Das aktuelle Wetter NRW 9°C
Kulturpolitik

Nur noch Festival-Feuerwerk? Das Kulturjahr 2012

28.12.2012 | 19:47 Uhr
Ordentlich gekracht hat es beim Winterleuchten im Westfalenpark. Ein Bild, das sich auf ganz NRW hochbrechen lässt?Foto: WAZ FotoPool

Essen.  Die kulturelle Grundversorgung in NRW leidet unter den Sparzwängen, vielerorts kämpfen Theater und Schauspielhäuser gegen die drohende Schließung. Zwei Redaktionsmitglieder versuchen, im Rückblick die Tendenzen des Kulturjahrs 2012 zu erkennen.

Das Kulturjahr 2012 in NRW ist im Rückblick nicht auf einen einzigen Nenner zu bringen, zu vielfältig waren die Ereignisse und Entwicklungen. Aber ein paar allgemeine Tendenzen gibt es doch – unsere Redaktionsmitglieder Jens Dirksen und Lars von der Gönna versuchten, sie im Gespräch zu erkennen.

Lars von der Gönna: War kulturell eigentlich je so wenig Hoffnung? Duisburg von der ewigen Baustelle Küppersmühle über das finanziell ruinierte Lehmbruck Museum bis zur knapp erhaltenen Opernehe ein Scherbenhaufen, Bochums Kunstmuseum durch die Schließungsdiskussion Anfang des Jahres bedroht und Hagens Theater endgültig am Abgrund. Von einem ganzen Heer bedrohter kultureller Kleinversorger gar nicht zu reden.

Jens Dirksen: Oder vom Chaos in Köln, wo mit Uwe-Eric Laufenberg an der Oper und Karin Beier am Schauspiel die erfolgreichsten Intendanten der letzten Jahrzehnte die Stadt verlassen. Und nicht einmal das reiche Düsseldorf bleibt verschont, das NRW-Forum Kunst und Wirtschaft, das fantastische Ausstellungen hinbekommen hat, wird bald schließen, das Museum Kunst Palast muss sparen, und die Landesregierung will mit ihrem Haushaltsentwurf eine Million Euro bei der Kunstsammlung NRW sparen und die Revierstadt Waltrop schließt ihre Bibliothek.

100 Jahre Theater Hagen

v. d. Gönna: Gehen wir Zeiten entgegen, die nur noch Festivals feuerwerken lassen? Die binden halt nicht langfristig, und die Welt guckt einmal hin - wenn auch nur kurz.

Dirksen: „Diktatur des Eventariats“ hat ein kluger Mann das einmal genannt.

v. d. Gönna: Währenddessen bröselt die kulturelle Grundversorgung weiter.

Dirksen: Vielleicht haben die Autoren des umstrittenen Buchs vom „Kulturinfarkt“ mit ihrem Vorschlag, die Kultur-Subventionen auf die Hälfte zu kürzen, Anfang des Jahres ja gar kein provokantes Gedankenspiel getrieben, sondern die laufende Entwicklung beschrieben. Die Grundsatzfrage bleibt die, ob wir unsere Kultureinrichtungen immer weiter runtersparen, um sie zu erhalten, koste es, was es wolle – und sei es die Qualität. Wir sind doch an dem Punkt, wo die letzten Effizienzreserven aus den Kulturbetrieben längst herausgeholt sind.

Kulturpolitik
Ruhr-Städte streiten über Industriekultur und Großdenkmäler

Oder ist sie unverzichtbar für den Tourismus? Debatte um die Bedeutung der Groß-Denkmäler im Revier auf der 1. Kulturkonferenz Ruhr in Essen. Dortmunder Kulturdezernent Stüdemann fordert, mit Blick auf den Ringlokschuppen in Mülheim, ein „Performing Arts Center Ruhr“ für neue Theaterformen.

v. d. Gönna: Aber man kann ja auch nicht Schwimmbäder dichtmachen und dann die Zauberflöte ausstatten, als habe sie mit dieser Welt nichts zu tun. Es zeigen sich allerdings auch die tragischen Seiten der Maßnahmen. Dortmunds Opernhaus geht es zum Beispiel sehr schlecht. Der neue Intendant hat es mit einem anderen System versucht: Eine neue Inszenierung ist jetzt meist nur einige Monate zu sehen, dann nie wieder. Das trägt keine Früchte: Bis sich eine gute Opernaufführung herumgesprochen hat, ist sie schon wieder abgesetzt.

Dirksen: Immerhin hat da mal jemand versucht, etwas anders zu machen.

v. d. Gönna: Es gibt aber auch reichlich falschen Aktionismus. Kein Museumschef, kein Theaterleiter will wie das Kaninchen vor der Schlange wirken. Man tut also dauernd Neues, um der Politik, die am Geldhahn dreht, zu zeigen: Schaut, wie wir uns bemühen! Das ist guter Kunst kaum würdig.

