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Beim Rollstuhl-Rugby sich selbst wieder spüren

26.03.2010 | 12:46 Uhr
Beim Rollstuhl-Rugby sich selbst wieder spüren

Olpe/Köln. Nach einem Unfall sitzt Marvin Hücking im Rollstuhl. Doch der ehemalige Handballspieler hat eine neue sportliche Herausforderung gefunden: Rollstuhl-Rugby.

Mit kraftvollen Bewegungen sprintet Marvin Hücking dem Ball hinterher. Hinter ihm kracht und rumpelt es gewaltig - seine Mitspieler Verena Schweisthal und Carlos Horto blocken die Gegner. Erst im Strafraum erreicht er den Ball und dreht ihn äußerst geschickt über die Räder seines Rollis nach oben.

Rollstuhl-Rugby macht ihm riesigen Spaß: Marvin Hücking spielt beim RSC Köln. Foto: Nitsche/WP

Mit dem Ball im Schoß schießt er über die Linie. Ein Schwenk - und ein breites Grinsen geht über das Gesicht des 19-jährigen Olpers - ein Punkt im Rollstuhl-Rugby.

"Ich will gewinnen"

Auch wenn es nur ein Trainingsspiel ist, die Spieler des RSC Köln sind mit Ehrgeiz bei der Sache. Sie trainieren fürs Bernd-Best-Turnier, eines der größten Turniere im Rollstuhl-Rugby. „Ich will gewinnen”, sagt Marvin Hücking. Das war auch beim Handball so. Für den TV Olpe spielte er auf der Position Halblinks in der Kreisklasse, bis ein verunglückter Snowboard-Stunt ihn in den Rollstuhl zwang.

Beim Schüleraustausch in Amerika hatte der damals 17-Jährige mit ein paar Freunden versucht, über eine Schanze zu springen. Ein paar Mal ging es gut. Dann war die Schanze abgefahren und das Board rutschte unter das dahinterliegende Geländer. „Es war ganz allein mein Fehler”, sagt Marvin rückblickend.

Zuerst beim Rollstuhl-Basketball

Schon in der Klinik in Heidelberg machten ihm die Physiotherapeuten Sport-Angebote. „Am Anfang war ich einfach froh, wieder in einer Halle zu sein. Ich habe es dann erst mit Rollstuhl-Basketball versucht, vielleicht weil die Sportart bekannter ist”, berichtet er. „Aber das war wirklich frustrierend.”

Marvin Hücking ist Tetraplegiker, das heißt, auch seine Hand- und Armfunktionen sind eingeschränkt, weil sein Rückgrat zwischen dem 6. und 7. Nackenwirbel gebrochen ist. Den Korb, der beim Rollstuhl-Basketball genauso hoch hängt wie im Spiel für „Fußgänger”, konnte er nur schwer erreichen.

Rollstuhl Rugby, Marvin Hücking aus Olpe spielt beim Rollstuhl Club Köln, RSC Köln. ### Foto: Thomas Nitsche/WP

Dann also Rollstuhl-Rugby. Da gehört er zu den High-Pointern. Trotz seiner Behinderungen kommt er auf 2,5 Punkte. Sein Spezial-Stuhl hat schmale, schräg gestellte und verkleidete Räder und einen Bumper - eine Art Stoßstange wie beim Autoscooter. Bei den Low-Pointern ist diese Stoßstange ausgeprägter. Ihre vorrangige Aufgabe ist das Blocken der Gegner.

Blindes Verständnis

Die High-Pointer müssen vor allem fangen und sprinten, aber auch gut mit den Low-Pointern zusammenspielen. Marvin Hücking: „Im besten Fall wissen wir ohne Worte wo der andere gerade steht und tricksen den Gegner dann gemeinsam aus.”

In beiden Fällen verschmelzen Sportler und Sportgerät zu einer Einheit. Klettbänder verhindern, dass es den Spieler aus dem Stuhl reißt. Denn wie beim Rugby geht es auch beim Rollstuhl-Rugby hart zur Sache - ein Kontaktsport.

Unfälle ganz normal

„Bei Turnieren fallen auch immer wieder Spieler um”, erzählt der drahtige junge Mann, der sich sehr aufrecht, fast ein wenig steif hält. Für viele sei es sicher schwer vorstellbar, dass man nach einem schweren Unfall wieder durch die Gegend fliegen will. Für die Rugby-Spieler darf das kein Problem sein. Im Gegenteil: „Mir macht es Spaß, wenn es richtig rumpelt”, erzählt der 19-Jährige. Warum? „Vielleicht liegt es daran, dass man als Rollstuhlfahrer sonst meist mit Samt-handschuhen angefasst wird. Beim Rollstuhl-Rugby kann man richtig austeilen, natürlich ohne andere absichtlich zu verletzen - und man spürt sich wieder.”

Außerdem macht der Sport fit für den Alltag. Auch das ist dem jungen Mann, der zurzeit bei Mubea in Attendorn eine Ausbildung zum Technischen Zeichner macht, wichtig. „Das brauche ich, um Berge hochzukommen und mich unabhängig bewegen zu können”, erklärt er.

Und um etwas zu erreichen. Große Turniere wie das Bernd-Best-Turnier, Bundesliga, Nationalmannschaft, Olympia - im Handball war das nicht zu schaffen. „Auch jetzt ist es ein Traum, aber vielleicht möglich”, sagt er und grinst ein bisschen verlegen.

Ute Tolksdorf

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