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Tocotronic melden sich mit „Wie wir leben wollen“ und Lust am Klischee zurück

16.01.2013 | 18:30 Uhr
Leitstern einer Generation: die Band Tocotronic.Foto: Sabine Reitmeier

Essen.  Es gibt deutsche Bands, die haben auch bei ihren Anfängen in den Neunzigern noch einen bleibenden Eindruck hinterlassen können. Tocotronic jedenfalls ist es gelungen, mit „Wie wir leben wollen“ legen sie jetzt bereits das zehnte Album vor. Eine stolze Leistung.

Die Band Tocotronic stieg in den 1990ern zum Leitstern einer Generation von melancholischen Überzwanzigjährigen auf. Nun meldet sich die Formation mit ihrem zehnten Studioalbum „Wie wir leben wollen“ zurück (ab 25. 1. im Handel). Es bietet tiefsinnige Texte zu Klängen zwischen Postpunk, Psychedelic und Britpop. Schlagzeuger, Keyboarder und Gelegenheitssänger Arne Zank gibt Auskunft im Gespräch mit Olaf Neumann.

Als Band will man einerseits erkennbar bleiben, andererseits auch Neues wagen. Ein schwieriger Spagat?

Arne Zank: Wissen Sie, wir hatten auch immer Spaß an der Kontinuität. Wir sind ja immer noch in derselben Besetzung unterwegs und beschließen Dinge zusammen, dass sich jeder wohlfühlt. Wenn man eine Band schon so lange macht, stellt sich einfach das Bedürfnis an, dass man das Ganze für sich interessant hält. Ich glaube, zu viert sind wir ein gutes Korrektiv. Damit tritt bei dem einen oder anderen auch mal eine Unzufriedenheit eintritt und man wagt wieder was Neues.

Die neuen Lieder hielten Sie auf einem analogen Telefunken-T-9-Vierspur-Tonbandgerät aus den 1950er Jahren fest. Was reizte Sie an der Klangästhetik der Mottenkiste?

Arne Zank: Unser Produzent Moses Schneider hatte das Buch „Recording The Beatles“ gelesen, darin wird sehr detailliert geschildert, wie die Band ihre Platten aufgenommen hat. Durch die digitale Entwicklung sind die Optionen bis ins Unendliche gestiegen, deshalb ist bei uns das Interesse an den alten Aufnahmetechniken bzw. der Beschränkung der 1960er wieder aufgekommen. Moses Schneider schlug vor, das Album im Candy Bomber Studio in Berlin-Tempelhof mit einem Vierspurtonbandgerät aufzunehmen. Es war ein gewaltiges, rauschhaftes Abenteuer, denn um 17 Stücke innerhalb von zehn Tagen aufnehmen zu können, mussten wir sehr gut vorbereitet sein. Viele Soundentscheidungen mussten bereits im Vorfeld gefällt werden, denn der Sound wird ja direkt beim Aufnehmen definiert. So hatten wir noch nie gearbeitet. Im Nachhinein wusste man gar nicht mehr, von wem welche Anregung eigentlich kam. Moses Schneider meinte später, er hätte die ganze Zeit die Hosen gestrichen voll gehabt.

Tocotronic — Konzert im FZW Dortmund

Fasziniert von der Lo-Fi-Ästhetik

In analogen Zeiten haben legendäre Produzenten wie Phil Spector oder George Martin viele Tricks und Effekte mit den Aufnahmebändern gemacht. Haben auch Sie an den Bändern herum geschnippelt?

Arne Zank: Wir haben mit den Bändern nicht so exzessiv experimentiert wie einst Phil Spector, weil das oftmals sehr offensichtliche Effekte waren. Für uns wäre es öde, solche Sounds einfach nachzustellen. Wir haben die analogen Aufnahmen anschließend in den Rechner gespielt. Die Gesänge, Chöre und verschiedene zusätzliche Instrumente wurden digital aufgenommen. Wir wollten es nicht puristisch machen.

Ihre erste Single nahmen Sie 1993 im Zweispurverfahren mit einem Kassettenrekorder auf. Haben Sie der digitalen Technik von Anfang an misstraut?

Arne Zank: Damals war digitales Aufnehmen einfach noch nicht so stark verbreitet, und wir waren von der Lo-Fi-Ästhetik fasziniert. Wir wollten mit unseren Songs schnell an die Öffentlichkeit und nicht im Proberaum versauern. Unser erstes Album hieß dann aber „Digital ist besser“.

Dirk von Lowtzow ist ein sensibler Songschreiber

Dirk von Lowtzow schreibt die Texte. Wie oft werden seine Vorschläge von den anderen abgelehnt?

Arne Zank: Erst mal freuen wir uns, wenn er uns seine Ideen vorspielt. Aber es gibt schon Sachen, die in der Band musikalisch oder textlich nicht funktionieren. Grundsätzlich ist Dirk aber ein sensibler Songschreiber, der viel aufgreift aus dem, was in der Band schon da ist. So ergibt sich ein permanenter Austausch. In den seltensten Fällen ist man völlig verstört über eine Idee.

Nicht alles, was Dirk von Lowtzow schreibt, ist für andere sofort verständlich. Wie gehen Sie damit um?

Arne Zank: Wir hören Musik nicht nach dem Verstehen, sondern eher ob man sie mag oder nicht. Wenn uns andere etwas unangenehm irritiert, fragen wir nach. Wollen wissen, wo er das herhat und warum es ihm wichtig ist.

