die Polizei auf Bitten des Veranstalters errichtet, können nicht gehalten werden. Einige Polizisten greifen zum Schlagstock, prügeln auf die Menschen ein. Andere Polizisten helfen, wo sie können. Beide Reaktionen sind verständlich. Diese Beamtinnen und Beamten stehen mitten im Brennpunkt. Und das, obwohl Sicherheitsexperten der Polizei aus ganz NRW bei mehreren Ortsterminen in Duisburg warnten: Wenn die Ideen umgesetzt würden, könnte „es Tote und Verletzte“ geben.

Polizisten halten den Kopf hin

Jetzt halten Polizisten im und vor dem Tunnel ihren Kopf hin, weil ihre Vorgesetzten im Polizeipräsidium Duisburg nicht in der Lage waren, „Nein“ zu sagen. „Nein“ zum Tunnel und der Rampe als einzigem Zu- und Abgang. „Nein“ vielleicht sogar zur gesamten Loveparade.

Niemand von den Offiziellen geht an die Öffentlichkeit, weist laut auf die Gefahren hin. Ganz im Gegenteil. Ordnungsdezernent Wolfgang Rabe gibt intern die Marschrichtung vor: Oberbürgermeister Adolf Sauerland wünsche die Veranstaltung: „Es muss eine Lösung gefunden werden.“

Am 21. Juli setzt die Stadt Duisburg sogar das Baurecht außer Kraft (AZ: 62-34-WL-2010-0026). Die Fluchtwege dürfen jetzt schmaler sein als vom Gesetz vorgeschrieben (wenigstens 10 Meter). Auf Feuerwehrpläne wird verzichtet. Die Loveparade muss rollen. Koste es, was wolle.

Demo gegen die Verantwortlichen der Loveparade in Duisburg. Teilnehmer der Demo vor dem Rathaus in Duisburg. Foto: Thomas Nitsche

Eine schäbige Haltung der Verantwortlichen

Sehenden Auges lassen die Verantwortlichen am Samstag Hunderttausende über das Nadelöhr Rampe laufen. Das Risiko ist groß. Das muss allen Teilnehmern der Vorbereitungs-Workshops klar gewesen sein. Doch jetzt heißt es: Augen zu und durch. 21 Tote und 510 Verletzte sind das Resultat.

Keiner fühlt sich verantwortlich für diese schreckliche Tragödie. Niemand sagt: „Ja, wir haben Fehler gemacht.“ Die Schuld tragen die anderen. Eine schäbige Haltung, die von den Hinterbliebenen, den Verletzten und den Bürgern nicht verstanden wird.

Kein Entscheidungsträger hatte das Rückgrat, „Nein“ zu sagen zu dem geplanten Irrsinn. „Nein“ zu dem vorprogrammierten Chaos. Die Toten und Verletzten sind Opfer von falsch verstandenen Eitelkeiten, politischen Ränkespielen und fehlender Zivilcourage. Es wird höchste Zeit, dass die Verantwortlichen ihren Hut nehmen.

Volker Dörken

Volker Dörken

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Kommentare
18.10.2010
22:21
Niemand sagt: Ja, wir haben Fehler gemacht - von V. Dörken
von Tenrix | #11

Zitat: Tunnel und Rampe sind bautechnisch nicht in der Lage.

Ja - durch nicht genehmigte Bauzäume verbaut! War war das?

18.10.2010
22:19
Niemand sagt: Ja, wir haben Fehler gemacht - von V. Dörken
von Tenrix | #10

Aber immerhin gibt es jetzt neue Schreiber wie Volker Dörken. Das ist gut!

18.10.2010
22:14
Niemand sagt: Ja, wir haben Fehler gemacht - von V. Dörken
von Tenrix | #9

Sprechen wir auch über die Fehler der Berichterstattung, die vom Machtkrieg der Großen Volksparteien geprägt waren?

Solche Mängel haben tiefen Wunden bei den Angehörigen der Opfer zusätzlich verursacht, so meine Sicht.

Kein Journalist hat sich für die Wirklichkeit eingesetzt - es ging nur um Macht. Pfui, schämt Euch!

30.07.2010
18:07
Niemand sagt: Ja, wir haben Fehler gemacht - von V. Dörken
von papagena44 | #8

Schrecklich - einfach nur schrecklich - und niemand fühlt sich verantwortlich - traurig ...

29.07.2010
22:40
Niemand sagt: Ja, wir haben Fehler gemacht - von V. Dörken
von leserin | #7

Will Schaller sich frei kaufen???
Die Schuld die er auf sich geladen hat, kann nicht mit Euros getilgt werden.
Der ist Multimillionär und zahlt das aus der Portokasse.

