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Im Revier gehen die Lichter aus

05.02.2010 | 18:45 Uhr
Im Revier gehen die Lichter aus

Essen. Einst war das Ruhrgebiet führend in Sachen Fernsehkrimi - nicht nur am "Tatort", aber da vor allem. Schimanski ist angeblich der beliebteste Tatort-Kommissar aller Zeiten. Jetzt wandert mit Joachim Król der Essener Kommissar Lutter ab - und neue Gesetzeshüter sind nicht in Sicht.

Es war eine große Zeit. Von den 70ern bis in die 90er Jahre. Da war das Ruhrgebiet führend im Fernsehkrimi. Nicht nur am „Tatort”, aber vor allem. Jetzt aber geht im gesamten Revier kein Kommissar mehr um. Das ZDF hat Ende 2009 zwar noch einen „Lutter” mit Joachim Król als Essener Kommissar gedreht. Die Folge wird in diesem Jahr laufen. Wann das ist, steht noch nicht fest. Auch nicht, wie es weitergeht. Ob es einen Nachfolger gibt. Król jedenfalls wechselt von Essen nach Hessen. Am Frankfurter „Tatort” bildet er mit Nina Kunzendorf das Nachfolge-Paar für Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf, deren letzter Fall im Herbst zu sehen ist.

Man kann Król verstehen. Der ARD-Sonntagskrimi ist oft Quoten- und Qualitätshöhepunkt der Woche. Und „Lutter” hatte Drehbuchprobleme. Setzte allzu klischeelastig auf Pils, Frikadelle und Fußball in der Eckkneipe. Ganz so ist das Ruhrgebiet schon lange nicht mehr. Ganz so waren ja nicht einmal Schimanski und Haferkamp.

Schimi bleibt Kult

Horst Schimanski (Götz George) ist laut Umfrage der beliebteste „Tatort”-Kommissar aller Zeiten. Von 1981 bis 1991 tat er in 29 Folgen (plus zwei Kinofilmen) seinen Dienst zwischen Duisburger Hochöfen, Hafenkränen, Güterbahnhöfen und abgewrackten Industrieanlagen. Sein Ruhrgebiet war nicht schön, aber romantisch. Ein Berliner Schauspieler und eine Münchner Filmproduktion schufen eine Identifikationsfigur, wie es sie zuvor nicht gab für das Revier. Seit 1997 gibt es die Sonderreihe „Schimanski”, 2011 soll wieder eine Folge laufen, aber das ist nicht mehr das Gleiche.

Bei der Umfrage anlässlich des 700. „Tatorts” kam Schimmis Vorgänger auf Platz 3, obwohl er schon fast 30 Jahre aus dem Geschäft war: Von 1974 bis 1980 spielte Hansjörg Felmy in 20 Episoden den Kommissar Heinz Haferkamp. Sein Essen war zwar mehr ein bürgerliches, aber über der Stadt schien immer ein leichter Braun-Schleier zu liegen. Und auch der vergleichsweise korrekte Beamtentyp hatte eine Vorliebe für Buletten mit Senf am Kneipentresen. Sein Assistent Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge, ja genau: der Vater von Ex-Skandalnudel Martin) war der ultimative Kumpeltyp, und selbst mit Exfrau Ingrid (Karin Eickelbaum) lief es ganz rund.

Gähnende Leere zwischen Köln und Münster

Heute herrscht gähnende Leere zwischen Köln und Münster. Selbst in Konstanz, Kiel und Ludwigshafen dürfen „Tatort”-Kommissare ermitteln, nicht aber im größten Ballungsraum des Landes. Auch der Dortmunder Hauptkommissar Balko (Jochen Horst und Bruno Eyron), unvergessen vor allem sein Kollege Klaus Krapp (Ludger Pistor), wurde von RTL 2006 in den Ruhestand geschickt. Sat 1 hat zwar noch Bochum mit „Toto und Harry”, aber die sind Streifenpolizisten und sowieso nicht vergleichbar.

Warum das so gekommen ist? Warum es nicht einmal ein Soko Ruhrgebiet gibt? Das kann keiner beantworten. Bei RTL heißt es, das sei Sache der Produktionsgesellschaften. Und beim WDR, verantwortlich für Schimanski und Haferkamp und einen eventuellen Nachfolger? Gebhard Henke, Chef von Fernsehfilm und Serie, würde gerne Ruhrpottkrimis machen. Aber die ARD sendet 2010 nur 34 „Tatorte”. Und der WDR liefert schon jährlich drei bis vier aus Köln und zwei aus Münster. Die sind beliebt. Mehr geht eben nicht.

Immerhin stammt Dietmar Bär, Darsteller des Kölner Ermittlers Freddy Schenk, aus Dortmund. Und seinem Kollegen Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) wurde in „Klassentreffen” eine Essener Vergangenheit angedichtet. Behrendt kommt, anders als man nach „Rote Erde” vermuten würde, nicht aus dem Ruhrgebiet. Er ist in Hamm geboren und in Ibbenbüren aufgewachsen. Wenigstens Westfale.

Harald Ries

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