Schöne, gefährliche Anarchie

„Roman“ hat der Journalist Peter Richter sein Buch „89/90“ genannt, obwohl er offensichtlich Autobiografisches aufgeschrieben hat. Und wenn es Fiktion sein soll, warum sind dann die Namen aller Hauptfiguren abgekürzt? Doch das sind schon die einzigen und keinesfalls wesentlichen Einwände gegen diese faszinierende Chronik der Wende in Dresden, die einen ganz neuen Blick auf die dramatischen Ereignisse in der untergehenden DDR wirft.

Schimmelmenschen

Wobei das Entscheidende gerade der subjektive Blickwinkel ist: Im Sommer 1989 ist der Held 15 Jahre alt. Er steigt nachts aus dem Fenster und geht ins Freibad. Da trifft sich die Jugend. Da ist das Leben. Jetzt geht es erst richtig los. Große Erwartungen. Mit Politik haben die nichts zu tun. Die nimmt man so hin. Ohne großes Interesse. Als der Erzähler ein Mädchen kennenlernt, das aus Überzeugung, ohne Karriereabsicht, in die Partei eintreten will, kann er es kaum glauben. Eine Kuriosität.

Ausreiseanträge werden gestellt, Menschen gehen weg, das fällt auf. Aber 15-Jährige haben andere Sorgen. Ungarn, die Botschaften, die Mauer - da wird es aufregend. Und abstoßend. „Schimmelmenschen“ nennen der Erzähler und seine Clique die Typen in den weiß gefleckten Jeans und mit der blondierten Dauerwelle voller Verachtung. Kohl im Dresden am 19. Dezember: „Gott segne unser deutsches Vaterland.“ Richter: „DAS war der Satz, den die Leute hören wollten, bei dem die Hölle losbrach. Und das war der Satz bei dem wir lieber losrannten.“

„Wir“, das sind Typen, die wie Punks aussehen. Und denen es nun an den Kragen geht. Die Rechten machen mobil. Sie sind mehr und stärker, aber langfristig nicht erfolgreicher: „Während die, die damals mit ihren Deutschlandflaggen auf uns eingeprügelt haben, zügig arbeitslos werden, der DDR nachheulen und Westdeutsche rein fürs Westdeutschsein anfeinden sollten, haben die meisten von uns die Welt gesehen und es im Westen überwiegend ganz gut gehabt.“ Aber damals wollten sie nicht heim in Kohls Republik: „damals wollten wir, wie Kinder, die von ihren Müttern reingerufen werden, lieber noch ein bisschen draußen bleiben, noch ein bisschen spielen“.

Straßenschlachten

Es ist eine Zeit der Anarchie, der illegalen Clubs, der Straßenschlachten, der ständig neuen Möglichkeiten: ein Traum für Heranwachsende, gefährlich, aufregend. Peter Richter zeichnet das Gegenbild zu Uwe Tellkamps Dresden-Bestseller „Der Turm“. Mit weniger Kunstanspruch und deutlich mehr Leben, politischer Erkenntnis und Glaubwürdigkeit.