Notfallpläne gegen medizinischen Engpass
09.09.2008 | 17:59 Uhr 2008-09-09T17:59:00+0200Hagen. In Deutschland ist es zu einer bedenklichen Mangelversorgung mit radioaktiven Isotopen gekommen, die dringend zur Diagnostik und Therapie von Krebs-, Schilddrüsen- und Herzerkrankungen benötigt werden.
Etwa 1000 Therapien bei Blutkrebspatienten können derzeit nicht angewendet werden, so die Deutsche Gesellschaft für Nuklearmedizin.
„Wir bemühen uns, dass die Patienten versorgt werden”, sagt Prof. Andreas Bockisch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin und Direktor der Klinik für Nuklearmedizin des Uniklinikums Essen. Doch die Lage sei ernst. Die Isotope werden von Reaktoren in Belgien, Frankreich und den Niederlanden bezogen. Da alle Anlagen derzeit aufgrund von Störfällen oder Wartungsarbeiten ausfallen, wird Deutschland jetzt von einem einzigen Reaktor in Südafrika beliefert.
Bei dem Isotop handelt es sich um Molybdän-99 mit einer Halbwertzeit von drei Tagen, das in Technetium-99m zerfällt. Dieser Stoff ist für die Diagnostik und Therapien besonders geeignet, da er die Patienten nur mit geringer Strahlendosis belastet. Die Versorgung aus Südafrika beträgt derzeit allerdings nur 50 Prozent der üblichen Lieferung aus den europäischen Nachbarländern.
Prof. Andreas Bockisch geht davon aus, dass dieser Engpass noch bis zu acht Wochen andauern kann, „unter der Maßgabe, dass es keine weiteren Störfälle gibt”. Die Mediziner arbeiten nach einem Notfallplan des Berufsverbandes Deutscher Nuklearmediziner in Abstimmung mit dem Bundesgesundheitsministerium. Dabei wird in der Diagnostik nach der Dringlichkeit von Untersuchungen entschieden: Ein Teil kann verschoben werden, ein Teil nicht. Letztere versuchen die Mediziner mit Ersatzmethoden zu überbrücken. So kann bei Herzuntersuchungen beispielsweise auf Thalliumchlorid zurückgegriffen werden. Zur Verfügung steht ebenfalls die Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Diese wird üblicherweise allerdings nicht von den Krankenkassen bezahlt, es sei denn es handelt sich um ein Lungenkarziom, eine bösartige Tumorerkrankung. In Deutschland werden rund 60 000 Patienten pro Woche mit Hilfe von radioaktiven Arzneimitteln untersucht.
Während die Ärzte bei der Diagnostik noch einen Spielraum haben, fallen die Behandlung für einige Blutkrebspatienten derzeit ganz aus, so Bockisch. Der Kampf gegen Lymphome mit radioaktiven Antikörpern, betroffen sind hiervon in Deutschland schätzungsweise bis zu 200 Blutkrebspatienten, ist auf den Einsatz von Molybdän-99, bzw. das daraus zerfallene Technetium-99m angewiesen.
Radio-Jod-Therapien sind hingegen nicht betroffen. Gelenkerkrankungen wie Arthritis schon. Hierbei besteht im Fall einer Nicht-Behandlung für die Patienten zwar eine Beeinträchtigung, aber nicht die Gefahr einer Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes oder gar eine lebensbedrohliche Situation. Im Fall von schmerzhaften Skelettmetastasen suchen die Ärzte gerade nach einer Ersatztherapie. Insgesamt hoffen die Mediziner, diesen Engpass „mit einem blauen Auge” zu überstehen.

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