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Kumpel beerdigen den Saar-Bergbau

28.06.2012 | 13:51 Uhr
Foto: /dapd/Thomas Wieck

Wehmut, Zorn, Trauer - es ist von allem etwas, was die Stimmung der Bergleute des Nordschachts des Bergwerks Saar derzeit ausmacht.

Lebach (dapd). Wehmut, Zorn, Trauer - es ist von allem etwas, was die Stimmung der Bergleute des Nordschachts des Bergwerks Saar derzeit ausmacht. Und immer wieder das Erinnern an das ständige Auf und Ab der vergangenen drei Jahrzehnte. Der Förderturm beim Hoxberg bringt die Förderkörbe bis mehr als 1.700 Meter "unter die Grasnarbe" - zum wohl tiefsten begehbaren Punkt Europas. Er war Hoffnungssymbol für eine Renaissance der Kohle vor 30 Jahren, daneben die Primsmulde: Symbol für das Ende.

Die Erschütterungen, die der Abbau unter dieser Mulde verursachte, waren letztlich der Todesstoß für den Bergbau an der Saar nach 250 Jahren. Am Freitag wird die letzte Kohle gefördert, dann ist Schicht im Schacht.

Den Bergleuten Bodo Kunzker und Roland Käufer, beide 46 Jahre alt, werden die Anfeindungen nach der schwersten Erschütterung 2008 ein Leben lang im Gedächtnis bleiben. Bei einem Bäcker habe er keine Brötchen mehr bekommen, sagt Käufer.

In Saarwellingen, dem nächsten Ort, seien die Bergleute immer wieder angegriffen worden als diejenigen, die die Schäden verursacht haben. "Das geht einem doch auf die Seele", sagt Käufer. Man habe sich "schuldig gefühlt", obwohl man "nur seinem Beruf nachgegangen" sei, ergänzt Kunzker.

Beide hatten, wie auch ihr 44-jähriger Kumpel Jörg Maurer, Anfang der 1980er Jahre im Saar-Bergbau angefangen. Deutschland entdeckte damals als Folge der Ölkrisen seine Kohle wieder. "Bis zu 1.000 Lehrbuben sind damals angefahren", erinnert sich Maurer. "Geh uff die Grub, unn dann haschde enn sicheren Arbeitsplatz", habe es damals geheißen. Das war 1983. Sein Vater war Bergmann, seine beiden Söhne haben auch noch "uff de Grub" ihre Lehre gemacht - als Industriemechaniker.

Die Hoffnung auf eine langfristige Bergbauzukunft war schnell dahin. 1997 sei er mit dabei gewesen, als im Streit um die Kohlepolitik der Bundesregierung im Saarland Autobahnen lahmgelegt wurden, in Bonn und Köln die Kumpel machtvoll demonstrierten, berichtet Maurer. Der Kohlekompromiss sei für ihn einer der schönsten Momente gewesen.

Aber schon kurz danach "hat man uns nicht mehr in Ruhe gelassen", sagt Maurer. Von den damals noch drei Gruben blieb zum Schluss das Bergwerk Saar übrig. Es kamen die Querschüsse gegen die Kohlepolitik aus Brüssel. Dann das Beben 2008, "die absolute Katastrophe", sagt Maurer.

Heute ist er mit zuständig für die Verlegung von voraussichtlich 1.400 Saar-Bergleuten vor allem ins nordrhein-westfälische Ibbenbüren. Die haben zwar dann weiter einen Job, aber "da hängen Familien hintendran, Kinder, pflegebedürftige Eltern".

Maurer organisiert auch seinen eigenen Wechsel nach Ibbenbüren mit. Knapp fünf Stunden Fahrt, "wenn ich gut durchkomme", sagt er. Seine Familie bleibt im Saarland, von seinem Haus aus kann er den Förderturm von Luisenthal sehen, wo er als Lehrling angefangen hat. Etliche dieser Wahrzeichen bleiben wohl erhalten. Aber "Kameradschaft und Zusammenhalt, das muss wachsen, das kann man nicht so weitergeben."

Kunzker und Käufer werden nicht mehr wechseln müssen. Sie haben, wie viele andere, in den vergangenen Monaten Überstunden und Wochenendschichten gemacht und damit Zeitkontingente aufgebaut, um dann mit Anpassungsgeld in den Vorruhestand zu gehen. Vorher werden sie unter Tage noch aufräumen, Maschinen und vor allem das ölhaltige Material rausholen, "damit nichts ins Grundwasser kommt". Anschließend will er sich einen 400-Euro-Job suchen, sagt Kunzker.

Dann macht sich der Kumpel doch noch Luft über die anstehenden Feierlichkeiten zum Ende des Bergbaus an der Saar: "Jetzt kommen sie alle und wollen was von uns." Das hätte ein paar Jahre früher kommen müssen, "dann würden die Leute heute anders drüber denken". Und Käufer ist sich sicher: In ein paar Jahren würden die Menschen "bereuen, dass sie die Kohle dicht gemacht haben".

Auf die Frage nach den Gefühlen, kurz bevor das Förderband die letzte Kohle am Tageslicht abschüttet, herrscht erstmal sekundenlang Schweigen. Man könne nicht einfach zuschließen, dafür habe der Bergmann "zu viel Herz", sagen sie. Und Kunzker bekennt: "Man kommt sich dann vor, als würde man auf die eigene Beerdigung gehen."

dapd

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