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Sensationen des Lebens gibt's nur im Lokalteil der Zeitung

17.06.2012 | 15:55 Uhr
Sensationen des Lebens gibt's nur im Lokalteil der Zeitung
Christian Nienhaus, Vorsitzender des Zeitungsverlegerverbandes Nordrhein-Westfalen und Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe.Foto: Monika Kirsch / WAZ FotoPool

Essen  Der Mantel von der Stange, der Lokalteil maßgeschneidert - das sichert so mancher Zeitung die Wirtschaftlichkeit. Die Zusammenarbeit zwischen Verlagen kann aber auch im Lokalen sinnvoll sein, sagt der NRW-Verlegervorsitzende Nienhaus.

Viele Zeitungsverlage sind längst zu Medienhäusern geworden. Überregional aufgestellt geben sie mehrere Titel heraus oder liefern Mantelteile an andere Zeitungen, sind an Radiosendern beteiligt und online aktiv, veröffentlichen Anzeigenblätter und Magazine. Ein Alleinstellungsmerkmal bleibe aber der Lokalteil, sagte Christian Nienhaus, Vorsitzender des Zeitungsverlegerverbandes Nordrhein-Westfalen, zwei Tage vor dem Medienforum NRW im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Nienhaus ist, zusammen mit Manfred Braun, Geschäftsführer der WAZ Mediengruppe, in der 40 Zeitungen erscheinen, darunter «WAZ», «Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung», «Westfälische Rundschau» und «Westfalenpost».

Geht das eigentlich noch zusammen, das große Medienhaus und die kleine Lokalzeitung?

Christian Nienhaus: «Natürlich geht das zusammen, denn die Finanzierung von sehr kleinen Lokalausgaben kann überhaupt nur noch ein großes,  solides Verlagshaus bewerkstelligen. Wenn ich mir Ausgaben der «Westfälischen Rundschau» im Sauerland anschaue, wo sie Zweitzeitung ist, mit Auflagen pro Ausgabe von 1500 oder 1800 Exemplaren, sind die für sich unwirtschaftlich. Man kann sie nur im großen Verbund organisieren. Das steht aber überhaupt nicht im Widerspruch zu der These, dass der Lokaljournalismus unser Alleinstellungsmerkmal ist, dass man die Kräfte noch mehr auf das Lokale konzentrieren muss. Die Weltnachrichten von der Fußball-EM,  über Obama oder Syrien müssen wir zwar bringen, aber die kann man auch woanders bekommen. Die kleinen Sensationen des Lebens dagegen erfahren die Leute nur bei uns in der Lokalzeitung.»

Ist hier eine Zusammenarbeit zwischen Verlagen denkbar, also gemeinsame Lokalredaktionen?

Nienhaus: «Das ist absolut sinnvoll. Vor über zehn Jahren habe ich bei der «Badischen Zeitung» in Freiburg mit dem «Südkurier» in Konstanz in Lokalausgaben Kooperationen organisiert. Es gab Lokalausgaben, die so klein geworden waren, dass man sie eigentlich hätte schließen müssen. Die beiden Zeitungen hatten eine sehr unterschiedliche politische Ausrichtung in den Mantelausgaben, und diese Vielfalt im Mantel konnte erhalten werden, indem in bestimmten Regionen nur noch eine Zeitung den Lokalteil für beide lieferte.»

Womit die Vielfalt im Lokalen verloren ging.

Nienhaus: «In diesem Fall ging sie verloren, aber die Vielfalt im Mantel wurde gesichert. Es kann beide Möglichkeiten geben: Die Zusammenarbeit im Lokalen, um die Vielfalt im Mantel zu sichern, wie wir es auch im eigenen Haus in Siegen bei der Zusammenarbeit zwischen der «Westfalenpost» und der «Westfälischen Rundschau» organisieren. Und auf der anderen Seite die klassische Mantellieferung, bei der die kleine Zeitung mit eigenen regionalen und lokalen Teilen den Mantel von jemand anderem bezieht.»

Gibt es bei der Zusammenarbeit im Lokalen rechtliche Hürden?

Nienhaus: «Bei der gegenseitigen Belieferung mit Inhalten nicht. Bei einer Anzeigenkombination oder wechselseitiger Beteiligung gäbe es kartellrechtliche Probleme.»

Vernetzt, offen, mobil - das sind die Schlagworte beim Medienforum. Was bedeuten sie im Lokalen?

Nienhaus: «Für uns ist die Frage, für welche Inhalte man im Netz Geld verlangen kann. Den Bericht über das deutsche EM-Spiel oder den EU-Gipfel muss ich unentgeltlich einstellen, weil die Information überall kostenlos zu bekommen ist. Dagegen muss man genau überlegen, welche lokalen Inhalte, die man exklusiv hat und die die Leute auch suchen, kostenlos online gestellt werden. Da steht der eine oder andere Verlag manchmal auf der Bremse, manchmal auf dem Gaspedal - hier muss man den richtigen Weg noch finden. Klar ist: Es wird niemand - auch keines der ganz großen Netzwerke - eine solche Dichte an Profijournalisten in der Region und im Lokalen organisieren können, wie es die Zeitungsverlage tun.»



