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Beschneidungsdebatte

Religionsfreiheit oder Kindeswohl - Anne Will diskutiert über Beschneidung

12.07.2012 | 07:00 Uhr
Religionsfreiheit oder Kindeswohl - Anne Will diskutiert über Beschneidung
Die Debatte um religiös motivierte Beschneidung nahm ARD-Moderatorin Anne Will in ihrem Polit-Talk auf - und präsentierte eine interessante Diskussion unter hauptsächlich unprominenten Gästen. Foto: NDR

Essen.   Religionsfreiheit oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit – was gilt mehr? Dieser Frage hat sich Anne Will in ihrer ARD-Talkrunde gewidmet. Und die Gäste machten deutlich: Nach dem Urteil des Köner Landgerichts, das eine Beschneidung als Körperverletzung wertete, besteht großer Diskussionsbedarf.

Was ist höher zu bewerten: Das Recht auf körperliche Unversehrtheit eines Kindes oder Recht auf freie Religionsausübung? Mit der hochkontroversen Debatte um Beschneidungen hat sich Anne Will am Mittwoch in ihrem allwöchentlichen Polit-Talk in der ARD auseinandergesetzt. Die Moderatorin präsentierte eine Vielzahl von zumeist unbekannten Gästen, die das gesamte Meinungsspektrum dieser Debatte abbildeten. Die einzige halbwegs prominente Besetzung auf der Gästecouch war die TV-Psychologin Angelika Kallwass, die sich als bekennende Atheistin gegen religiös motivierte Beschneidungen aussprach .

Den Anlass für die Sendung lieferte ein Urteil des Kölner Landgerichts, das einen Arzt in Köln wegen der von den Eltern gewünschten, religiös motivierten Beschneidung eines Jungen der Körperverletzung für schuldig befunden hat . Seitdem protestieren Juden und Muslime gegen dieses Urteil. Ihrer Ansicht nach stellt es einen massiven Eingriff in die Religionsfreiheit dar. Auch die deutsche Bischofskonferenz reagierte befremdet auf den Richterspruch. Hingegen hält es laut einer Emnid-Umfrage die Mehrheit der Deutschen für richtig, die Beschneidung von Kindern unter Strafe zu stellen.

Interessante Talk-Runde mit wenigen Prominenten

Obwohl – oder möglicherweise: gerade weil – der Promi-Faktor bei Anne Will am Mittwoch ungewöhnlich niedrig war, entwickelte sich die Beschneidungsdiskussion zu einem äußerst interesanten Austausch der vielfältigen Deutungsansätze – und zwar fern ab von jeder Polemik. Die Debatte lebte vor allem von den Argumenten, die die Gäste wie der Jura-Professor Holm Putzke oder der Rabbiner Yitshak Ehrenberg vorbrachten.

Die Diskussion streifte vielfältige, ungeklärte Fragen, die mit dem Beschneidungsurteil einhergehen . Etwa diese: Was ist höher zu bewerten – die körperliche Unversehrtheit eines Kindes oder das Recht auf Religionsfreiheit der Eltern? Die Gäste diskutierten über medizinische Argumente für Beschneidungen wie Hygiene, über mögliche Auswirkungen der Operation auf die kindliche Psyche aber auch die über Frage, ob Beschneidungen ein sexualisierter Männlichkeitsritus seien, der die Vorherrschaft des Mannes zum Ausdruck bringen solle.

Teil der religösen Identität oder Körperverletzung?

Der Rabbiner Ehrenberg argumentierte, die Beschneidung sei ein rein religiöser Akt und ein Geschenk der Eltern an ihre Kinder, weil diese durch die Beschneidungszeremonie in ihre jüdische Identiät eingeführt würden. Der Strafrechtler Putzke bewertete diesen Eingriff hingegen als Körperverletzung . Er plädierte dafür, dass Kinder erst dann beschnitten werden dürften, wenn diese alt genug wären, um sich bewusst für oder gegen die Beschneidung zu entscheiden.

