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Was von Ruhr.2010 blieb

Zur Zoomansicht 07.12.2010 | 10:40 Uhr
Die Kulturlinie 107 der Evag wurde eigens zum Kulturhauptstadtjahr ins Leben gerufen. Foto: Kerstin Kokoska
Die Kulturlinie 107 der Evag wurde eigens zum Kulturhauptstadtjahr ins Leben gerufen. Foto: Kerstin Kokoska

Ruhrgebiet. Die Kulturhauptstadt ist vorbei, die Stadt bleibt. Und was noch? Neben inneren Werten viele äußere, Menschen, Museen und eine Autobahn. Ein Gott, ein Gitarrist – und ein Geist: diedurchaus wertvolle Ruhr.2010-Resterampe.

Kulturhauptstadtteil: Nehmen wir mal eine mittlere Ruhrgebietsstadt, mittendrin und von durchschnittlichem Ruf. Herne! Und gucken nach. Allein da im Kulturzentrum sind noch immer fünf Leute damit beschäftigt, die Kulturhauptstadt, Sektion Herne abzuwickeln. „Abrechnung, Dokumentation“, sagt Sprecherin Bärbel König-Bargel. „Am 25. machen wir die Dankeschön-Party für alle Beteiligten, im Februar eröffnen wir die Retrospektive, eine Fotoausstellung. . .“

Zum Schluss, Ende Juni werden sie immer noch zu dritt sein. Und, natürlich, weiter mit dem Kulturkanal befasst: Wegen seines großen Erfolges schippern die Schiffe der Weißen Flotte auch weiter über die Wasserstraße. Und Herne ist aufgefordert worden, mit allen beteiligten Kanalstädten am Wettbewerb „Erlebnis NRW“ teilzunehmen. Erlebnis NRW ist ein Tourismus-Entwicklungsprogramm der Landesregierung für die nächsten Jahre. Und so führt eines zum anderen.

Käsestange am Kanal: Die Ausstellung war schon vorbei, bevor es Herbst wurde in der Kulturhauptstadt, aber seither floss viel Wasser die Emscher hinunter und an ihrer Kunst entlang. Zwei Drittel der Installationen der „Emscherkunst“ auf der Insel zwischen Köttelbecke und Kanal stehen noch, darunter ein Faulturm im Mosaikmantel und in Herne die löchrig-gelbe Wassermarke, die die Bürger längst zur „Käsestange“ erkoren. Und in Oberhausen die Brücke wird nun auch bald fertig.

Kunst unterm Dach: Das hofft das Revier auch für die (Um-) Bauprojekte, für die das Jahr einfach nicht gereicht hat. In Duisburg müssen sie noch den Kubus auf die Küppersmühle heben, bevor das Museum zu Ende erweitert werden kann. In Dortmund wird der „U-Turm“ auch nach der „Jetzt-aber-wirklich“-Eröffnung noch weitere erleben. Immerhin: Das Museum ist drin, und die Winkelmann-Filme unterm Dach machen die Großstädter glücklich. Gelsenkirchen hat die Kunst auf dem Dach, ist darüber aber nicht einstimmig glücklich: Die Herkules-Skulptur von Markus Lüpertz auf dem Nordstern-Turm ist ein Blaubart von einem Gott geworden. Muss man nicht mögen, kann man aber.

Das Ruhrmuseum und das neue Folkwang haben in und sogar mit der Kulturhauptstadt eröffnet, waren zwar nicht zwingend Teil von ihr – aber dafür Nutznießer des Titels, der ihnen Tausende Besucher brachte. „Die“, sagen sie bei Ruhr.2010, „kamen nicht von ungefähr.“ Genau wie die Dann-doch-Genehmigung für das Bochumer „Musikzentrum“, die Neufassung des Konzerthauses. „Die Kulturhauptstadt“, sagt Stadtsprecher Thomas Sprenger, „hat Idee und Entwicklung stark unterstützt.“

Erinnerungen in Dosen: In den Kellern und Gärten des Reviers warten die  verkauften Tafel-Tische von der A 40 auf die Freiluft-Saison, und eine Künstlerin hat aus den Schachtzeichen, diesen gelben Ballons, Börsen genäht. Was ansonsten nicht niet- und nagelfest war, hat Ruhr.2010 in eine Schatztruhe gepackt: die Schnee-Umhänge von der Eröffnungsfeier, die Butterbrotdosen für das Still-Leben, Hinweisschilder, Warnwesten, Kappen, Tassen, T-Shirts. Sie brauchen noch Erinnerungen für Zuhause? Am letzten Januar-Wochenende ist in Essen Flohmarkt!

