Das aktuelle Wetter NRW 20°C
Neue Frequenzverteilung

Kulturelles Breitband-Unheil droht

14.03.2009 | 09:37 Uhr
Kulturelles Breitband-Unheil droht

Hagen. „Frequenzbereichszuweisungsplanverordnung” heißt das neue Gesetz, das der Bundestag beschlossen hat und das am 15. Mai durch den Bundesrat muss. Nicht ohne erhebliche Änderungen, so hofft der Deutsche Bühnenverein. Das Gesetz bringt massive Probleme und enorme Kosten mit sich.

Wenn im Theater bei der „West Side Story” künftig plötzlich nur noch ein Knattern zu hören ist, trifft die Sänger keine Schuld. Und wenn dem Pastor bei der Predigt das Wort versagt, funkt nicht der Teufel dazwischen, sondern die Bundesregierung. Denn die geplante neue Frequenzverteilung im Mobilfunk hat gravierende Auswirkungen auf die Kulturwirtschaft.

„Frequenzbereichszuweisungsplanverordnung” heißt das neue Gesetz, das der Bundestag beschlossen hat und das am 15. Mai durch den Bundesrat muss. Nicht ohne erhebliche Änderungen, so hofft der Deutsche Bühnenverein. Das Gesetz bringt massive Probleme und enorme Kosten mit sich.

Foto: Thomas Winterberg

Die Mobilfunkbranche schaut begehrlich auf die Zuweisung der bislang vom Fernsehen genutzten Frequenzen zwischen 460 und 960 Megahertz. Mit der Digitalisierung werden die oberen Bereiche dieses Spektrums frei. Für den Mobilfunk sind sie attraktiv, weil die bisherigen TV-Frequenzen durch Wände hindurchgehen, der Mobilfunk daher mit großer Leistung senden kann.

Keiner der beteiligten Politiker hat in der Euphorie der Diskussion um Digitale Dividende und Breitband-Initiative allerdings bedacht, dass es sich hierbei um die sogenannten Kulturfrequenzen handelt, in denen lizenzfrei alle drahtlosen Mikrofone untergebracht sind. Mobilfunk und Funkmikros sind physikalisch unverträglich.

Ein Randphänomen? Nur, wenn man übersieht, wieviele Sektoren zwingend mit Funkmikrofonen arbeiten. Zum Beispiel die Theater. Für Musicals und Konzertmitschnitte, aber auch hinter der Bühne sind Headsets und Mikroports unentbehrlich. Ein Ersatz würde teuer, und der Gesetzgeber hat bislang keine Idee, wer das bezahlen soll. „Das ist ein Riesenproblem”, argumentiert Rolf Bolwin, Direktor des Bühnenvereins. „Nach Schätzungen von Experten wird die neue Frequenzzuordnung die Kulturbranche mehrere hundert Millionen Euro kosten. Den Theatern kann man die Kosten nicht einfach aufdrücken, das Geld haben sie nicht.” Der Bühnenverein fordert daher, mit der Verabschiedung des Gesetzes zu warten, bis andere technische Lösungen ausgereift sind.

Bis 2015 dürfen Drahtlosmikros theoretisch genutzt werden, aber bereits ab 2010 startet die Frequenzumstellung in ländlichen Regionen.

„Im schlimmsten Fall machen die Handys unsere Frequenz ganz platt.”

Rolf Köppermann leitet die Tontechnik am Theater Hagen. „Wir haben in der Tontechnik 20 Kanäle. Signale aus den Handys werden Störgeräusche verursachen, im schlimmsten Fall machen die Handys unsere Frequenz ganz platt.” Das Publikum bezahlt gutes Geld für Eintrittskarten und erlebt eine gestörte Vorstellung. „Pro Kanal müsste man 4500 Euro investieren, wenn es neue Frequenzen gibt, um den alten Stand wieder herzustellen”, rechnet Köppermann vor. Unnötig zu sagen, dass diese knapp 100 000 Euro im Budget nicht übrig sind.

