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Gedenken an den...

Geschichts-Politik

01.09.2009 | 20:36 Uhr

Vor 70 Jahren begann das tragischste Kapitel in der Geschichte Europas, so hat Angela Merkel gestern ihre Ansprache in Danzig begonnen.

Fürwahr Grund genug, immer wieder daran zu erinnern. Doch ein Gedenktag, zumal ein solcher, hat nie allein die Vergangenheit zum Thema. Mindestens ebenso sehr gilt er der Gegenwart, der Selbstvergewisserung der Heutigen in der Rückschau auf die Distanz, die wir mittlerweile zwischen uns und jenes fremde, tragische Kapitel gelegt haben.

So folgte denn gestern die Kanzlerin der aufsteigenden Linie einer seit langem in Deutschland kanonisierten Geschichtserzählung. Darin ist vom Holocaust die Rede ebenso wie von „Wunder” und „Gnade”, Europas Wiedererstehung als Kontinent der Freiheit und des Friedens. Merkel erwähnte den Fall der Mauer, die deutsche Einheit, die Einheit Europas: Geschichte als politische Lektion.

Politisch gesehen gewann die Danziger Feier indes ihre Brisanz daraus, dass neben der deutschen Kanzlerin auch der russische Ministerpräsident das Wort führte. Man wurde daran erinnert, dass die unterschiedlichen Erfahrungen der Europäer auch unterschiedliche Erzählungen gezeitigt haben. Die im Westen des Kontinents gängige handelt vom Nazi-Terror, von dem Europa 1945 befreit wurde. Polen und andere Osteuropäer erinnern sich an den Schrecken zweier totalitärer Systeme und an 1989 als das Jahr der Befreiung.

Es wäre ein Missverständnis, hier, wie das gerne geschieht, eine Relativierung der Nazi-Verbrechen zu vermuten. Ein europäisches Geschichtsbild bliebe ohne die osteuopäische Erfahrung bruchstückhaft.

Wilfried Dolderer

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