Das aktuelle Wetter NRW 17°C
Bücher

Die Story nach dem Schuss - Dirk Kurbjuweits neuer Roman „Angst“

17.01.2013 | 17:20 Uhr
Die Story nach dem Schuss - Dirk Kurbjuweits neuer Roman „Angst“
Dirk Kurbjuweit, begnadeter Reporter und Schriftsteller legte seinen neuen Roman vor.Foto: dapd

Essen.  Eine Familie, die vom Nachbarn terrorisiert wird, das Versagen des Rechtstaates und ein Fall von Selbstjustiz: Dirk Kurbjuweit, Reporter und Schriftsteller, legt erneut die deutsche Seele bloß - im Roman "Angst".

Es braucht nicht viel, uns aus dem Tritt zu bringen. Randolph Tiefenthaler ist Architekt, Mitte 40, er lebt mit Ehefrau Rebecca und zwei Kindern in einer schönen Altbauwohnung in Berlin-Lichterfelde. Doch unter den Tiefenthalers, im Souterrain, wohnt Herr Tiberius. Heimkind, Hartz-Empfänger. Erst backt er Kuchen für die Familie, dann schreibt er Rebecca explizite Briefe.Später bezichtigt er die Familie des Missbrauchs an ihren eigenen Kindern.

Aus einer solchen Konstellation könnte ein packender Psychothriller werden. Der neue Roman des Spiegel-Reporters Dirk Kurbjuweit aber, „Angst“, ist mehr. Zum einen beginnt er am Ende, nimmt die Auflösung (scheinbar) vorweg: Tiberius ist tot, erschossen. Tiefenthalers Vater, leidenschaftlicher Sportschütze, sitzt im Gefängnis. Zum anderen geht es nicht um Angst im klassischen Sinne – Panik, Herzklopfen, Schweißausbrüche. Sondern um ein dumpfes Gefühl der Bedrohung, die unser Vertrauen erschüttert: das Vertrauen in jene, die Sorge für uns tragen – bis hin zum Rechtsstaat.

Kurbjuweit erlebte ähnlichen Stalking-Fall in der eigenen Familie

Letzterer versagt grandios, jedenfalls empfinden die Tiefenthalers das so. Die Polizei nimmt Tiberius’ Missbrauchs-Anschuldigungen ernst. Selbst, wenn er im Garten der Familie in die erleuchteten Fenster stiert, sieht sie keinen Handlungsbedarf. Die familiären Bande aber straffen sich durch die Bedrohung von außen, sie ziehen zusammen, was zusammen gehört.

Auszeichnung

Der Leiter des Hauptstadtbüros des "Spiegel", Dirk Kurbjuweit, ist am Donnerstag in Berlin mit dem "Roman-Herzog-Medienpreis 2010/2011" ausgezeichnet worden. Der Journalist erhielt die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung für seinen Beitrag "Ackermanns Herrschaft".

Die Beziehungsstudien sind die Herzstücke des Romans. Randolph und Rebecca: Einst hatten sie sich beim Studium in Bochum kennengelernt, lange Tage und Nächte zum „Gründungsmythos“ ihrer Beziehung gemacht. Zuletzt aber konnte sich Randolph nur mit dem Gedanken an die „Unverbrüchlichkeit“ seiner Ehe trösten – denn liebevoll, gar leidenschaftlich, war sie schon lange nicht mehr. Oder Randolph und sein Vater: Als Kind musste der Sohn mit zum Schießplatz, denn Tiefenthaler Senior war ein Sportschütze, der so viel Geld für Waffen ausgab, dass die Familie sich nur bescheidene Urlaube leisten konnte. Weil der kleine Randolph die Waffen des Vaters so beunruhigend fand, rüstete er sich mit dem Schutzschild des Pazifistentums.

Bis Tiberius in sein Leben trat.

Und wenn wir aus dem Tritt geraten – wie weit gehen wir? Dirk Kurbjuweit hat einen ganz ähnlichen Stalking-Fall in seiner eigenen Familie erlebt. Wenn er nun die Geschichte eines Schusses erzählt (der im realen Leben nie fiel), dann liefert er einmal mehr einen sehr präzisen Report aus deutschem Seelenleben: spannungsgeladen und treffsicher.

Dirk Kurbjuweit: Angst. Rowohlt, 256 Seiten, 18,95 Euro

Britta Heidemann


Kommentare
21.01.2013
17:01
Die Story nach dem Schuss - Dirk Kurbjuweits neuer Roman „Angst“
von feierabend | #1

Klingt gut, jedenfalls zeitgemäß. Wäre schön endlich mal wieder ein Buch mit Tiefgang und REalitätsbezug auf dem Markt zu wissen - oft erscheint ja wirklich nur Schrott - mehr Softpornos in irgendwelchen angeblich realistischen Jahrzehnten und Stories verpackt die nichts hinterlassen als einen schalen Nachgeschmack - selbst die Bildzeitung schreibt oftmals besser,

Aus dem Ressort
Bühnenpanne unterbricht Auftakt der Bayreuther Festspiele
Pannen-Premiere
Fehlstart bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen: Eine Bühnenpanne sorgte dafür, dass die Aufführung von Richard Wagners "Tannhäuser" bereits nach etwa 20 Minuten unterbrochen werden musste. Der Saal musste aus Sicherheitsgründen geräumt werden.
Trailer gibt ersten Vorgeschmack auf "Fifty Shades of Grey"
Roman-Verfilmung
Die Verfilmung des Erfolgsromans "Fifty Shades Of Grey" kommt zwar erst im Februar 2015 in die Kinos, doch schon jetzt gibt es einen kleinen Vorgeschmack im Internet zu bewundern. Universal hat einen ersten Trailer veröffentlicht. Die Reaktionen fallen gemischt aus.
Im Bus mit Alice Cooper - „Wacken 3D“ in der Lichtburg Essen
Konzertfilm
Drei Essener Wacken-Kenner erzählen bei der Vorpremiere des Festival-Films „Wacken 3D“ in der Lichtburg in Essen von ihren Begegnungen mit Bands wie Motörhead und Rammstein. Bei Rammstein, so erinnert sich Urgestein Stoney, sei kein Durchkommen gewesen.
"Manic Street Preachers" beneiden Deutsche um Lebensstil
Musik
„Futurology“ heißt das zwölfte Album des walisischen Rocktrios Manic Street Preachers. Sänger James Dean Bradfield ist ein Deutschlandfan – so lange es um Wirtschaft geht und nicht ums Kicken. Im Interview erzählt er über Herbert Grönemeyer und den Neid der Briten auf den deutschen Lebensstil.
"Monsieur Claude und seine Töchter" - Witz und Vorurteile
Komödie
Die französische Komödie "Monsieur Claude und seine Töchter" spielt mit Vorurteilen und Provokationen und bietet prächtige Unterhaltung mit viel Hintersinn. Ganz nebenbei erweisen sich die vier Töchter des Monsieurs jede für sich als eine wahre Augenweide. Wenn bloß die Schwiegersöhne nicht wären.
Umfrage
S-Bahnen in NRW sollen bald wieder mit Außenwerbung auf den Zügen herumfahren. Was halten Sie davon?
 
Fotos und Videos
Kunstwerke auf der Haut
Bildgalerie
Bodypainting
Fifty Shades of Grey - Trailer
Video
Erotik-Verfilmung