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Der EM-Ball im Test

Flattert er, oder flattert er nicht?

24.06.2008 | 18:12 Uhr
Flattert er, oder flattert er nicht?

Es wurde und wird heiß diskutiert: der EM-Ball und seine Flugeigenschaften. Torhüter bibbern, Schützen frohlocken. Zeit, die Schuhe zu schnüren. Ein Selbsttest in zwei Akten.

Aus der Sicht des Torwarts

Von Florian Lütticke

Ganz unschuldig liegt er im Gras - silbern glänzend, von der Sonne beschienen. Das Herz des Torwarts flattert, der Ball ruht. Gianluigi Buffon duzte ihn. Hat nichts gebracht. Italien ist raus.

Der Torwart bangt.

Erste Annäherung. Die Oberfläche, Typ Gänsehaut, schmiegt sich in den Handschuh. „Ich bin dein Freund”, signalisiert das Modell „Europass”. Ein trügerischer Verrat. Der erste Schuss fliegt, nein, donnert aus 25 Metern ins Netz. Reaktion zwecklos. „Wie ein Strich” hätte Heribert Faßbender wohl freudig phantasiert. Michael Ballacks Freistoß wurde mit 121 Stundenkilometern geblitzt - der Gegenüber trägt zwar ein Deutschland-Trikot, strahlt aber in seinen Bewegungen doch eher wenig „capitano”-haftes aus.

Der Torwart ist konfus.

Kann doch nicht sein, geh' mal weiter weg. Ist ja unfair, so ganz allein, aus der Entfernung. 30 Meter, nächster Schuss. Den hat er, den fängt er sicher … nicht. Am Elfmeterpunkt entwickelt „Europass” plötzlich Eigenleben. Eben noch auf gerader Bahn, wackelt der Ball von links nach rechts nach links, zittert sich Richtung Latte. Schnell die Fäuste hochgerissen, das Geschoss ungelenk Richtung Eckfahne bugsiert. Die Entwickler sprechen von „visuellen Problemen” - mit Flaggen, Logos und roten Streifen wird der Ball zur flackernden Disco-Kugel.

Der Torwart flucht.

„Der Ball flattert nicht”, bekundet Adidas-Chef Hainer. Schon lange nicht mehr auf dem Platz gestanden, der gute Mann. Das Flattern wird zum Markenzeichen, lässt sich berechnen. Links, rechts, immer wieder. So blieb die große Weitschuss-Party bei der EM aus.

Toll für den Schützen, schlecht für den Totrwart: Der EM-Ball ist irre schnell und führt ein Eigenleben. Foto: Michael Kleinrensing

Fausten statt Fangen als Trainingsziel. „Unberechenbar" hatte Petr Cech vorab gescholten, obwohl er ein üppiges Werbe-Salär aus Herzogenaurach bezieht. Eine schnöde fallengelassene Flanke beendete dann das Turnier für die Tschechen.

Der Torwart ist beruhigt.

Aus der Sicht des Schützen

Von Daniel Berg

Dehnen und Warmmachen kann jeder, die hohe Kunst ist jedoch, der kalten Muskulatur direkt mal alles abzuringen. Also liebevoll den Ball in die grünen Halme drapiert und Richtung Tor geblinzelt. Ja, genau, so ein Vollspanngeschoss aus 25 Metern à la Michael Ballack ist wohl das Mindeste zu Beginn.

Ungelenk zugetreten heißt es dann nach Jürgen von der Lippe: „Gucken watt der Ball macht.“

Er fliiiiiiiiieeeeeeeeegt! Und wie. Wahnsinn!

Nahezu mühelos verwandelt sich das Leichtgewicht aus Kunststoff in eine silberfarbene Kanonenkugel. Es bleibt nicht mal die Zeit, wie gewohnt dem Ball flehend hinterherzuschauen. Noch bevor die wünschenswerte Flugbahn zum Glück vorberechnet ist, schlägt's ein. Der Geist Roberto Carlos', des Urvaters der Brachial-Schützen, lebt.

„Für uns Spieler ist der Ball natürlich super”, konstatierte der deutsche Nationalspieler Torsten Frings: „Wenn man ihn richtig trifft, geht er schon ab. Dann ist er schwer zu halten.” Der Mittelfeldspieler prophezeite vor Beginn der EM ob der unruhigen Flugkurve des Balles viele Tore nach Fernschüssen. Das Gegenteil war der Fall, was gegen die „der Ball flattert so ungeheuer”-Fraktion spricht.

Der Hersteller schwärmt von der „verbesserten Latex-Mischung”, den „thermisch verschweißten Panelen” und der besonders wichtigen „neuen Oberfläche aus PCS-Textur” - und der Laie fragt sich, ob es um eine Marsmission oder einen scheinbar simplen Fußball geht.

Trotzdem sind die Entwickler zufrieden mit dem Produkt. Sogar derart, dass sie sich zu einer wahnwitzigen Prophezeiung hinreißen lassen: „Dein Schuss verfehlt sein Ziel niemals.” Die Erinnerung, das kleine Waldstück neben der Autobahn anvisiert zu haben, ist verblichen.

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Kommentare
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Kommentare
16.10.2008
21:13
Flattert er, oder flattert er nicht?
von seriös_obszön | #1

lebensnaher, lustiger und doch lehrreicher text, mal was anderes aus sicht des schützen und des, in dem falle, beschossenen. danke, gewährt einem einen optimalen überblick über den umgang mit dem fledermaus-artigen agierendem ball.

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