29.07.2010
22:37
Niemand sagt: Ja, wir haben Fehler gemacht - von V. Dörken
von eine Mama | #6

Warum meint heutzutage jeder, die Vorschriften gelten für genau seine Situation nicht und er dürfe sie umgehen? Die Sicherheit zu riskieren ist kein Kavaliersdelikt.

Hat schon jemand hinterfragt, ob die Loveparade-Veranstalter wirklich so viel Erfahrung haben, wie sie in der Planungsphase behaupteten? Vielleicht hatten sie nur mehrere Jahre hintereinander Glück gehabt, dass nichts passiert ist.

29.07.2010
22:36
Niemand sagt: Ja, wir haben Fehler gemacht - von V. Dörken
von leserin | #5

ICH FASSE ES NICHT . . .

Sauerland sucht sein Selenheil und möchte bei der Aufklärung helfen? Was für ein verlogener OB.
Der hat Angst um seine Pensionsansprüche und tritt deswegen nicht zurück.

Zu lesen unter:
http://nachrichten.t-online.de/loveparade-katastrophe-ruecktritt-koennte-fuer-ob-sauerland-teuer-werden/id_42405036/index

Jetzt muss er erstrecht zurücktreten.

Das ist dass armseligste was ich je gelesen habe.
Sucht Sauerland bei seinen Mitarbeitern jetzt Trost und Unterstützung?
Mit der Aussage Ich habe nichts unterschrieben schiebt er bewusst die Schuld auf seine ihm unterstellten Behörden ab.
Jetzt sucht er Verständnis bei den Mitarbeitern.
Ich kann so einen Vorgesetzten nur mit Missachtung würdigen.
Wie weit will Sauerland noch sinken?
Denkt er nur an sich und seinen Ruf ohne auch an seine Familie zu denken.

Einer der Verlierer und Hauptverantwortlicher neben Sauerland muss Rainer Schaller sein.
Kündigt ihm Eure Mac Fit Verträge.
Aber keine Angst, erlässt euch nicht vor Ablauf eines Jahres aus dem Vertrag.
Ich habe am Dienstag gekündigt und heute Bescheid bekommen, dass ich erst nach Ablauf des Geltungsbereiches da raus komme.
Dann kommt die Strafe eben Monate später.
Hauptsache Schaller wird für die Geldgier bestraft.

29.07.2010
21:11
Niemand sagt: Ja, wir haben Fehler gemacht - von V. Dörken
von Andreas | #4

Genau meine Meinung Udo,
wir sind zu blöd ordnungsgemäß durch einen Tunnel hin durch zu gehen.
Da macht man den Veranstalter, die Polizei und den Bürgermeister dafür verantwortlich weil die Leute zu blöd sind zu einer Veranstaltung zu laufen.
Sehr traurig dass wir dafür noch Aufpasser benötigen die uns sagen müssen wie wir uns verhalten sollen.

29.07.2010
20:18
Niemand sagt: Ja, wir haben Fehler gemacht - von V. Dörken
von Udo | #3

Die, die gedrängelt haben sind daran schuld sonnst niemand! Hätte keiner gedrängelt gäbe es keine Toten. Aber da ihr wieder euren Kopf nicht nutzen konntet sind eben Leute gestorben.

Ohh da vorne wird es eng, na dann schieben wir doch mal kräftig mit, damit es schneller geht?

Gefahr erkannt Gefahr gebannt, lautet eigentlich das Sprichwort. Da kann man mal wieder sehen wie aus einen dummen Spaß tödlicher ernst wird.

29.07.2010
18:47
Niemand sagt: Ja, wir haben Fehler gemacht - von V. Dörken
von Ing47 | #2

Man hat hier wohl vorher durchaus erkannt, daß die baulichen Gegebenheiten grenzwertig sind, und sich dann aber darauf verlassen, diese Mängel oganisatorisch zu kompensieren, d.h. durch Ordnereinsatz zwecks Leitens / Regulierens / Vereinzelns der Masse.
Diese Vorgehensweise gibt es im Übrigen auch bei anderen Projekten. Das das riskant ist, zeigt Duisburg eindringlich. Die organisatorischen Maßnahmen haben hier nicht funktioniert.
Man muss den Beteiligten hier vorhalten, daß Leute, die mit solchen Großevents bereits Erfahrungen haben, hier nicht gehört wurden bzw. deren Warnungen mißachtet wurden.

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