Kommentare
18.06.2012
13:13
Sensationen des Lebens gibts nur im Lokalteil der Zeitung
von meinemeinungdazu | #7

Die WAZ-Ausgaben sind mittlerweile eine Katastrophe. Schlechte Redakteure, schlechte Lokalteile, unnötig große und teils sinnlose Bilder, fehlerhafte Texte, geschrumpfte lokale Sportberichterstattung etc. Das alles sind Gründe für eine Abbestellung. Außerdem laufen die Nachrichten dem Internet immer hinterher. Junge Bürger verzichten ganz auf die Zeitung, weil sie zu wenig bietet und obendrein zu teuer ist.

18.06.2012
09:22
Sensationen des Lebens gibts nur im Lokalteil der Zeitung,
von Pit01 | #6

daran muss man nicht zweifeln, aber mit immer weniger Redakteuren/innen kann das nicht funktionieren.

18.06.2012
06:44
Sensationen des Lebens gibts nur im Lokalteil der Zeitung
von Dschoistick | #5

Immer dünner, immer dümmer: weg mit dem ABO.

18.06.2012
05:48
Sensationen des Lebens gibts nur im Lokalteil der Zeitung
von Vattaheinrich | #4

Im Lokalteil beschränken sich die Sensationen des Lebens auf den Fußballbericht der Kreisklasse C in allen Facetten und im Bericht über den Kanichenzüchterverein. Ansonsten greift man auf Vorformulierte Berichte von Dritten zurück (die ja die Infos und Bilder i.d.R. kostenlos zur Verfügung stellen, also Vereine, Verbände usw.) die dann auch noch so weit vom jeweiligen Praktikanten soweit verwässert werden, das man sie gar nicht mehr lesen kann. Dafür Geld nehmen zu wollen ist schlichtweg unverschämt.

18.06.2012
01:00
Sensationen des Lebens gibts nur im Lokalteil der Zeitung
von scouti | #3

Wenn kartellrechtliche Bedenken bestehen, könnten Sie die WR und die WP auch redaktionell wieder trennen und so die Lokalberichterststattung ihrer zusammengelegten Lokalredaktion (und somit nicht mehr vor Ort vertretenden Ansprechpartner) auseinander divividieren. Die Leser würen sich freuden, zumal heimatbezogene Berichte gerne erwünscht sind.

Der Beitrag und das Interview sind real? Herr Nienhaus sollte sich SEINE Zeitungslandschaft außerhalb von Essen bzw. der Großstädte anschauen und dann in stille Klausur gehen und dort über seine Gedanken nachdenken.

17.06.2012
21:53
Sensationen des Lebens gibts nur im Lokalteil der Zeitung
von feierabend | #2

Wieviel Medien kann ein einzelner Mensch verkraften? Hunderte von Zeitschriften in denen meisten auch noch dasselbe steht, tausende von Informationen wovon ich bestenfalls zwei brauche.... TV, DVD, Internet, Radio, Handy, noch was? Alle machen sich wichtig, verkaufen sich und ihre Umwelt, ihre Mitmenschen, verkaufen und kaufen Informationen - ach, gepriesen sei doch die Wettbewerbsvielfalt: die sensationellsten, neueste Nachricht gewinnt, der Skandal macht Kasse, die oft sich selbst ernannten Stars und von den Medien dazu gekürten schnurren ebenfalls ! Sie lügen für blaue Schein das Blaue vom grauen Himmel herunter, das Wirgefühl gewinnt, der Einzelne ist ein Looser. Individuen?Whats that? Out! Nostalgie! War mal, damals!

17.06.2012
19:04
Sensationen im Lokalteil
von gamleman | #1

Sensationell ist es gewöhnlich schon, was ich täglich in meinem Lokalteil erlebe. Versemmelte Billighandy-Fotos mit abgeschnittenen Köpfen, völlig sinnfreie oder widersprüchliche Überschriften, groteske Bildunterschriften, Teaser, die 1:1 mit dem ersten Absatz identisch sind oder mit dem Artikel-Inhalt nichts zu tun haben, Schreibstile auf Grundschul-Niveau, Fehler über Fehler, grammatikalische Exzesse ...

Soll ich weitermachen? Und dafür wollen Sie allen Ernstes auch noch zusätzliches Geld verlangen, Herr Nienhaus? Das ist entweder ausgesprochen weltfremd oder ausgesprochen dreist. Ein Geschäftsmodell ist es jedenfalls nicht!

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