Heiterkeit als Überlebensmittel

Es ist schwer jemanden zu finden, der etwas Negatives über Hape Kerkeling sagt. Manchem fällt schon eine nicht ganz so geglückte Sendung ein oder ein eher unnötiger Auftritt. Aber das ändert nichts an der Gesamtverehrung. Nur wenn man richtig bohrt, gesteht eventuell einer ein, er könnte vielleicht auch mal schärfer und bösartiger sein, statt sich auf harmlose Heiterkeit zu beschränken. Aber das ist eben genau nicht Kerkelings Absicht. Wer seine Kindheitserinnerungen liest oder hört, die natürlich auch sofort zum Super-Bestseller wurden, versteht die Gründe.

Im Zentrum von „Der Junge muss an die frische Luft“ steht ein Ereignis, das geeignet wäre, einem Menschen die gute Laune für immer auszutreiben, eine Katastrophe, die ein Leben gleich zu Beginn hätte vernichten können: der Suizid der Mutter.

Hape ist acht Jahre alt. Er registriert schon länger, dass seine Mutter nicht mehr die alte Fröhlichkeit und Lebenslust ausstrahlt. Sie ist überfordert und erschöpft. Und als sie durch eine missglückte Operation Geruchs- und Geschmackssinn verliert, driftet sie ab in die Depression. Hape versucht sie aufzuheitern, indem er die Figuren aus dem Fernsehen parodiert. Manchmal gelingt das, für kurze Zeit.

Dann die fatale Nacht. Die Mutter geht früh zu Bett. Hape darf so lange fernsehen, wie er möchte. Das kommt ihm seltsam vor, aber er hält brav bis zum Senderschluss durch. Dann sieht er nach der Mutter. Er spürt, dass etwas nicht stimmt mit ihr. Er legt sich neben sie ins Bett. Und wartet, in katatonischer Starre, die ganze Nacht, bis der Vater am Morgen von einer Dienstreise nach Hause kommt. Dann Notarzt, Klinik, Tod.

Wie übersteht man das? Wie bekommt man danach ein funktionierendes Leben hin? Kerkeling dankt seiner Großmutter, die zu ihm zieht. Wie sich die Frau vom Jugendamt zum Besuch angekündigt hat und sie nicht mitbekommen soll, dass Oma wegen ihrer kaputten Hüfte kaum laufen kann, wie man beschließt, der Großvater soll die Amtsperson an der Tür empfangen und in die Küche geleiten, wie das geübt werden muss, weil der Großvater kaum hören und sehen kann - das ist eine der vielen, vielen komischen Szenen in diesem ungemein sympathischen Buch.

Kerkeling erzählt Typisches und Spezielles aus einer Ruhrgebiets-Kindheit in den 60ern und 70ern, beschreibt Szenen aus seinem späteren Leben als erfolgreicher Entertainer. Natürlich hat er ein exzellentes Gespür für Dramaturgie und Pointen. Sprachlich ist er weniger ambitioniert, aber das stört nicht weiter. Die Geschichte packt, und man mag den Mann. Er bedankt sich bei all den Vertretern der leichten TV-Unterhaltung, die ihn in den schweren Jahren nach dem Tod der Mutter aufgeheitert haben, und erklärt, er habe es ihnen stets gleichtun wollen: Menschen, denen es schlecht geht, Trost und ein Lachen spenden. Bleibt nur zu hoffen, dass sein allmählicher Rückzug aus dem Fernsehen nicht endgültig ist.