Ist eine Beschneidung ein psychisches Trauma für Kinder? Putzke und Kallwass machten sich für diese Sichtweise stark. Die muslimische Journalistin Khola Maryam Hübsch betonte dagegen die „gesundheitlichen Vorteile, die durchaus zum Wohl des Kindes sein könnten “. Die ebenfals muslimische Frauenrechtlerin Seyran Ates sieht die nicht - und stellte fest: „Juristisch ist dies Körperverletzung.“ Die Beschneidung sei ein Eingriff in ein gesundes Organ. Das Elternrecht dürfe nicht über dem Kinderrecht stehen.

So klar das Für und Wider der Argumente in der Will-Sendung zutage trat, so offen blieb auch eine abschließende Bewertung. Dies allerding war keineswegs der Gesprächsführung der Gastgeberin Will geschuldet. Die Diskussion machte deutlich, welch weite Themenfelder dieser kleine, aber unumkehrbare Eingriff streift. Freiheit, Tradition und religiöse Identität stehen auf der einen Seite, das Grundgesetz, die Mündigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, aber auch die körperliche und psychische Unversehrtheit von Menschen stehen auf der anderen Seite. Es bedarf keiner hellsehersichen Fähigkeiten, um festzustellen, dass diese Diskussion noch geführt werden und die Öffentlichkeit beschäftigen wird.

Timo Baudzus



Kommentare
17.07.2012
18:47
Das Urteil des LG Köln: falsch bezeichnet
von Hinterdenker | #46

"... ein Urteil des Kölner Landgerichts, das einen Arzt in Köln wegen der von den Eltern gewünschten, religiös motivierten Beschneidung eines Jungen der Körperverletzung für schuldig befunden hat . "
.
Das ist falsch !
.
Richtig ist vielmehr, dass der Arzt wegen eines "Unvermeidlichen Verbotsirrtums" nach Par.17 StGB freigesprochen worden ist. Auch wenn der Vorwurf der Staatsanwaltschaft sich in tatsächlicher Hinsicht in der
Hauptverhandlung bestätigt hat. Es lag Körperverletzung vor. Das Gericht begründet das umfänglich und rechtsfest, nicht zuletzt unter Bezug auf Artikel 2 der Verfassung.
.
Wir sind ein sekulärer Staat in dem jeder alle Freiheitsrechte besitzt: JEDER. Auch das entscheidungsunfähige Kleinstkind. Wir leben weder nach der Scharia noch nach der Tora. Archaische Bräuche als freie Religionsausübung zu ummanteln hilft da nicht. Ansonsten ist die Welt groß und bietet viel Platz für Menschen mit einer mit deutschem Recht nicht kompatiblen Lebenseinstellung.

13.07.2012
17:02
Religionsfreiheit oder Kindeswohl - Anne Will diskutiert über Beschneidung
von Pucky2 | #45

Wo ist denn da der Diskussionsbedarf - die körperliche Unversehrtheit geht selbstverständlich meilenweit vor!!!

Diese brutalen archaischen Rieten gehören ganz einfach verboten. In der Frühzeit der Menschheit, in einer Wüstenregion, wo nicht genug Wasser zum Waschen da war, da könnte man so etwas tolerieren... aber im 21. Jahrhundert, wo man die Körperhygiene jederzeit sicherstellen kann, da ist dies einfach nur Verstümmelung eines Jungen.
Und wenn es gewissen Möglichkeiten der Sexualität eines Jungen einschränken soll, so wie es in den USA bei seiner Einführung begründet wurde, dann ist es noch schneller zu verbieten.

Wie kann ein gläubiger Mensch überhaupt die göttliche Schöpfung, sprich Jungen mit Vorhaut, einfach verunstalten? Gott hat den Jungen so geschaffen und dann maßen sich da irgendwelche Schnibbler an, diese Schöpfung zu verändern.
Hoffentlich geht unsere aufgeklärte Gesellschaft nicht vor den Religionen in die Knie!!!!

