Junge Menschen auf der Suche nach sich selbst

Man kennt solche Situationen: Ein paar Leute reden zu laut oder benehmen sich sonst wie rücksichtslos, der Rest der Anwesenden ist genervt, doch keiner tut etwas. Man geniert sich, fürchtet, nicht den richtigen Ton zu treffen. So begann das vor gut zehn Jahren im Flugzeug von Bergamo nach Köln. Eine Gruppe Jugendlicher schrie herum, die anderen Passagiere empörten sich still. Und dann erhob sich doch einer, ein Mittfünfziger mit wenigen Haaren und markanter Stimme. Bestimmt forderte er die jungen Männer auf, Platz zu nehmen und nicht weiter zu stören. Danach war Ruhe. Außer in meinem Kopf. Der Mann kam mir bekannt vor. Das war der Schauspieler Hanns Zischler, den ich seit „Im Lauf der Zeit“ (1976) von Wim Wenders, schätzte, der auch international viel gespielt hat, bei Chabrol oder Spielberg. Ein beeindruckender Mann, dachte ich.

Und da wusste ich noch gar nicht, dass er französische Philosophie ins Deutsche übersetzt und ein Buch über Kafka geschrieben hat, Verleger, Essayist und Fotograf ist, geradezu erschreckend gebildet und aktiv. Und nun hat er seinen ersten literarischen Text geschrieben. Selbst wenn das jetztlangweilig klingt: Auch „Das Mädchen mit den Orangenpapieren“ ist außerordentlich gut gelungen.

Die späten 50er Jahre, ein bayerisches Dorf. Hierhin ist die 15-jährige Elsa nach dem Tod ihrer Mutter mit dem Vater gezogen. Der ist meist weg, sie, die Großstädterin aus Dresden, fühlt sich fremd, wird wegen ihres Dialekts und ihres Hüftleidens von den Schulkameraden verspottet. Nur langsam wird es besser. Ein Lehrer mag sie, der Mitschüler Pauli, dann freundet sich Elsa mit der zu hinzugezogenen Halb-Engländerin Saskia an. Und sie hat ihre Sammlung von Seidenpapieren mit bunt-exotischen Motiven, in die Orangen eingewickelt sind.

Zischler sammelt die selbst. Und schreibt so ähnlich: zart wie das Material und kräftig bunt wie die Motive. 20 kurze Kapitel, über junge Menschen auf Selbstsuche, über Freundschaft und Liebe und Verluste, über die Folgen des Krieges und die Anfänge der Bundesrepublik. Knappe Sätze, kleine Szenen, keine Erklärungen, sondern Beschreibungen und Dialoge. Andeutungen und Hinweise. Es bleibt Raum. Und weil die Töne so genau stimmen, entsteht so doch eine ganze Welt.


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