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Atomenergie

Pannenserie im Atomkraftwerk Krümmel wird zum Politikum

02.07.2009 | 18:22 Uhr

Hagen. Immer wieder Krümmel: Nach fast zweijährigem Stillstand war das Atomkraftwerk, südöstlich von Hamburg an der Elbe gelegen, gerade erst hochgefahren. Seitdem hat es schon wieder zwei Störfälle gegeben. Unterdessen entwickelt sich die Atomkraft zum Wahlkampfthema.

Experten suchen seit Donnerstag nach den genauen Ursachen für den Ausfall eines Eigenbedarf-Transformators, der am Mittwochnachmittag zur automatischen Abschaltung einer Turbine führte. Der Reaktor wurde danach heruntergefahren, läuft seit Mittwochabend mit halber Kraft. Der aktuelle Vorfall - offenbar ist durch einen Bedienungsfehler ein Notventil am Transformator fälschlicherweise geschlossen gewesen - wäre weniger gravierend, wenn solche Zwischenfälle nicht in Krümmel so gehäuft aufträten. Nach einem Trafobrand im Juni 2007 tauchten bei Kontrollen so viele Probleme auf, dass erst nach mehr als 200 technischen Änderungen die Wiederinbetriebnahme am 19. Juni 2009 genehmigt wurde. Noch während der zweijährigen Wartungsarbeiten brach 2008 ein Schwelbrand in einer Lüftungsanlage aus. Und am ersten Tag der vollen Leistung am 23. Juni gab es einen Elektronik-Defekt.

Nach fast zweijährigem Stillstand war das Atomkraftwerk Krümmel, südöstlich von Hamburg an der Elbe gelegen, gerade erst hochgefahren. Seitdem hat es schon wieder zwei Störfälle gegeben. Foto: ddp

Lange Pannenliste

Warum immer Krümmel? Die Pannenliste ist lang. Dabei ist das vom schwedischen Energiekonzern Vattenfall betriebene Kraftwerk (Eon hält auch 50 Prozent) 1984 ans Netz gegangen und gehört somit nicht zu den ältesten im Land. Nach jetzigem Stand darf der leistungsstärkste Siedewasserreaktor der Welt, der zehn Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr produziert, bis 2019 laufen.

Für den Atomexperten der Umweltschutzorganisation Greenpeace, Mathias Edler, ist die Pannenserie ein Konstruktionsproblem: „Krümmel ist ein in den 60er Jahren entwickelter Spar-Reaktor. Dieses alte Modell hat man zum Turbo aufgerüstet. Das ist so, als ob ein Mofa plötzlich 100 fährt.” Greenpeace fordert die Abschaltung, da „das Schema: Panne - Prüfung - neue Panne” stets gleich bleibe. So sei der jetzt defekte Eigenbedarfstrafo erst im September 2007 gründlich überholt worden. Edler: „Es darf nicht erst ein unkontrollierbarer Störfall geschehen, damit der Pannenreaktor vollständig vom Netz genommen wird.” Und Lars Harms, umweltpolitischer Sprecher des Südschleswigschen Wählerverbandes SWW, ergänzt: „Wäre Krümmel ein Auto, hätte das Ordnungsamt längst die Plakette abgekratzt.”

Passend zur 50 Jahr-Feier des Atomforums

Pikanerweise ereignete sich der jüngste Störfall zeitgleich mit der Feier zum 50-jährigen Bestehen des Atomforums. Als Gastrednerin bei diesem Lobbyverband der Atomindustrie plädierte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch für eine Verlängerung der Laufzeit der deutschen Atomkraftwerke. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte dagegen zum Jubiläum erklärt: „Die Propagandazentrale der Atomkonzerne steht für das bewusste Verschweigen, Verdrängen und Verharmlosen der Gefahren, die mit der kommerziellen Nutzung der Atomenergie verbunden sind.”

Neubewertung der Kernenergie nötig

Atomforums-Präsident Dr. Walter Hohlefelder darauf: „Die schrille und hysterische Reaktion Gabriels spricht für sich selbst. Auch Deutschland wird um eine Neubewertung der Kernenergie nicht herumkommen.” Klar: Die Industrie spekuliert darauf, dass nach der Bundestagswahl eine schwarz-gelbe Koalition den Ausstieg vom Atomausstieg vollzieht.

Ansonsten würden in der kommenden Legislaturperiode bis zu sieben der 17 deutschen AKW abgeschaltet. Kanzlerin Merkel will eine „rationale Energiepolitik für den Industriestandort Deutschland” auch zum Wahlkampfthema machen. SPD, Grüne und Linke werden das dankend annehmen. Die Skandale um das marode Endlager Asse und eben immer wieder Krümmel liefern ihnen passende Argumente.

Von Harald Ries

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