13.07.2012
00:26
Salax | #42
von dummmberger | #44

Wo ist Ihr Problem?
Was heißt das "Zählt das was die deutsche Bevölkerung denkt, in einer Demokratie denn gar nichts."?
Herr Tören hat seine Meinung kundgetan. Das darf er genauso wie jeder andere.

DIese ganze Diskussion ist doch für uns alle noch ganz neu. Dass Juden und Moslems ihre Söhne beschneiden lassen, hat doch bisher kein Schwein interessiert, obwohl alle davon wussten. Das Kölner Urteil hat nun endlich diese Diskussion angestoßen, aber ganz so einfach, wie manche hier tun, ist die Sache nicht,
Gläubige Juden und Moslems sind davon überzeugt, dass die Beschneidung Gottes Wille ist und sie daher überhaupt keine Alternative haben. Die erwachsenen Juden und Moslems sind selber alle beschnitten und empfinden das als normal. Da müsste eine massive Bewusstseinsänderung einsetzen, aber so etwas dauert.

3 Antworten
@ "dummberger" Zustimmung und Kritik
von Salax | #44-1

Sie haben recht, er darf seine Meinung sagen. Das hat er getan und andere führende Politiker haben dies auch getan. (seine Meinung aber gegen den Willen der medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften und der Bevölkerungsmehrheit per Gesetz durchzusetzen zu wollen ist wieder etwas völlig anderes, sehr mieses und undemokratisches)

Die Meinung der Bevölkerung ist auch bekannt und wurde in zahlreichen Umfragen ermittelt. Nun ist die Frage, welche der Parteien vertritt oder schert sich überhaupt über die Meinung der Bevölkerungsmehrheit (und der Meinung der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie) und ist nicht nur religiösen Verbänden untertänig?

Mit dem zweiten Absatz aber gehe ich auch konform.


Dummberger / #44
von Salax | #44-2

Ja Herr tören darf seine Meinung sagen, aber entgegen dem Willen der absoluten Mehrheit der Bevölkerung und wohl-wissend, dass der Gang vor das BVG das Köllner, Urteil höchstwahrscheinlich bestätigen würde, seine Meinung per Gesetz gewaltsam durchsetzen zu wollen, ist etwas anderes. Das ist einfach nur asozial, mies und undemokratisch.

Und die Frage bleibt, welche der im Bundestag vertretenen Parteien repräsentiert die Bevölkerungsmehrheit die das Urteil begrüßt?

Oder welche Partei wertet die Meinung der Bevölkerungsmehrheit, medizinischen Experten, und Kinderrechtlern über die von religiösen, reaktionären Religionsverbänden?

Warum zwei Antworten...
von Salax | #44-3

Ich habe fälschlicherweise gelaubt, meine erste Antwort sei irgendwie aus technischen Gründen nicht "angekommen", deshalb die zweite Antwort.

12.07.2012
23:54
Welche Partei repräsentiert eigentlich die deutsche Bevölkerung? (Teil1)
von Salax | #43

Das Kölner Urteil zur Strafbarkeit nichtreligiöser Beschneidungen traf auf Kritik seitens religiöser Funktionäre das war zu erwarten.
Doch die Mehrheit der Bevölkerung steht mehreren Umfragen zufolge hinter dem Urteil.
Genau wie die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie.

Aber trotzdem denken unsere Politiker parteiübergreifend nur darüber nach, wie sie dieses Urteil außer Kraft setzen können, wenn nötig mit Gewalt durch eine gesetzliche Zementierung des Rechtes auf Beschneidung.

Renate Künast und Volker Beck sprechen sich in einem Artikel der FR gegen das Kölner Beschneidungsurteil und für gesetzliche Maßnahmen zur Sicherstellung der "Freiheit auf Beschneidung"aus –ganz so wie religiöse Lobbyvereine es fordern.