Wie die Beatles mit der Vierspurtechnik arbeiten

Für das Album haben Sie sich mit den psychedelischen Platten der Beatles und der Beach Boys eingegroovt. Konnten Sie von denen etwas über den experimentellen Umgang mit Songstrukturen lernen?

Arne Zank: Das darf man jetzt nicht zu stark gewichten. Wir haben uns lediglich damit beschäftigt, wie diese Bands ihre Alben mit der Vierspurtechnik aufgenommen und wie sie ihre Stücke arrangiert haben. Wir jedenfalls haben diese Beschränkung als sehr wertvoll erfahren.

Auch schauten Sie sich Jean Luc Godards Film „One Plus One“ von 1967 an. Darin guckt er den Rolling Stones beim Songschreiben über die Schulter. Was haben die alten Rockbands beim Musizieren anders gemacht?

Arne Zank: Ohne es nostalgisch verklären zu wollen, diese Bands hatten aufgrund der beschränkteren technischen Möglichkeiten einen experimentelleren Zugang. Vieles, was ich heute ganz toll finde, ist aus dem Moment heraus entstanden. Es gibt heute im Mainstream die Tendenz, Aufnahmen im Studio zu perfektionieren. Zum Beispiel wird jeder Schlag auf jede Trommel im Nachhinein zurechtgerückt. Man will einen radiokompatiblen Formatsound, dieser Prozess macht die Musik sehr gleichförmig. Ich empfinde viele Produktionen von heute als langweilig.

Rockmusik mit Lust am Klischee

Früher hätte Tocotronic wahrscheinlich niemals daran gedacht, lange an den Liedern zu feilen und ihnen eine kompositorische Tiefe zu geben. Wie stehen Sie heute zum bewussten Dilettantismus von früher?

Arne Zank: Die Fähigkeiten als Musiker werden naturgemäß eher mehr als weniger. Ich bin zum Beispiel sehr an Spieltechniken interessiert und sehe mir nach wie vor andere Bands an. Oftmals gucke ich mit Neid auf andere Schlagzeuger, ich habe das ja nie akademisch gelernt, sondern einfach durch Hinglotzen bei dutzenden Konzerten. Ob bei mir jetzt aber mehr Triolen oder Synkopen drin sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Wir haben das Glück, dass unser Rick auch gelernter Perkussionist und Schlagzeuger ist. Für dieses Album haben wir am Schlagzeug viel umgebaut und umgestellt, dass man dadurch anders spielt.

Geht es Ihnen darum, eine Rockmusik zu spielen, die keine Klischees bedient?

Arne Zank: Die Aussage finde ich schwierig. Manchmal hat man ja auch Lust am Klischee. Wir kommen aus dem Punk- und Hardcore-Bereich, in den 1990er gab es den Begriff des Rockismus, den man abzulehnen hatte. Darunter fielen gewissen Klänge und Arten von Musik, die man furchtbar fand. Schließt man das alles beim Musikmachen aus, ergibt sich allein dadurch schon sehr viel. Aber auf der anderen Seite holen wir auch gerne Rockklischees rein und verdrehen sie.

Welche Rockklischees bedienen Sie mit der neuen Platte?

Arne Zank: Allein die Beatles und die Beach Boys als Referenz mit reinzunehmen ist ja schon fast ein Klischee. Vor zehn Jahren haben wir ein weißes Album gemacht, auch das kann man durchaus als Klischee sehen.

Bitte, keine intellektuelle Band!

Was ist das größte Klischee über Tocotronic?

Arne Zank: Am Unangenehmsten finde ich das Klischee, eine intellektuelle Band zu sein. Dagegen wehre ich mich dringlich. Ansonsten sehe ich uns auf ganz gutem Wege, was die Rezeption betrifft.

Im Netz haben Sie einen Countdown gestartet, bei dem Sie täglich eine neue Antwort auf die Frage „Wie wir leben wollen“ Ihren Fans anvertrauen. Ist es eigentlich wichtig, selbst Fan zu bleiben?

Arne Zank: Ich bin schon gerne Fan von anderen Bands. Wenn das passiert, lasse ich mich da auch gerne reinfallen. Beim Konzert von Grizzly Bear habe ich mich wie ein Fan ganz nach vorne gedrängelt. Dadurch, dass ich schon sehr lange Musik höre, wird es nicht einfacher, man wird ja immer selektiver. Das Allertollste ist, dass ich immer noch Fan von meiner eigenen Band sein kann.

„Wie wir leben wollen“ klingt wie ein gesellschaftspolitisches Statement...

Arne Zank: Der Titel ist bewusst sehr offen gefasst. Man kann es auf jeden Fall so lesen. Die Herangehensweise ist eher eine Assoziative. Wir möchten das Angebot an unsere Hörerinnen und Hörer machen, über das Material, das wir angehäuft haben, zu sinnieren.

Darüber, wie wir leben wollen, haben Sie 99 Thesen aufgestellt. Eine der Thesen lautet: „Anders als die anderen“. Wollen Sie sich immer noch abgrenzen?

Arne Zank: Heutzutage ist es geradezu eine gesellschaftliche Forderung, anders zu sein. Aber so antiautoritär wie man halt funktioniert, würde man sich dagegen immer sträuben. Eine Band hat man doch gerade deshalb so gerne, weil man die Gemeinsamkeit sucht und rein will in die Gesellschaft.

 


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