Junge mit Gitarre: Oliver Hasse bleibt auch. Der  Musiker kam aus Magdeburg nach Mülheim, mit seiner Gitarre und zwei Reisetaschen. Er zog dort ins Projekt „2-3 Straßen“, spielte im Fahrstuhl, in der Fußgängerzone und auf den Bühnen der Stadt. Vieles, was Kreative wie er in den drei beteiligten Wohnvierteln des Reviers veränderten, soll über das Jahr hinaus Bestand haben. Wie die Liebe, die Oliver Hasse im Hochhaus fand. Und die Platte, die er dort aufnahm. Die bleibt auch.

Grüne Autobahn: Kunst ist, wenn ausgerechnet eine Schnellstraße durch den Ballungsraum ein Naturereignis werden soll. Neben ihre Parkautobahn pflanzte die Kulturhauptstadt rund 1000 Mammutbäume und rote Pfähle an ihre Seite, damit der Vorbeifahrende die Zwerge erkennt, die so schnell wie ein Auto Riesen werden sollen. Ausfahrten verwandeln sich in Stadttore, Kreuze in begrünte Parkflächen, 58 Kilometer A 42 werden ein einziges Panorama. Es grünt so grün, wenn der Winter geht. Und der soll ja bald so vorbei sein wie die Kulturhauptstadt.

Geist und Gefühl: Bei allem Fassbaren, die Kulturhauptstadt hinterlässt auch ein Gefühl. Einen neuen Geist im Revier, ein „Wir-Gefühl“, das schon lange da war, vielleicht aber nun stärker ist als die Kirchtürme der einzelnen Kommunen. Jetzt, wo die „Ruhris“ der Welt ein Jahr lang zeigen durften, was sie haben und können, sagen sie mit Stolz: „Ich komme aus dem Ruhrgebiet.“ Für die Suchbegriffe „Wir-Gefühl Ruhrgebiet“ findet „Google“ im Netz 100 000 Einträge.

Akrobaten und Artisten: Und dann gibt es Dinge, die sind in der Schwebe, wie es die Schachtzeichen waren. Urbanatix zum Beispiel, diese großartige Artistik-Show von Amateuren und Profi-Akrobaten, wird es wieder geben: Im Februar beginnen sie zu proben, im November zeigen sie eine neue Show. Langfristig soll daraus eine feste Artistenschule werden, Entwürfe für ein eigenes Gebäude im Bochumer Westpark gibt es schon.

Und noch ‘ne Burg: 15 Kilometer nördlich hat ein 25 Meter hoher Bretterbau die Herzen vieler Herner erobert: Die Motte, der Nachbau einer mittelalterlichen Burg, war so etwas wie das Wahrzeichen der Ausstellung „Aufruhr 1225“. An ihr teilten sich die Meinungen scharf, von „Unbedingt erhalten“ bis „Sofort abreißen“. Jetzt hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) einen Abnehmer gefunden, der nächste Woche vorgestellt wird. LWL-Sprecher Frank Tafertshofer sagt: „Die Motte bleibt in der Gegend, im weitesten Sinn.“

Und das gilt ja irgendwie auch für die Kulturhauptstadt.

Annika Fischer und Hubert Wolf



Kommentare
17.01.2011
03:06
Ruhr.2010 - was vom Jahre übrig blieb
von Know How | #28

http://www.youtube.com/watch?v=8Kwz24pyDxI&feature=related

17.01.2011
02:59
Ruhr.2010 - was vom Jahre übrig blieb
von Know How | #27

War ja auch nur ein Probelauf.

17.01.2011
02:53
Ruhr.2010 - was vom Jahre übrig blieb
von Know How | #26

So ein Event muß man anders vorbereiten -

es fehlte einfach an einer überschaubaren

leicht erfassbaren Struktur da das Ruhrgebiet

weitläüfiger ist als Städte wie Paris, Rom

Hamburg es fehlt einfach das BINDEGLIED.

