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Karneval

Alaaf und Heil Hitler - gleichgeschaltete Narren

19.01.2010 | 18:25 Uhr

Köln. Karnevalisten betrachten sich gern als unangepasst und respektlos. Deshalb haben sie lange die Legende verbreitet, die Narren hätten sich auch im Dritten Reich Freiräume erkämpft. Das Gegenteil ist richtig. Weitgehend haben sich deutsche Karnevalisten willig instrumentalisieren lassen.

Die beiden Kölner Historiker Carl Dietmar und Marcus Leifeld kommen in ihrem Buch „Alaaf und Heil Hitler - Karneval im Dritten Reich” zum Ergebnis, dass es neben Anpassung und vorauseilendem Gehorsam nur ganz vereinzelt vorsichtige Formen von Widerstand gab. Weitgehend haben sich deutsche Karnevalisten vom NS-Regime willig instrumentalisieren lassen.

Dietmar hat zu dem Thema bereits vor zwei Jahren einen Film für den WDR gedreht, der sich auf Köln beschränkte. Das Buch, das kein Kölner, sondern ein Münchner Verlag anregte, weitet die Untersuchung nun auf Mainz, München und Freiburg aus. Und auch im Vergleich zeigt sich: Köln kommt nicht gut weg. „Wenn man sieht, wie die Mainzer sich gewehrt haben, muss man den Hut ziehen”, sagte Dietmar gestern bei der Buchvorstellung im Kölner NS-Dokumentationszentrum.

Nazis förderten den Karneval aktiv

Ein Grund dafür, dass die Nazis so wenig Probleme mit dem Karneval hatten, war, dass sie ihn aktiv förderten. „Man hat viel Geld in die Werbung gesteckt und die Rosenmontagszüge ausgebaut, immer nach dem Motto: Prunk vor Humor”, sagte Leifeld. Rummel sei wichtiger geworden als Tradition, Kitsch habe Einzug gehalten.

Was die Herrschenden schätzten, war das Kollektiverlebnis aus Optimismus und Heimatliebe, das Schunkeln und Singen, das einst der Stärkung regionaler Identität diente und nun national aufgeladen wurde. Die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude” brachte Menschen aus dem ganzen Reich nach Köln. „Stimmung kam dabei aber nicht immer auf”, sagte Leifeld, „weil viele gar nicht wussten, was Schunkeln ist”.

Pakt mit den Nazis bis in die 80er Jahre ein Tabuthema

Ab 1934 gab es mehr und mehr antisemitische und propagandistische Umzugswagen und Büttenreden, 1935 mussten die letzten Juden die Karnevalsvereine verlassen. Warum die eigentlich gebotene Kritik an den Mächtigen ins Gegenteil umschlug, in Häme und Spott über die schon entrechteten Juden? Dietmar und Leifeld haben dazu Theorien. Im organisierten rheinischen Karneval habe sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem der Mittelstand engagiert. Und der sehe sich gerne in der Nähe der Obrigkeit. Zudem sei in Köln der Karneval immer ein wichtiger Wirtschaftsfaktor gewesen und auch deshalb mit der Macht verbandelt.

Der Pakt mit den Nazis war besonders in Köln bis in die 80er Jahre ein Tabuthema. Konrad Adenauer stellte der Stadt 1946 einen kollektiven Persilschein aus: „Nirgendwo ist dem Nationalsozialismus bis 1933 so offener und seit 1933 so viel geistiger Widerstand geleistet worden.” Die Karnevalisten nutzten die sogenannte „Kölner Narrenrevolte” von 1935, um sich „eine Widerstandrolle anzumaßen”, so Dietmar. Damals sei es um organisatorische Gleichschaltung gegangen, die an die Eigenständigkeit der Karnevalgesellschaften gerührt hätte. Das konnten diese verhindern, indem sie Rivalitäten zwischen NS-Größen ausnutzten. „Aber danach gab es eine Unterwerfungsgeste nach der anderen”, so Dietmar.

Belastende Unterlagen sind "irgendwie verschwunden"

Kämpfe habe es in den Vereinen schon gegeben, so die Autoren. Aber da sei es weniger um Ideologie gegangen, sondern um Brauchtumspflege auf der einen und den Einheits-KdF-Stil auf der anderen Seite. Aus den Chroniken mancher Gesellschaften seien die Aufzeichnungen aus den Jahren 1933 bis 45 einfach herausgerissen worden, belastende Unterlagen seien „irgendwie verschwunden”.

Diese Verdrängungsphase sei aber durch den Generationenwechsel beendet worden, sagte Leifeld: „Heute ist klar: Wenn ein Verein ein Jubiläum hat und etwas publiziert, muss auch das Thema Nationalsozialismus angesprochen werden.” Und Dietmar betonte: „Das Kölner Festkomitee war sehr daran interessiert, dass dieses Buch erscheint.” Was die Nazis eingeführt haben, etwa die prunkvolle Prinzenproklamation, ist jedoch nach wie vor Teil des Karnevals.

Carl Dietmar, Marcus Leifeld. Alaaf und Heil Hitler - Karneval im Dritten Reich. Herbig-Verlag. 224 S., 24,95 Euro.

Harald Ries

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