12.07.2012
23:53
Welche Partei repräsentiert eigentlich die deutsche Bevölkerung? (Teil2)
von Salax | #42

Serkan Tören Integrationspolitischer Sprecher der FDP und praktizierender Muslim, macht im Deutschlandfunk bereits konkrete Vorschläge wie man bei der anstehenden Reform des Patientenrechts "ein Recht auf nicht medizinische Beschneidung der Kinder" mit einbauen kann.
http://www.tagesschau.de/multimedia/audio/audio91950.html

Zählt das was die deutsche Bevölkerung denkt, in einer Demokratie denn gar nichts. Zählt das was ärztliche Fachgesellschaften denken, die ja sogar von derartigen Eingriffen finanziell profitieren, denn auch nichts?

Zählt die Meinung von religiösen Lobbyverbänden, in denen sich naturgemäß die dogmatischen und strenggläubigsten Mitglieder einer Religion versammeln, denn alles?

12.07.2012
22:19
Brot und Spiele für den Pöbel...
von Ismet | #41

mit solchen Worten wurden die alten Römer ins Collosseum gelockt...
Es ist hier wieder nichts anderes im Gange. Es Echauffieren sich hier Leute, die in keinster weise davon betroffen sind. Der Verbot gilt für 2 Glaubensrichtungen und wer regt sich am meisten auf? Fällt euch noch etwas auf?
Oder was soll das hier, das sich Leute gegenseitig mit Schuldzuweisungen beschäftigt sind.
Das deutsche Grundgesetzt steht nunmal vor der Religion und ich respektiere das. Der jenige dem das missfällt soll sich bitte ans BGH wenden, vielleicht hat es ja gute Argumente, dem das Gericht vielleicht folgt und diese Farce hebt sich dann von allein auf.

12.07.2012
22:11
Religionsfreiheit oder Kindeswohl - Anne Will diskutiert über Beschneidung
von ulenfrau | #40

der rabbi sprach von dem bund gottes und einem geschenk. gilt das nur für männer? was ist mit uns frauen?

12.07.2012
20:51
Religionsfreiheit oder Kindeswohl - Anne Will diskutiert über Beschneidung
von akaz | #39

Also diese Diskussion mit "fern ab von jeder Polemik" zu lobhudeln, ist doch wohl nach den Ausführungen des Rabbi und der zum Islam Konvertierten mehr als fragwürdig. Die meiste Polemik ging doch von dem Rabbi aus. Seine beliebteste Äußerung war doch "Wie kann so ein Urteil gerade in Deutschland gesprochen werden". Vergebens versuchten Frau Kallwass und Prof. Putzke das klarzustellen.
Wenn Rabbi Ehrenberg nicht mehr weiter wusste, musste das alte Testament herhalten. Von der konvertierten Hübsch wurde nur der Koran zitiert.
Allerdings muss ich gestehen, dass ich den Talk nicht bis zum Ende verfolgt habe. Vielleicht ist mir daher die Friedlichkeit der Diskussion nicht voll bewusst worden.
@ suedjuergen: Danke für Ihre treffende Kennzeichnung der Frau Hübsch.

12.07.2012
17:07
Religionsfreiheit oder Kindeswohl - Anne Will diskutiert über Beschneidung
von suedjuergen | #38

ich würde gern was zu der kopftuchzwiebel und dem rabbi sagen.
lass ich lieber, wird sowieso genullt.
sagt aber alles über meine meinung

12.07.2012
15:58
Es könnte so einfach sein:
von vantast | #37

Artikel 1 des GG: (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Artikel 2: (2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit
Diese Bestimmungen sind eindeutig, trotzdem wollen viele da etwas hineingeheimnissen, was nicht dorthin gehört. Bedingungen sind nicht angegeben, wie "Das Nähere regelt ein Bundesgesetz bzw. der Zentralrat".

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