Das aktuelle Wetter NRW 11°C
Resistenzen

Uralte Bakterien bereits resistent gegen Antibiotika

13.04.2012 | 08:45 Uhr
Uralte Bakterien bereits resistent gegen Antibiotika
Auch uralte Bakterien sind oft bereits gegen Antibiotika resistent.Foto: dapd

San Francisco.  Forscher haben Bakterien untersucht, die seit mindestens vier Millionen Jahren von der Oberfläche abgeschlossen in Höhlen leben. Fast alle Bakterienstämme waren gegen mindestens eins von 26 gängigen Antibiotika resistent.

Die in der Medizin gefürchteten Resistenzen gegen Antibiotika kommen in der Natur offenbar weit häufiger vor als bislang angenommen: Selbst Bakterien, die seit vier Millionen Jahren vollkommen isoliert in den Tiefen unterirdischer Höhlen leben, besitzen Werkzeuge, mit denen sie Antibiotika unschädlich machen können. Das haben US-amerikanische und kanadische Forscher jetzt in New Mexico entdeckt.

Der Fund helfe zum einen, zu verstehen, wie diese Resistenzen entstehen und sich ausbreiten, sagt das Team. Zum anderen deute er aber auch darauf hin, dass es eine Fülle von bisher unbekannten antibiotisch wirkenden Substanzen in der Natur gibt. Über ihre Entdeckung berichten Gerry Wright von der McMaster University im kanadischen Hamilton und seine Kollegen im Fachmagazin "PLoS One"

Seit jeher Resistenzgene im Erbgut von Bakterien?

Resistente Bakterien machen Ärzten auf der ganzen Welt zunehmend zu schaffen. Die zentrale Frage dabei: Hat der massenhafte Einsatz von Antibiotika in den vergangenen Jahrzehnten die Resistenzen erzeugt? Oder gab es von jeher Resistenzgene im Erbgut von Bakterien, die sich in der letzten Zeit lediglich rasant ausbreiteten?

Frühere Studien hatten für beide Annahmen Argumente geliefert, krankten aber alle an einer grundlegenden Schwierigkeit: Der Gebrauch von Antibiotika in Landwirtschaft und Medizin ist heute so umfassend, dass es sehr schwierig ist, Mikrobengemeinschaften zu finden, die ihnen nicht auf die eine oder andere Weise ausgesetzt waren.

Millionen Jahre ohne Kontakt zur Oberfläche

Genau das scheint Gerry Wright und seinen Kollegen nun gelungen zu sein: Ihre Proben stammen aus der Lechuguilla-Höhle im Süden des US-Bundesstaates New Mexico, einem riesigen labyrinthartigen Höhlensystem, das über 500 Meter unter die Erde reicht und sich über mehr als 200 Kilometer erstreckt.

Seit seiner Entdeckung im Jahr 1986 haben nur einzelne Forschergruppen Zutritt. Zudem liegt es unter einer dichten Schicht von Schluffstein, die praktisch kein Wasser durchlässt. Manche Teile in der Höhle sind daher seit mindestens vier Millionen Jahren nicht mehr mit der Oberfläche in Kontakt gekommen, erläutert das Team.

Resistenzen gegen bis zu 14 Wirkstoffe

Für ihre Studie setzten die Forscher 93 in der Höhle entnommene Mikrobenproben 26 gängigen Antibiotika aus. Das Ergebnis: Fast alle Bakterienstämme waren gegen mindestens eines, die meisten sogar gegen drei bis vier der Medikamente resistent. Drei der Stämme besaßen Resistenzen gegen ganze 14 Wirkstoffe.

Die Fähigkeit, Antibiotika unschädlich zu machen, ist demnach ein ganz zentrales, uraltes Merkmal von Bakterien, schlussfolgern die Forscher. Interessant seien vor allem die Mechanismen, die die Höhlenbakterien verwendeten. So nutzten einige Stämme beispielsweise eine bisher unbekannte Schwachstelle eines recht neuen, momentan noch sehr wirksamen Antibiotikums, um das Gift zu entschärfen.

Suche nach Antibiotika-ähnlichen Substanzen

Es sei wahrscheinlich, dass diese Art der Resistenz irgendwann auch bei Krankheitserregern auftrete, schreiben die Forscher. Als nächstes wollen sie in der Höhle gezielt nach Substanzen suchen, die wie Antibiotika wirken.

Sie könnten unter anderem von dortigen Mikroben oder Pilzen produziert werden. Denn eine solche Vielfalt von Resistenzen kann sich nach Ansicht der Wissenschaftler nur dort etablieren, wo es auch tatsächlich einen Grund gibt, sie aufrechtzuerhalten. (dapd)



Kommentare
Aus dem Ressort
Der stacheliger Schönheitsspender Aloe vera schützt Zellen
Pflanzenheilkunde
Die Kosmetikindustrie besinnt sich auf uralte Schönheitsgeheimnisse zurück. Dass Aloe vera mit vielen Vitaminen reichhaltig pflegt, wussten bereits ägyptische Königinnen wie Nofretete und Kleopatra. Vor allem hat sich Aloe in den letzten Jahr bei der Bekämpfung von Sonnenbrand einen Namen gemacht.
Wie "Ärzte auf Zeit" an Kliniken Personallöcher stopfen
Krankenhäuser
Weil sie viele Stellen nicht mehr besetzt kriegen, lassen Krankenhäuser immer häufiger Honorarärzte einspringen – und bezahlen diese sogar besser als die Stammkräfte. Die von Agenturen vermittelten Honorarärzte sind inzwischen nicht mehr aus den Hospitälern wegzudenken.
Forscher fordern Rezeptpflicht für Paracetamol
Medikamente
Forscher warnen erneut vor einem zu sorglosen Umgang mit rezeptfreien Schmerzmitteln. Laut einem Medienbericht setzen sie sich dafür ein, dass Paracetamol rezeptpflichtig wird. So sollte das Medikament in der Schwangerschaft nur bei dringender Notwendigkeit angewendet werden.
Greenpeace findet schädliche Chemikalien in Kinderstiefeln
Verbraucher
Aldi, Lidl, Rewe und Tchibo werden von Greenpeace stark kritisiert. Nach Auffassung der Umweltschützer achten die Verbrauchermärkte zu wenig auf den Schadstoffgehalt der von ihnen verkauften Kinderbekleidung. Tests hätten gezeigt, dass in mehr als der Hälfte der geprüften Produkte umwelt- und...
Pflege von Ebola-Patienten in Deutschland extrem aufwändig
Ebola-Epidemie
Bis zu 50 Betten für Ebola-Patienten gibt es in Deutschland. Doch diese Zahl steht nur auf dem Papier, wie erste Erfahrungen zeigen. Um einen Patienten adäquat zu versorgen, seien mehr als 30 speziell geschulte Mitarbeiter pro Tag nötig, so der Leiter des Stadtgesundheitsamtes in Frankfurt.
Umfrage
Vielen Deutschen könnte die Zeitumstellung gestohlen bleiben. Wir wüssten gerne von Ihnen: Was halten Sie von der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit?

Vielen Deutschen könnte die Zeitumstellung gestohlen bleiben. Wir wüssten gerne von Ihnen: Was halten Sie von der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit?

 
Fotos und Videos