Neuanfang ohne Münte
28.09.2009 | 19:50 Uhr 2009-09-28T19:50:00+0200Am Tag danach rappelt es im Karton.
Am Tag danach rappelt es im Karton. Die Sozialdemokraten lecken ihre Wahl-Wunden und sind schon mitten in der Planung des Gesundungsprogramms. Eine inhaltliche Erneuerung ist das Gebot der kommenden Wochen, wenn die einst so stolze Partei wieder Boden unter den Füßen gewinnen will. Darin sind sich die Genossen ganz oben und unten an der Basis einig. Mehr oder weniger unverblümt wird damit auch die Forderung nach personellem Austausch an der Spitze verbunden. Über Nacht ist Franz Müntefering, der Patron früheren Glanzes, nur noch der Mann von gestern.
So schnell kann es gehen, wenn der Erfolg ausbleibt und sicher gewähnte Sitze im Bundestag verloren gehen. Der Vorsitzende selbst signalisiert, dass er einer Amtsübergabe an Frank-Walter Steinmeier nicht im Wege stehen werde. Die noch am Sonntag geäußerte Absicht einer erneuten Kandidatur auf dem Parteitag ist Schnee von gestern. Rente mit 67, Hartz IV-Verdruss - all das wird jetzt dem Sauerländer zur Last gelegt. Seine markanten Kurzsätze [„Wir können Wahlkampf!”) haben in der desaströsen Niederlage Charme und Zugkraft verloren. Der Schwarze Peter heißt Franz.
So weit, dass auch Steinmeier, der Wahlverlierer, unter die Parteiräder gerät, ist die SPD noch nicht. Seine heutige Wahl als Fraktionsvorsitzender ist klar. Allzu sicher darf er sich seiner Führungssache jedoch nicht sein. Die eher linksgestrickten Machtstrategen kommen aus der Deckung. Steinmeier wird einen Ausgleich zwischen der zwangsläufig sich abzeichnenden Öffnung nach links und der Wahrung bisheriger Standpunkte finden müssen. Gelingt ihm das nicht, ist nach zwei Jahren der komplette Generationenwechsel fällig. Nahles, Gabriel und Wowereit üben schon die Spitzenrolle. Letzterer dürfte als Parteichef allerdings auf Vorbehalte stoßen.
Die hat Guido Westerwelle längst abgeschüttelt. Der Aufstieg des Rheinländers zum Vizekanzler und Außenminister ist ein hartes Stück Arbeit gewesen, viele haben dem einstigen Spaß-Wahlkämpfer nicht zugetraut, die FDP in diese nie erreiche Höhe zu führen. Er ist gereift und bemüht, jetzt nur ja nicht den Strahlemann zu geben. Westerwelle, der Staatsmann, so gibt er sich, so möchte er gesehen werden. Dass er es mit Angela Merkel „gut kann”, wird der Regierungssache dienlich sein. Selbstbewusst, nicht übermütig, das ist die Marschroute der absoluten Nummer 1 der Liberalen, der mit seiner Festlegung auf eine Koalition nur mit der Union ein hohes Risiko einging - und gewonnen hat.
Man muss wohl nicht bangen, ob die soziale Sicherheit gewahrt bleibt. Radikale Änderungen sind nicht Westerwelles Sache. Und dann ist da ja auch noch die Kanzlerin als soziale Gewährsfrau.
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