Uwe Lammich, Geschäftsführer der L & G Showtechnic in Meschede, ist als mittelständischer Unternehmer der Neuregelung ausgeliefert. „Es gibt noch keine Lösungen, wie es weitergeht. Im Moment setzen wir auf die Hersteller, dass sie andere Produkte entwickeln. Die Hersteller wissen, dass die Benutzer im Zugzwang sind, deshalb wird das vermutlich teuer.” Der Tontechniker schildert, dass mehr Bereiche betroffen sind, als die Politik wahrhaben will. Denn Drahtlosmikros sind vom Bandauftritt über den Papstbesuch bis zum Fußballspiel, vom Gottesdienst bis zur Ausstellungseröffnung aus dem öffentlichen Leben nicht mehr wegzudenken.

„Die Politik hat die Mikros verschlafen”, ist sich auch Helmut Bauer sicher. Der Kölner Rechtsanwalt arbeitet als Berater für den internationalen Verband der Tontechniker und Hersteller APWPT. Kostspielig angeschafftes und funktionierendes Gerät müsste sinnlos weggeworfen werden, listet Bauer auf.

In Großbritannien ist die Vergabe der Kulturfrequenzen an den Mobilfunk übrigens wieder gestoppt worden. Nicht nur, weil Andrew Lloyd Webber als Fürsprecher der Theater dagegen ist. Sondern, weil man fürchtet, die Olympischen Spiele mit ihrem Großeinsatz von Funkmikros zu gefährden. Daher setzt der Deutsche Bühnenverein auf ein Argument, das die Politik endlich überzeugen könnte: Berichte über Parteitage oder Landtagswahlen kann es nach der Frequenzumstellung in der bisherigen Form ebenfalls nicht mehr geben.

Monika Willer

Facebook
 
Kommentare
28.04.2009
11:43
Kulturelles Breitband-Unheil droht
von Klaus Welm | #4

Mehr Infos zu diesem Thema erhalten Sie unter www.SaveOurSpectrum.org.

Klaus Welm

28.04.2009
11:43
Blockierter Kommentar.
von Klaus Welm | #3

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

20.03.2009
23:04
Kulturelles Breitband-Unheil droht
von Paul1988 | #2

Erst die guten alten CT1-Telefone weg
Jetzt die Bühnenfrequenzen
und 2013 dann alle DECT-Telefone - das heisst dann brauchn wir alle neue schnurlos telefone oder telefonieren nur noch teurer übers handy

15.03.2009
04:16
Kulturelles Breitband-Unheil droht
von dasKollektiv | #1

Mitte der 80ziger haben die Bühnen illegal Funkfrequenzen für sich beschlagnahmt, jetzt ist es umgekehrt, hört doch auf zu meckern, lügen und träumen
Frau Monika Willer (WP), lassen sie sich nicht missbrauchen!

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/400638/create

Umfrage

Hat Schweden zurecht den ESC gewonnen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Traumtag bei WIM
Bildgalerie
Montgolfiade
Totilas der Superstar
Bildgalerie
Balve Optimum 2011
KulturPur in Siegen
Bildgalerie
Party
Mendener Pfingstkirmes
Bildgalerie
Pfingstkirmes 2011
Aus dem Ressort
Das Geheimnis der schwarzen Hand, Folge 14
Fortsetzungskrimi
Wendler und Schulthof fluchten und fühlten sich an der Nase herumgeführt. In zwölf Städten und Gemeinden hatten sie vergeblich gesucht, hatten historische Stätten und touristische Sehenswürdigkeiten kennen gelernt und manchen städtischen Werbeblock gehört. Aber eine Spur von der Schwarzen Hand?
Foto Text
Das Geheimnis der schwarzen Hand, Folge 13
Fortsetzungskrimi
Die Wälder wurden immer tiefer und dunkler. Keine Menschenseele war zu sehen. Würde der Täter endlich Ernst machen?
Foto