Wenn ich also ich das gemacht hätte , dann

hätte ich zunächst - alles zentralistischer

vorbereitet. FERTIGSTELLUNGSTERMINE !!

Bundesgartenshow auf einem Acker schwierig

Also nächstes mal nur da feiern wo auch schon

alles stimmig ist jannz wichtig !

Ach -Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll ???

Aber einige Sachen waren schon ganz doll :)

12.01.2011
17:31
Ruhr.2010 - was vom Jahre übrig blieb
von HeinzK. | #25

Ruhr.2010 - was vom Jahre übrig blieb


In Duisburg?


Na, dies:

Das Trauma der Loveparade-Tragödie und der sie begleitende Mangel an ziviler und politischer Courage, die schmerzhafte Kultur nie gekannter Verantwortungslosigkeit und sozialer Amnesie wird auf unbestimmte Zeit im kollektiven Gedächtnis nachwirken.

http://www.satt.org/kunst/11_01_ruhr2010.html
.

12.01.2011
15:16
Ruhr.2010 - was vom Jahre übrig blieb
von Kultur ist teuer! | #24

Eine 3-Tage offene Hanieltreppe, die nur mit Eintrittskarte betreten werden durfte.

12.01.2011
00:02
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #23

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

11.01.2011
18:19
Ruhr.2010 - was vom Jahre übrig blieb
von Laertes | #22

@21

Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, nicht wahr. Ich habe selbst an reichlich einigen Opernproduktionen mitgewirkt. Da ist literweise Herzblut dabei, die Mitarbeiter geben buchstäblich alles und haben das größte Recht, an ihre Arbeit zu glauben. Auch wenn sie nicht gleich gewaltig und gigantisch sind: eine Kammeroper für dich und mich kann ebenso erfüllend sein. Erfüllender.

Und es ist allerdings eine Tragödie, wenn man erleben muß, daß Leute wie Pleitgen et al., die ein völlig anderes, menschenfernes Bild von Kultur haben, sich diese zu eigen machen, um sich möglichst dick zu tun und sich schließlich darin sonnen, daß es so viele gibt, die alles dafür geben, etwas auf die Beine zu stellen ohne sich darum Gedanken zu machen, um was es eigentlich geht.

11.01.2011
17:56
Ruhr.2010 - was vom Jahre übrig blieb
von computerprinzessin | #21

Es mag zwar nicht alles so toll gewesen sein, aber ich habe an dem gewaltigen AIDA-Projekt teilgenommen. Falls es den Kulturfernen entgangen ist: Wir haben in Bottrop nach 1 1/2 Jahren Chorprobenarbeit und 3 Wochen intensiver Theaterproben vor Ort auf der Halde 5 giganitsche Opernaufführungen dargeboten. Für uns alle war es ein einmaliges Erlebnis!

11.01.2011
17:13
Ruhr.2010 - was vom Jahre übrig blieb
von Der ZWITSCH | #20

*


Und gesponsert von der Firma aus Essen, die ihr Geld mit Atomkraft und überhöhten (hier kam das Geld als kleine Buße eigentlich her) Rechnungen macht.

*

11.01.2011
16:49
Ruhr.2010 - was vom Jahre übrig blieb
von Laertes | #19

@18
Dass man diesen Kultur-Kontext herbeirreden konnte, liegt allein daran, dass mit diesem Wort ein inzwischen völlig inflationärer Gebrauch betrieben wird.

Da liegen Sie ganz richtig, glaube ich. Denn weiterhin ist Kultur mittlerweile von Politik und Wirtschaft okkupiert worden, in diesem Sinne dem kulturschaffenden Bürger aus der Hand genommen, um sie einem konkreten Zweck zuzuführen.

Kunst findet nicht mehr um ihrer selbst willen statt, sondern man schmückt sich damit.

Kaum ein Event (so nennt man das heute) findet mehr statt ohne freundliche Unterstützung der dew oder der Deutschen Bank oder... Und die Bürgermeister und Sonstige fehlen auf keinem Foto, wenn mal wieder ca. 5.000 Euro als gasgefüllte Reminiszenz in den Himmel steigen.

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