Dirksen: Manchmal hat die mangelnde Finanzausstattung aber auch gute Seiten: Fast alle Museen haben sich zuletzt wieder mehr mit ihren eigenen Sammlungen beschäftigt. Und die Kooperationsbereitschaft hat auch deutlich zugenommen. Das sind Potenziale, die sonst nicht ausgeschöpft würden.

Ruhrtriennale 2012

v. d. Gönna: Bestimmt. Der Besinnung auf eigene, letztlich regionale Tugenden und Profile stehen aber seltsamerweise gut ausgestattete Festwochen gegenüber, in denen man vor lauter Orchideen das Treibhaus nicht erkennt. Warum ist die teure Ruhrtriennale eigentlich so unter Denkmalschutz, während es anderen feste ans Fell geht?

Dirksen: Die Triennale war in diesem Jahr zum ersten Mal so gewagt, so experimentell, wie sie wohl ursprünglich mal gedacht war. Hatte dadurch noch mehr den Anschein des Elitären.

v. d. Gönna: Immerhin erhöht so etwas die Anziehungskraft der Region für Künstler. Die wollen schließlich dahin, wo es nach Aufbruch aussieht und nicht nach Abbruch.

Kulturpolitik
Die NRW-Kultur braucht einen Kraft-Akt

Ob die Kultur nach der NRW-Landtagswahl ein eigenes Ministerium bekommen wird? Ist gar nicht so wichtig. Ein „Gemischtwarenladen“ tut’s auch. Sie braucht abe vor allem einen gesetzlichen Schutz, um die Sparrunden zu überstehen, die in den nächsten Jahren unweigerlich bevorstehen.

Dirksen: Naja. Die Säle, Philharmonien und Konzerthäuser sind ja nicht gerade leer gefegt, wenn große Künstler anreisen. Überhaupt: die Auslastungszahlen unserer Kultur-Einrichtungen sind immer noch das beste Argument gegen Kürzungen.

v. d. Gönna: Noch. Wenn man aber einer Bücherei das Geld für Neuanschaffungen verwehrt, bleiben die Leser aus. Weil sie schon alle Bücher kennen, die sie interessieren.

Dirksen: Also brauchen wir unbedingt das Neue, Unbekannte. Und das wird auch 2013 umsonst nicht zu haben sein.

Jens Dirksen und Lars von der Gönna



Kommentare
Aus dem Ressort
Tuba-Star Andreas Martin Hofmeir gastierte in Hagen
Konzert
Tubissimo! Der "Echo"-gekrönte Musiker Andreas Martin Hofmeir zeigt mit den Hagener Philharmonikern, was alles in einer Tuba steckt. Das Konzert erklingt am Donnerstag auch beim "Sauerland-Herbst" in Schmallenberg.
Rentner protestiert gegen Männerkritik in Udo-Jürgens-Song
Fan-Protest
Raser, Kriegstreiber und Kriminelle - Entertainer Udo Jürgens geht auf seinem aktuellen Album "Mitten im Leben" mit der männlichen Spezies hart ins Gericht. Einem Fan aus dem Odenwald geht die Kritik zu weit, in 16 Städten der Jürgens-Tour hat er "Männersolidaritätsdemos" angemeldet.
Etatsperre in NRW trifft auch westfälische Archäologen
Haushaltsperre
Bodendenkmalpflege, Förderschulen und Behindertenwerkstätten: Die Einrichtungen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe bekommen die Folgen der Haushaltssperre in NRW zu spüren. Das Land hat zahlreiche Gelder gestrichen. Wie es 2015 weitergehen kann, ist noch höchst ungewiss.
Venedig, Cannes, Lünen - Filmfestival wird 25
Film
Das Kinofest in Lünen feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen. Vom Mauerblümchen hat es sich längst zum viel beachteten Filmfestival entwickelt, auf dem sich sogar spätere Oscar-Gewinner ihre ersten Meriten verdienen. Der Etat liegt in diesem Jahr bei 380 000 Euro.
Casino-Betreiber Westspiel hält an Warhol-Versteigerung fest
Warhol
Kunstverkauf zur Sanierung eines landeseigenen Unternehmens: Die Empörung in Kunst und Politik in NRW über die geplante Versteigerung von zwei Warhol-Bildern ist groß. Der Duisburger Casino-Betreiber Westspiel will seinen Plan trotzdem durchziehen.
Umfrage
Die Stadt Duisburg will Schul-Parkplätze an Lehrer vermieten – aber auch an Anwohner. Eine gute Idee?

Die Stadt Duisburg will Schul-Parkplätze an Lehrer vermieten – aber auch an Anwohner. Eine gute Idee?