Das aktuelle Wetter NRW 16°C
Kultur

Staunen und wundern

08.05.2007 | 23:07 Uhr

Essen. Auf der Suche nach dem roten Faden erlebt der Besucher im Museum Folkwang Essen derzeit ein regelrechtes Seh-Abenteuer. Mit rund 280 Werken zeigt das Haus die bislang umfangreichste Präsentation der Essener Olbricht Collection, die zu den größten u

Malerei, Skulptur, Fotografie, Grafik, Installationen, Kuriositäten, alte Meister, junge Wilde: Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würde der Essener Mediziner Thomas Olbricht alles sammeln, was seine Aufmerksamkeit irgendwie fesselt. Auf den zweiten Blick bestätigt sich dieser Einruck - und schnell wird deutlich, dass der Schwerpunkt auf der Kunst der vergangenen 15 Jahre liegt.

Der gesamte Altbau des Museums gibt der Präsentation Raum, doch selbst hier können noch längst nicht alle Objekte gezeigt werden, die Thomas Olbrichts Sammelleidenschaft ins Auge gefallen sind. Und auch das ist außergewöhnlich: Nicht das Museum hat die Schau konzipiert, sondern der Sammler selbst.

So wird die Vielfältigkeit zum Prinzip. Themen wie Eros, Tod und Porträt wechseln mit Monografischem wie Werkgruppen von Gerhard Richter, Thomas Schütte und Cindy Scherman. Geographisch einzuordnende Exponate wie die quietschbunten Gemälde japanischer und chinesischer Künstler stehen neben historischen Artefakten, wie sie in den Wunderkammern der barocken Fürsten ausgestellt wurden.

Die Prinzipien von Wunderkammer und Kuriositätenkabinett sind dann auch die Faktoren, die den Ausstellungs-Rundgang beflügeln, denn Thomas Olbricht lässt den Betrachter zwischen Bewunderung und Schock ein Wechselbad der Gefühle erleben. Liza Lous "Stairway to Heaven" besteht aus einem Seil mit Schlinge und einem einladend umgedrehten Eimer darunter. Immer wieder nehmen Gemälde und Installationen Szenen von erniedrigendem Sex und ungehemmter Gewalt auf. Für Kinder ist diese Ausstellung daher nur in Teil-Ausschnitten geeignet.

Diese Auswahl entspricht dem Interesse des sammelnden Arztes an der Frage, wie Künstler und Kunst das Leben und das Sterben thematisieren. Furcht, Wahn, Leidenschaft und Schicksal, Gewalt und Zerstörung, Schönheit, Zerbrechlichkeit, Geburt, Wachsen, Altern und Vergehen, Liebe und Hass werden in vielfältiger Form zum Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung.

Im Kontext dieser oft brutalen Darstellungen - wie Daniel Richters blutig geprügeltes "Recht" - mutet eine Gruppe mit Werken von Gerhard Richter schon fast friedlich und heiter an, während Thomas Schüttes Köpfe wieder die dunklen Seiten der menschlichen Seele erforschen.

Zugleich ist der Sammler fasziniert von alter Kunst und anatomischen Modellen, Memento-Mori- und Vanitas-Darstellungen. So steht Albrecht Dürers Stich "Ritter, Tod und Teufel" neben Gemälden und Holzschnitzereien, die den grausamen, mit genüsslicher Wonne vor Augen geführten Tod diverser Märtyrer zum Gegenstand haben: Also auch hier wieder der Kreislauf des Lebens mit der besonderen Betonung auf der nicht immer friedlichen Endlichkeit des Seins. Diesem verwirrenden Kunst-Universum nähert sich der Betrachter am besten mit der Bereitschaft zum Staunen - und teilweise auch mit abgehärtetem Magen. Wenn für "Rockers Island" der Vorhang fällt, schließt das Folkwang-Museum für mindestens zwei Monate, es ist die letzte Ausstellung vor dem großen Um- und Neubau des Hauses.

Rockers Island. Olbricht Collection: Ausstellung im Museum Folkwang Essen bis zum 1. Juli. Info: www.museum-folkwang.de

Von Monika Willer


Kommentare
Aus dem Ressort
Philharmonie-Chef verabschiedet sich bei NRW-Sommernacht
Konzert
Es wird der letzte Konzertabend von Generalmusikdirektor Heiko Mathias Förster in Gelsenkirchen werden. Bei der NRW-Sommernacht 2014 am 20. August im Amphitheater am Rhein-Herne-Kanal wird er sich mit einem außergewöhnlichen Konzertabend verabschieden.
Hersfelder Ensemble stellt sich hinter seinen Ex-Intendanten
Festspiele
Die Schauspieler der Bad Hersfelder Festspiele rufen nach der Kündigung ihres Intendanten Holk Freytag zu einem Bürgerbegehren auf. Der Intendant wurde nach Streitigkeiten um die Finanzierung der Festspiele entlassen. Seine Schützlinge protestieren nun dagegen - direkt nach ihrem Festspiel-Auftritt.
Hagener schreibt Buch über die Geschichte der Auswanderer
Spätaussiedler
Er ist vor 21 Jahren als Spätaussiedler aus Russland nach Hagen-Helfe gekommen. Jetzt hat Erwin Hoffmann die Geschichte seiner Familie und die anderer Auswanderer in einem Buch beleuchtet. Der Titel: „Wanderer – Auf der Suche nach dem gelobten Land“.
Mülheimerin kämpfte für die Kultur im Osten Deutschlands
Auszeichnung
Als Kulturredakteurin der Thüringer Allgemeinen hatte die gebürtige Mülheimerin Frauke Adrians einen großen Anteil daran hatte, dass mehrere Theater und Orchester in dem ostdeutschen Bundesland erhalten blieben. Dafür und für die Leistungen als Kritikerin erhielt sie den Journalistenpreis Thüringen.
Jugendliche aus Witten schrieben am Ruhrpott-Kettenroman mit
Roman
66 Jugendliche aus dem Ruhrgebiet haben gemeinsam den Kettenroman „Grenzgänger“ verfasst. Die Handlung beginnt in Witten und verläuft durch sechs weitere Städte im „Pott“. 13 Jugendliche aus der Ruhrstadt haben über drei ganz besondere Orte in ihrer Stadt geschrieben.
Umfrage
Neue Runde in der Affäre Schavan: Norbert Lammert sagt seine Rede an der Uni Düsseldorf ab. Ist das angemessen als Bundestagspräsident?

Neue Runde in der Affäre Schavan: Norbert Lammert sagt seine Rede an der Uni Düsseldorf ab. Ist das angemessen als Bundestagspräsident?